Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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mer schreitet dann zum Gegenstand der TageS-
ordnung, nämlich zur Berakhung mehrerer Be-
richte der Budgetcommüsion über die RechnungS-
nachweisüngen deS MinisteriumS dcS Jnnern
für die Finanzperiode 1862—63. Dic Sache
selbst gibt zu keinerlei Bemerkungen Anlaß und
werden die gestellten Anlräge auf Nichtbean-
standung nach einander ohne Weiteres gcneh-
migr.

<5 Aus Daden, 18. Febr. ES ist auf-
fallend, daß unser sonst so glücklichcs badisches
Land neuerdings zu dem Herde einer Agitation
wegen eincm Gcgenstande gcmacht werden soll,
der in so manchen andern Staaten, namentlich
auch Nachbarstaaten, durch gesetzliche Einfüh-
rung längft fanctionirt ist: Die Civilche,
deren Verhinderung dic neuesten ultramontanen
Umtricbe bekanntlich gelten, ist eine natürliche
Folge der Trcnnnng der Kirche vom Staate.
wie sie in der neueu Gesetzgebung (seit 1860)
ausgesprochen wurde. Ihre Einführung ist
eine Wohlthat für die Bevölkcrung schon in so
ferne, als sie viclg Schwierigkeiten, welche von
der ultramontanen katholischen Geistlichkeit bis-
her der Abschließung von Ehen bcrcitet wur-
den, beseitigt. Daß die religiöse Seite der
Ehe, die kirchliche Trauung damit nicht bedroht
ist, wciß man in den Ländern, wo die Civil-
ehe gesetzlich besteht, recht gut; in den meisten
Fällen folgt auch dcr bürgerlichen Trauung dic
kirchliche nach. Wie kann also die Absicht, die
Civiltranung zum Gesetze auch in Baden zu
erheben, als ein Angriff auf die römisch-kathol.
Kirchc bezeichnet werden? Und doch erfüllen
unsere Ultramontanen das Land jetzt eben mit
solckem Geschrei, und drohen neuerdings cine
Casinoagitation anzufachen, gegen welche die
„Schulbkwegung nur ein Kinderspiel 'gcwesen
wäre." — Es ist jedenfalls merkwürdig in
seiner Weisc, daß man clericalerseits selbst ge-
gen Dinge rumort, die in Nachbarstaaten längst
vollgültig und von der Kirche und ihren jedcn-
falls gut katholisch gesinnten Bischöfen unbe-
kämpft dastehen.

^ Aus der Pfalz, 17. Februar. Die
Nr. 38 JhreS Blattes bringt eincn Artikel aus
KarlSruhe vom 13.Febr., welchcr bei Gelegen-
heit dcr Besprecknng dcr StaatSzuschüsse für
den CultuS der verschiedenen Confessionen die
principielle Frage aufwirft: ob der Staat. nach-
dem die Kirchen von ihm ausgeschieden und
selbstständigc Corporationen geworden sind, noch
ferner zu Beiträgen für Cultusbedürsnisse ver-
pflichtet sei? Wir sind mit ihm und auch mit
dcr zweiten Kammer ganz einverstanden in dem
Princip, daß die Kirchen conscqucntermaßen
mit ihren eigenen Mittcln für ihre Bedürfnisse
zu sorgen haben; und da, was im Princip
richtig ist, auch von der ctwaö langsamcr schlei-
chenden Praxis zuletzt anerkannt und erfüllt
werden muß, so zweifeln wir nicht, daß die
dort auSgesprochenen Forderungen früher oder
später zur Gcltung kommen werden und müssen.
Aber bevor cs dahin kommen kann, muß eine
andere Thatsache vorauSgehen, die eigentlich mit
jener principiellen Trennung von Staat und
Kirche zu gleicher Zeit hätte inS Leben treten
sollen; nämlich das Kirchenvermögen muß aus

Klrinen nicht hinauS, aber fie brachte ihn hinein. ^
Viermal hat die gnte Frau mit dem kletnen Arndt ^
die ganze Bibel von Anfang biS zu Ende durch-
gelesen, und er erzählt uns, wie er oft an den
Lippen der liebrn Mutter gehangen, wie er sich
von ihr nicht hätte losreißen können, und schon
damals schlief er so wenig, daß man ihn Lerche

