Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Mlage M Heidelberger Ieilung.

M «S. Freitag, den 23 März 1866.

Aus der fünften öffentlichen Sitzung
der Ersten Knmmer.

(F-ttl-tzuug.)

StaatSraih Dr- Lamey: Nu» ist mir klar,
dnrch welchc Quellen die christliche Rnhe Sr.
Durchlaucht des Fürsten zu Löweustcin getrübt
worden ist, daß cr stch berufen fand, eigeus
hieher zu reiscn, und diese Jnterhellation zu
stellen- AuS der jetzigcn Fassung der Jnter-
pcllation geht hcrvor, daß daS Mißvcrständnist
deS durchlauchtigsten Jnterxcllante» ctnziz und
allein darin beruht, daß er oem Journalen-
und Pamphletenthum allzu sehr Glauben ge-
schenkt hat-

Bei dem hirr angcgrisfeneu AuSdruck sci er
geleitet wordeu vom Geiste des hochedeln Grüu-
derS unserer Verfassung, weilaud Karl Fricd-
rich, und dcr Grundgedauke jeiner Worte sei
ja auch von der Kirche, wcnn umgesctzt, stets
urgirt worden- Darüber, daß Hr Bischos v-
Ketteler seinen Ausspruch einer Schmähjchrist
würdigt, ihn zur Tendenz des ganzen StaatS-
ministcriumS stempelt und nach der dewnndc-
rungSwürdigsten Verdrchung dcsselbcn unsern
Staat als religionS- und goltlo« darstcllt, dar-
über läßt sich NichtS sagen. BiS jetzt ist uuser
moderner Staat, Gott sci Dank, daS nicht, wie
er in dcr genaunten Broschüre dargestcllt wird-
Mag immerhin dcr ehrwürdlge Hr. Verjasser
gcgen einen FelS, der ans der Reihe dcr Jahr-
hunderte herauSgewachjen, aukämpseu und in
seiner Weise fortpolcmisireu, es bleibt ihm un-
bcnommeu-

Mit dcn Worteu: „Das Gesetz ist das össcut-
liche Gewisscn," habc er gcjagt, das Gejctz muß
gchalten wcrdcn, uud mehr habe cr damit nicht
gesagt- Er habe nicht damil ausgcdrückt, daß
das öfsentliche Gewissen auch daS rcligiöic jei,
obgleich es daS sitllichc Allcr jcin sollte. Wcn-
den wir den Satz iu entsprcchender Acndcrung
auf die Kirchcngcsctze an, wird er dann bcstrit-
ten wcrden? dann habe er sicherlich nur EtwaS
gesägt, waS der Kirche schr angenehm sci, und
an eine philologijchc Dcutclci wcrde gewiß uichl
gedacht-

Dcu auSgesprochenen Satz habe er stctS ver-
theidigt, und zu einer Zeit besondrrs dargelegt,
daß cr au Denen, welche die in ihnen gährcnde
Revolution der Negicrung in die Schuhe jchobcn,
diese unrchliche Gcsinuuiig oder SclbsttLuschung
am meisten tadle, und das habe cr auch dieser
Partei gegenilbcr mit aller Entjchicdcnhei» gc-
than. DamalS habc er anch uur Diejcnigen
um ihrcS Charaktcrs willeu sür achtbar crklärt,
«elche offen bekanntcn, daß ste gegcn das Gesctz
haiideln, und auch die erfolgte Strafe als ge-
rccht erkaiintcn-

Frhr. v- Stotzingen: Er habe in der Siz-
zung vom 9. Deccmbcr v. I- b-hauptct, er gc-
stcbe keiner politischen Versammlnng, kcinein
Parlament der Wclt daS Necht zu, in Rcli-
gionS- und GeivisseuSfrageii durch MajoritätS-
bcschluß zu cntschciden- Er sci vor Allcm deiu
Hrii. Fürstcn zu Löwcnstcin dankbar sür die
Gclegeiihcit, jetzt auf dieseS Thema zurückkom-
nien zu köiincn- Der christliche Staat aner-
kcnnt über stch daS göttliche Gesetz an und hält
stch damit nur in seiner RechtSsphäre. Jm
christlichcn Staat ist ein Widerspruch zwischen
ihm und dcm Gewissen nicht denkbar, im mo-
dernen dagegen gilt uur daS Gejetz, wclchcs
aus der Majorität der Kaiiimeru hervorgega»;
gen, und dadurch entstcht ein Conflict zwischcn
dem göttlichen und dcm bürgerlichcn Gesctz.
Jm modernen Staat wird stetS Dcr der beste
Bürger seiu, der sich nnter allen Uiiistäiidcn
dcm Gesctz sügt; dadurch entsteht cinc Charak-
Icrlosigkeit, die in kurzcr Zeit zum Vcrderben
dcS StaaiS führen muß. Wcnn diescr Satz
wahr ist, so ist die pcrsönlichc Freiheit und der
moralische Werth in Frage gestcllt- Zur Zeit
der Nevolution hat man unS, dic wir an dicsen
Satz in seiner Allgemeinheit nicht glauben,

loyale Bürger gcnannt, und jctzt, da wir unS
auf die Proclamalion vom Zahr 1880 bcrusen,
wird uiis vorgeworfen, daß wir dcn Staat um-
jtürzcn wolleii- Hinsichtlich oer Jnquisition ist
tzejchichtlick, daß diese eine Staatsaustalt war
uud vou Roni bekämpft wurde.

