Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Utidtlbrrgrr Irilung.

Kreisvcrkündigungsblktt sür den Kreis Hcidctberg unü amtlichcs Berkündigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gcrichtsbczirkc Hcidclbcrg und Wicsloch und dcn Auitsgcrichtsbezirk Ncckargcniülid.

Nl 2«


Donnerstag, 23 Zanuar


' Politische Nmschau.

Nach dcr „Hanlb. Ztq." ist die auf den 23.
Abends anbcraumte Ntassenvcrsammlung der
SchleSmig-Holsteiu-Vercinc und der Kampfge-
nossen durch die Altonaer Polizcibehörde ver-
boten worden. (Vgl. jedoch Allona, 23. Jan.)

Dcr „Tcmps" widerspricht die gestrige Mit-
^ theilung, daß die päpstliche Negierung mit dcm
Hause Nothschild eine Anleihe von 50 Mtll.
abgeschlossen habe.

Dasselbe Blatt bespricht die Thronrcde und
sagt in der Darstcllung bezüglich dcr Fragc von
SchlcSwig-Holstcin: Da die Bestimmungen deS
Wicncr Vertrages wcsentlich provisorischen Cha-
rakterS seicn, so wünschc die französische Negie-
rung, diese Angelegcnheit durch ein mit ihren
früher auSgesprocheuen Jdeen übercinstimmen-
dcS Arrangcmcnt beendigt.

Bezüglich der Stclle über Mcxiko sagt dcr
„Temps": Als die Negicrung die Expedition
unternahm, hatte sie ein Ziel, nach wclchem sie
ihr Berfahren einrichtete, von wclchcm noch ihre
Entschlicßungcn abhängcn. Wir sind nach
Mcxiko gegangcn, um die Entschädigungöan-
sprüche FrankrcichS, nicht um monarchischen
ProsclhtiSmuS zu bclrciben. Sobald mit Kaiser
Maximilian wegcn dcr Sichcrhcit unsercr na-
tionalen Ansprüche Ucbereinkunft gctroffen, ist
dic Nückkehr unseres ExpeditionScorpS leicht zu
bestimmen.

Die „F-rance" bemerkt,.daß bei den Stellen
dcr Throurcde, wclche die Negentschaft der
Kaiserin, die nnerläßliche Aufrcchterhaltung der
wcltlichen Macht dcs Papstes, nnd dic Bezie-
hungcn Frankrcichs zu dcn Vercinigten Staaten
bchandcln, die mcisten BcifallSbezeugungcn laut
gemordcn sind.

Zm Orne-Departcment ist die Wahl eincs
Abgeordneten zu Gnnsien der Negiernng aus-
gcfallen, ihr Candidat hat ungcfähr 1000 Stim-
men mehr als dcr dcr Opposition.

Prinz Oddone, dcr jüngste dcr drci Söhne
Victor Emanucl'S ist am 22. d. in Genua ge-
storbeu.

Dcr „Patrie" geht aus Madrid die Nach-
richt zu. daß Marschall O'Donnell dcm Ge-
neralcapitän von Catalonien Befchl ertheilt hat,
Truppcu abzuscnden, um die Grenzen dicicr
Provinz zu übcrmachcn für den Fall, daß Prim,
nachdcm er Portngal vcrlassen hat, versuchen
sollte in Catalonien cinzndringcn. Während
die Truppcn die Landgrcnze übcrwachcn, wird

eine auS vier KriegSschiffcn gcbildete Division
an dcr Küstc von Catalonien kreuzen.

D e ii t f ch l a n d.

Karlsruke, 22. Jan. Seine Königliche
Hohcit der G roßherzog habcn den Doctor
Battlehner in Nenchen mit dem Charakter
als Medicinalrath zum Mitglied des Oberme-
dicinalraths zu crncnnen, und ihm zugleich die
Functioncn cineS Krcis-OberhebarzteS zu über-
tragen gcruht. — Lieutenant Beck vom 4. Jn-
fantericreginrcnt erhielt die nachgesuchte Ent-
lassung aus dem Ak^neccorps, mit der Erlaub-
niß in fremde Dienste zu tretcn.

F-s Knrlsruh^, 23. Januar. Ueber den
Einfluß, dcn unscre neucre Gesctzgebung übcr
Gewerbefreiheit und Freizügigkeit
auf die vermchrte Thätigkcit im Hanvel und
in den Gcwerbcn unsercs LandcS geübt haben,
gibt dcr neueste Voranschlag für die laufende
Budgetpcriode 1866—67 höchst günstige Nach-
wcise. Noch im Jahre 1864 betrug das ge-
sammte Steucrkapital dcs Landes im Ganzen
215,884.855 fl. Dassclbe ist im Jahre 1865
bereits auf 222,352 280 fl. angestiegcn, hat
sich also binncn dcr knrzen Frist eines Jahres
um 6,467,425 fl. vermehrt. Dic Geipcrbe-
stcucr beträgt bci uns bekanntlich gcgenmärtig
23 kr. von 100 fl. Die Gemerbesteuer bcrcch-
nct sich demnach dermalen aus 852,350 fl. für
das Jahr, eine anschnliche Summe, die gcgcn
frühcr nm mchr als cin Drittel zugenommcn. hat.