Arndt war jetzt 13 Iahre alt und wußte außer
biblischen Geschichten und einigen Sätzen des Ka-
techismus eigentlich nichts. Der Vater, ein rtwas
unruhiger Mann, fiedelte weiter, und zwar dies
Mal in die Nahe von Stralsund, wo er zwei
große Güter pachtete — er war allmälig etn der-
möglicher Mann geworden — wteder nahe am
Meer, und daS war des kleinen Arndt großc Freude.
Er erzählt noch tn seinen altcn Tagrn, mit welcher
LLonne es ibn erfüllt habe, wenn der Sturm die
Wellen des Meeres gepeitscht habe, biS fie in den
Hofraum hinein gefluthet hätten, da wärc ihm

war, mußte wiedcr ein Hauslehrer aufgetrieben.
werden. Es war dieses Mal ein Nnterofficier, ein

s dem Staatsvermögeu vollständig ausgeschiedxn
uud der kirchlichen Corporation, vie auf ihre
eigenen Mittel angewiejen werden soü, zurück-
gegeben «erden. ES ift nämlich bekaunl, daß
die badische Staalskasie jchon vor längerer Zeil
daS oberländer evangclische Kirchenvermögen an
sich gezogen und sich selber einverleibt hal.
Dafür hal freilich der ^rtaal die Pfarrbejol-
duugen, so wie die Erbauung und Unterhal-
tung dcr Pfarrhäuser und Kirchen auf seine
Kasie übernommen. Aber ift wahrscheinlich,
daß diese Leistungen noch kein Aequivalenl für
die Einkünfte bilden, die er sich zugeeignet hal;
und wenn auch dieses Verhällniß sich entschul-
digen ließ, so lange der Slaal und die evan-
gelische Kirche noch in Verfasiung uud Rechlen
mit eiuandcr verwachsen waren, so müsien Loch
jetzt, nachdem eine principielle Scheidung ein-
getrclen ist, auch die zusammengeworfenen Ver-
mögenstheile geschicden und jedem Theile zuge-
messen werden, was ihm gebührt. Es mag
dies freilich eine schwierige und mühjame Auf-
gabe sein, aber auf die Länge wird man sich
ihr nicht entziehen können. Mit der katholischen
Kirche verhält sich dies freilich anders, und
hier bedarf es nur einer fylgerichtigen Durch-
führung des GrundsätzeS.

Berlin, 16. Fcbr. Das AbgeordnetenhauS
begann seine heutige Sitzung mit der Berathung
deS zwischen England und Preußen abgeschlosse-
ncn Schifffahrts-VertrageS, welchcr, wie schon
gemeldet, mit großer Majoriläl angenommcn
wurde.

Berlin. 17. Febr. Jn der heuligen -Litzung
der Budgetcommission wurde die Verlesung dcS
VorberichtS deS Abg. Virchow fortgesetzt. Dar-
auf wurde nach längerer Dedalie derTweften'-
sche Antrag auf Ablehnung deS BudgelS mit
19 gegen 16. Stimmen verworfen. Der Anlrag
wird indeß wahrscheinlich bei Gelegenheit deS
Schlußberichts noch einmal aufgenomlyen wer-
den.

Berlin, 17. Febr. Die „N. A. Z." hatte
in der bckannten Angelegenheit des Grafen
Warkensleben gegen den Abg. Dr. Frese mit-
getheilt, daß Hr. Freje „jeoe Genuglhuung
verweigert habe." Der letztere antwortete hier-
auf in der VolkSzeitung: „Diese Miltheilung
ist wcsentlich unrichtig. Auf die erste desfall-
sigc Anzeige Seiten'S des Herrn Abgeordneten
Graf Wartensleben habe ich sofort meme Be-
reitwilligkeit zu einer befriedigenden Erklärung
im Hause der Abgeordneten ausgesprochen,
falls der genannte Herr Mgeordnete sciiwr-
seitS durch eine entgegenkommende Erklärung
im Hause mir dazu die Möglichkeit biete. Bei
den durch befreundete Abgeordnelc darüber ge-
pflogenen Verhandlungen ist mein Verlreter
biS an die äußerfte Grenze der Versöhnlichkeit
gegangen, aber ohne Erfolg. — Die „andere
Art" von Genugthuung habe ich abgclehnt und
lehne sie ab; die einzige Art, Unrecht gutzu-
machen, ist nach meiner Ueberzeugung: einge-
stehen und zurücknehmen.

Dresden, 17. Febr. Der König ist. gestern
nach München abgereist.

Pesth, 18. Febr. DaS heutige „Surgony"
dementirt die Mittheilung deS „Lloyd" bezüg-

^ guter Sachse, den die Preußen einst zum Soldaten
^ gepreßt, den die Schweden gefängen genommen und
zum Unterofficier befördert hatten, drr aber auch
gar nichts wußte, so daß Arndt nach dreijährigem
Unterricht nichts gelernt, als ein Stück gutes, alt-
sächsisches Lutherthum. Arndt erhielt einen andern
Hauslehrer, auch einep Landidateu der Theologie,
d'er Dankwart hieß. Er wußte auch nicht sehr
viel, namentlich ^annte er kein Griechisch — das
wurde im Eramen zu Gretfswald damals nicht ver-
langt — aber es schlug in seiner Brnst cin frisches,
tapfcreS Herz. Irne wunderbare Zcit, in der es
überall gährte und wogte, hatte ihn mitergriffen;
er hatte die neuere Literatur studirt, er kannte
Stolberg, Llaudius, Lesfing und schon Göthe.
Iene merkwürdige Stnrm- unv Drangperiode hattc
auch durch sein Herz gestürmt, und von der Besee-
lung, die in ihm war, thcilte er sofort das Beste
davon seiiiem Zögling mit; es wurde nicht viel
gelernt, aber es wurde mehr alS gelernt, es wurde
gebildet. Es wurden Tragödien und Comödien )
> gcmacht, Märchen und Geschickten erzählt, Küllen ^
I zugeritten, Pferde in die Schwemme gebracht, Hechte j
' nnd Aale, Fiscke und Vögel aller Art gefangen. '

I lich Einsetzung eineS Ministeriums url koe zur
Krönunq.