Die genannte Summe bringl die Thätigkeit
des inländischen und ansaßigcn Handcls- nnd
GewerbestandcS auf. Dazu kommt nun noch
die Gemcrbesteuer und Gcmcrbstcucrtaxe für
Ausländer, im Durchschnittöbclrag bon etwa
15,217 fl. für's Zahr. Lctztcrc Snmme ist
offcnbar sehr unbcdentend im Vergleich zu dein
auSgebrciteten fahrcnden und Hausirhandcl, den
AnSländcr in unscrem Lande betrcibcn. AuS
der Vergleickung dcr angcgcbenen Steucrsum-
mcn läßt sich schon ein gewisscS Mißverhältniß
in der Bcsteuernng deS inländischen GcschäftS«
mannes gcgcnübcr deS fremdländischen, dcr fnr
einige Tage odcr Wochcn unscrn Markt bezieht,
erschließen. Die Klagen deS Erstcn, daß der
Frcmde bci unS allzu liberal und anf' Kvstcn
dcS Jiiländers bchandelt mcrde, sind in dcr
That wohl bcgründct, und ist cine Ausglcichung
dringend gcbotcn. Auf gcgenwärtigem Land-
tage wird anch, wie wir hörcn, auf gesetzlichcm

Wege diesem Uebelstande abgeholfen wcrden.

Jmmerhin aber dürfen wir unS freuen, daß
in Folgc einer liberalen Gesctzgcbnng über daS
Gewerbcwesen dieses in so knrzer Zcit in so
erfrculichcr Wcise sich gehoben hat. Der Ab-
schluß dcs deutsch italienischen HandelsvertragS,
die Wicderbclebung des VerkehrS mit Amerika
scit Beendigung dcs dortigen BürgerkriegcS
lassen mit Grund hoffcn, daß Handel und Ge-
wcrbe auch fcrnerhin in eincr günstig fortschrei-
tcnden Progression zunehmen werdcn.

Karlsruhe, 21. Jan. Uebcr die Grnnd-
züge des neuen SchulgcsetzeS erfährt der „Schw.
M " Folgendes: dcr Schulzwang wird für die
Elementarschule, nicht aber für die sog. Fort-
bildungsschulen aufrecht erhallen, dorr aber der
Untcrricht möglichst erweitert. Zn Betreff der
Bilduug der Lehrer sollen künftig höhcre An-
sprüche gcmacht und zu dem Ende an jedem
Seminar ein dritter Curs errichtct wcrden.
Die Bcsscrstellung der Lehrer wird eine sehr er-
hebliche scin und je nach der Klaffe deS bctrcß-
fenden Schuldienstes bis übcr 60 Proccnt dcs
biöherigen Einkommcns betragen. Dic Uebcr-
nahme kirchlicher Ncbendicnste, mit AuSnahme
dcs Organistendicnstcs, der aber besonders be-
zahlt werdcn muß, soll dem Lehrer künftig nicht
mehr gestattct werdcn. Die Erhöhnng dcr Lch-
rergehalte übernimmt einstweilen die Skaats-
kassc, der zu dicsem Behnfe künftig eine jähr-
liche MchrauSgabc von etma 300.000 fi., wie
schon früher ermähnt, erwachscn mird. Den
Gemeinden, wclche zur Deckung dcs Aufwan-
dcö für ihre Volköschnlen keine Staatöbeiträge
erhaltcn/ soll bei Besetzen der Lehrstcllcn ein
Wahlrccht enigeräumt mcrdcn.

»jj* Vou» Neckar, 21..Jan. Dcr Ta-
bakbau hat für nnser Land eine Bedcutung,
wie dics zur Zcit sür kcik anderes Land des
dcutschcn Zollvercins der Fatt ist. Jm ganzen
Zottvercin merdeu gegenwärtig ctma 90,000
Ntorgcn mit Tabak bepflanzt; hicrvon kommt
auf Baden allein nahczu cin Drittcl, nämlich
dnrchschnittlich 30.000 Morgcn. Jn Prcußcn
wcrdcn ctwa 27,000, iu Baycrn 18,000, in
Wnrtcmbcrg kaum 700 Morgen mit Tabak
angebant. Die Tabakknltur hat darnm für
nnserc finanziellen und volkSwirthschaftlichen
Jntcrcssen ekne schr beachtenswerthe Bcdcutung;
es ist daher doppclt zu beklagcn, wenn dnrch
Mißgriffe dcr Producentcn sclbst manckmal die
Preise plötzlich und stark heruntergedrückt wer-

kommende Schanspirl „Hans Lange" von Paul
Hcyse entbält die Beilage drr A. Allg. Z. nach-
stehcnde Bcnrtheilung der erstcn Darstrll»ng am
Hoftheater in Münchrn. „Drr Erfolg, den sich
Paul Hrvse errang, ist rin durchgrrifrnder zu nrn-
nen. Mit Ausnahme des vierten ActeS wurdcn
rie Schauspielr^, so oft der Vvrhang firl, gerufen;
den Dichtcr srlbst verlangte das Pudlikum viermal
hrrauS; zudem bcglritcte fortdauernder Bcifall
Scene fnr Scene, drr im drittrn Aufzug scinen
Höhrpnnkt errrichte. Es ist überflüssig, die in ganz
Dkutschland brkannte Fabrl des Schauspiels hiey
wirdrr vorzufübren, nur ei'nzrlne Brmcrkungen
daran zu knüpfen will ich mir rrlauben. Da
sträubt sich drnn mrin südtentschrr Zwcifel un-
gläubig gegen die Rcdrgewandtbrit drS pomme-
rischcn Bauern vom Jahr 1476. Drr Norddeutsche
weiß richtigrn Bcschrid in den großrn und klrinen
Sorgrn und Gehrimniffrn, die über den Parkrt-
boden huschrn; das Verständniß drs Volks aber,'
wie rS dranßrn in StaU und Hütte lrbt und wrbt,
glaubt der Süddrntsche flch in höhrrem Maß er-
schloffen. So glücklich nun im einzelnen diesrr

Vaner Lange gcgriffrn ist, im großen Ganzcn
^ mache man uns nicht wciß: er habe wirklich rrkstirt,

! genau so mit all den Rrden, wie sie brssrr ein
Hofrath nicht herausgrbracht hätte. Da ist der
Großknecht Henning eine andere Figur, frisch aus
dem L>b n gcholt, mit Flrisch und Bl»t. Das
Publikum fühlte das a»ch hrraus; wo die drrbe
Sprache deS Bauern vrrlautcte, ging rs mit drm'
Dichter, zog fich aber zurück, sobald sick HanS
Lange über den nach unscrn Begriffcn für den
Baucrn begrenzten Horlzonl vrrstirg, wie drnn
z. B. drr in srinen einzelnrn Thrilrn mit drama-
tischer Mcistrrschaft grbaute vierte Act so gut wie
nichts machte. D-'grgen bob drr lrtzte Aufzug dcn
Brifall wicder, trotz allcdrm. Das Schauspicl ist
eigentlich mit drm virrten Act zu Ende. Es blirb
nur eine Ausklärung zu gcbrn, wie das Vrrhält-
! niß zwischrn der Herzogin und Hrn. v. Maffow in
Wirklichkeit grstaltrt war. Die Aufklärung war
! nothig zum gerundetrn Abschluß; aber ich glaube,
sie bätte auch frührr (virrten Act vor der Scrne
zwischen Bauer und Hrrzogi») grbracht werdrn
können, wodurch rs überflüssig geworden ware, mit
ganz neuem Anlauf an eine weitere Reihe von
I Scenen zu gehen. Der Schluß ist rcht: Hr. v. Mas-

sow will die Hcrzogin und ihren Sohn gefangrn
nehmen, da sammeln sich um daS Haus an vicrzig
biS fünfzig derbe Landbewohner und geleitrn mit
Hohnlachen drn Hormarschall, dem sie ibren Ring
zur Flucht öffnen. So ift d.m heiteren Schauspiel
ein hrttrrrs Ende gewordrn Ob aber dic Bauern
im grgrbrnrn Fall dcn LandrSvrrräthrr und scine
paar Leute nicht mit ihrrn Knüppeln zn Tode ge-
schlagrn hätten, anstatt ihn unter schlcchten Witzrn
ziehen zu lasscn, im Bcwußtsein: „Der sammelt
neue Schaarrn und überzieht uns mit Krieg,"
darüber lirße sich strritcn. Doch was thut dies alles
zur Sacke. Das Publikum, und wir gerne mit'
ihm, bezeugen dem Dickter, daß sein Hans Lange
ein glücklicher Griff sei; es nimmt die heitern
Späßr wohlwollend hin und frrut fich, einmal ein
andrreS Antl'tz zu sehen, als daS immer ernste
der Tragödten. Mich wenigstens dünkt eS manch-
mal so, als schwände drr Sinn für die ernstere
Kunft nur drShalb, weil das Leben um uns so
wenig an erhebrndrn Momrnten bietrt; da will
denn die große Menge für eine kckrze Weile da§
traurigr Spi.l draußen vergrffcn, und nimmt mit
Gier rntgegrn, was fie eine Zeitlang ihren trüben
Gedankrn entreißt."
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