A r a n k r e i ch.

Paris, 17. Febr. Aus dem Zwecke der
Berufung »es Gesandten nach Berlin macht
die preußische Diplomatie kein Geheimniß. Hr.
v. Bismarck, dem trotz seiner persönlichen Be-
obachtungsversuche die Politik der Tuilerien
das verschleierte Bild von Sais bleibt, will
sich von seinem Pariser Vertreter mündlick be-
richten lassen, welches die muthmaßliche Hal-
tung Frankreichs in dem Falle eines Bruches
zwischen Preußen und Oesterreich sein würde.
Hr. o. d. Goltz kann freilich da nur mit sei-
ner subjectiven Meinung aufwarten. denn er
weiß im Grunde von den Mysterien der Tuile-
rien nicht mehr als sein Chef. Aber diese mit
Eclat in Scene gefetzte Reise macht Effekt; nnd
wer weiß, ob sie weiter einen Zweck hat? Man
weiß hier sehr wohl, daß Preußen in einer
wahrhaft nervösen Hast sich nach Mitteln um-
sieht, um Oesterreich die Partie abzugewinnen,
ehe die jetzt wenigstens in den Bereich der
Möglichkeit getretene Versöhnijng des Hauses
Habsburg mit Ungarn der Physiognomie der
deutschen Politik mit einem Schlage einen an-
dern Charakter gegeben. Man weiß auch, daß
der Kaiser Franz Joseph darin das richtige
Gefühl der Situation hat, daß er die Versöh-
nung Ungarns selbst um deu Preis wirklichH
bedeutender Concessionen erkaufen will, größe-
rer noch, als das Ministerium Belcredi zuge-
stehen möchte. So zieht sich eine drohende
Wolke über dem Haupte des Ministeriums
Bismarck zusammen in einem Augenblick, wo
das Ausland das hier und da noch gehegte
Vornrtheil zu Gunsten des preußischen Cavour
bis auf den letzten Rest verloren und in der
Ueberzeugung einig ist, daß er nicht einmal
das Talent eines absolutistischen Staatsmannes
besitzt, das hat ihm die Befriedigung einer Ran-
cune gegen Twesten und Frentzel eingebracht.

G tt g l u V.

London, 16. Febr. Jm Unterhause wurde
im weiteren Verlauf der Debatte über die Rin-
dcrpest auf Antrag Bright'e die für zwangs-
«eise geschlachtetes Vieh zu leistende Entfchädi-
gung auf die Hälfte des Werthes, und alS
Maximum auf 20 Pfd. St. festgesetzt und dann
gegen den Widerspruch der Minister mit 264
gegen 181 Stimmen ein Amendemenl Hunt'S
angenommen, wonach jeder Viehtransport bis
zum 25. März verboten mird. Cardwell kün-
digte dann cine Bill über die Regicrung Ia-
maica's an. Die von der LegiSlatur Jamaica'S
beschlossene Einfnhrung einer der von Trinidad
Lhnlichen Regierungsform sollc auf 3 Jahre
gutgeheißen werden, dann werde man darüber
zu berathen haben, ob sie weiter so bleiben oder
abgeändert werden soll.

Liverpool, 17. Februar. Der Dampfer
Cuban hat,, 90,000 Doll. gebrachl. — Jn Pa-
nama ging das Gerüchl, es seicn mehrcre spa-
nische Handelsschiffe von. chilenischen Corsaren
genommen und nach dem Hafen Coquimbo ge-
bracht worden. Man sagte auch, daß der
spanische Consul in Lima cingeladen worven

Morgens früh um 3 Uhr ging es, nicht,etwa zum
(Fortsetzung folgt.)

(Herr v. Bismarck als Trichinenleiter.)
Der Localanzeiger der Wiener „Preffe" schreibt:
Die Meinung, daß Bismarck uns vie Trichinen
über den Hals gesLickt h^abe^ ist in ben unteren

thümlichen Jnstinct. Es muthet nnserem Freunde
alles Gute zu. Früher waren es die Iuden, welche
die Brunnen vergistcten, jetzt ist cs Preußens Pre-
mier, Herr v. Bismarck.

* Thcater.

b Meister ^G r u^u e r t crfteut uns auf der

Mal als „Tartüffe" auftreten, mit welchem er vo-
riges Iahr w außkrordentliche Wirknng erzielte.
Auck mit dem meisterhastcn Vortrag „der Glocke"
wtrd uns ver .große Künstler wiederholr erfreuen.
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