Zn dcr Allgemeinhcit, wie der vorliegcnde
Satz bcstcht, wcrde ich gezen denselbcn prote-
stircu und bittc das hohe HauS, zu Protocoll
zu erklPien, cs könne dicsem Grundsah in dieser
Allgcmeinheit uicht beitretcn.

Frhr. v- Andlaw ftiinmt aus dem Grund
sciiier Seele den Anschauüngeu dcS durchlauch-
tigsten Hrn. Zntcrpcllanten bei- Wenn der Hr-
StaatSminister bchauptet, diejer Grundsatz stehc
scit 60 Zahren in Wirksamkeit; er müsse iiur
bedauern, daß er 60 Zahre unter dessen Herr-
schast gelebt habe- Die Folgerungcn, die jctzt
aber darauS gezogcn werdcn, werde er jtetS
bekämpfcn- Die einzige Dcutuug, die man
den Wortcn deS Hrn. StaatSrathS Lamey gcben
kann, ist, daß daS Gesch gewissermaßcn bejtimmt
sei, daS Gcwissen zu erjetzen- NichtS könne
sür die menschliche Gesellschast verderblicher sein,
alS diejer Grüiidsatz in eincr unbcschränkten
AuSdehiiung; er jage dicS mit Schmerz, weil
maii demselbcn schon eine praktische Auwendung
gegcben habc.

DaS Gewissen ist das einzige lebcndige Gc-
jetz; daS menschliche hingcgcn greist zu der
Fiction, daß Zedcr gchaltcu jci, cS zu wisseu-
Wie könne mau vcm mcnschlichen Gesctz daS
Recht aus cinen solchen Zwaug zucrkciinen,
daß eS das göttliche übcrbirte- Ohne Gewisseu
gebe eS kcin Recht, zu strafcn und keiu Wissen,
daß man gefehlt habc. Ncdner citirt zur Lc-
leuchtung deS VerhältiiisseS zwijchcn Gewisscn
und Gejetz cinc Stclle auS Ciccro und vcrsucht
nachzuweiseu, daß dieser großc Redner in dieser
Frage einer Meinung mit ihm sci

Gch. Nath Bluutschli crachtel eiue Dis-
cussiou übcr Priiicipien für unfruchtbar- Dcr
gesetzgcbenoc Körper habe es mit praktischcu
Dingen, mit Staatsactcn zu thuu, uud injo-
jern gchöre die Jntcrpellalioii nicht hierher.
Allcin hier salle noch ein andereS Momcnt in
die Wagschale, der Nutzen, der aus dieser DiS-
cussion, in wclcher sich zwci große principiellc
Gegensätze NIN die Herrjchast streiten, gczogen
werdc. Die LUft muß von Zeit zu Zeit von
den böse» und dunkeln Dünsten gercinigt
wcrden.

Seine Mcknung in der vorliegenden Streit-
srage sei kurz die: eS herrscheu zum Theil
grüudliche Mißverstandiusse aus der einen Seite
vor, zum Theil aber ist auch eiu Gegensatz da,
der offen dargelegt werdeu muß- Dcr Aiifsas-
sung de§ Hru. VorrcdnerS von der Acußcrung
deS Hru. SlaatSraths Lameh müsse cr als
einer irrigeu entschiedcn entgcgcnlreten- Der
Gcsctzgcber jprichl aus, waS zur gegebcucu Zeit
Nccht ist, iudem er jich bezicht aus das im Volk
lebende Bewußtsein voii Necht und Aurccht.
Diescs Bewußtscin aber ist gerade das öffent-
liche Gewisseii- Das hal Hr. «taalSrath Lamey
mit jeine» Worlen auSgcdrückt und nichls Au-
dcrcS damit jagcn wollcii. Er habe nur stau-
iicn müssen, mil welch unbegreiflicher Lcidcn-
schast dicse. Aeußerung, dercu Grundgedanke
doch so unverwcrflich sei, ausgcsaßt wurde, und
eine Bewegung im Gesolge hat, die aus nicht
weniger als oic Beseiligung dcs ganzcn Mini-
stcriumS hinziclt- Doch müsse er feststellcu, daß -
dcr Kamps und die Beuiiruhigung nicht »om
Volk dcS LandeS herkomme, jondcrn vou aiißcn-
Zucrst sei vom Bischoj in Mainz, Freiherrii
v- Ketteicr, eiuc Broschüre crschieneu über den
iiiehrgcnaiiiitcu Satz des Hrn. StaatSraths
Lameh, in dcr cine wirklich bodenloje Entstcl-
lung der saclischcu Vcrhältniffe unjercS LaudeS
gcäußcit ist, so daß jeder Badener, dem dicscS
GcisteSprodukt zu Gesicht kommt, "sich stauiieiid
fragen muß, ob er wirklich in diesem Lande

wohne und eine solche Umwälzung habe vor
sich geheu köiiuen- Dcr Unierschied zwischen
dem thatsächüchen Zustand in Badeu uud den
Bildern dcr Ultraiiionlaucn darüber, dcren ge-
Ircue Zeichnung er (Reducr) iu der bcwußlen
Schrift niedergclcgt glaubc, sctz so groß, daß
er sich habe frageu müsscu: kann eS Lente ge-
ben, welche die-Dinge wirklich so schwarz sehen l
Doch schließlich sei ihm die Ucberzcuguug ge-
wordeu: gcwisse Leute sehen ebeu AlleS mit
andern Augen- Jn dcr Seele deS VerfasserS
müssc ElwaS schwarz seiu. sonst hätte ste ein
so düstereS Bild nicht schaffen könncn- Er habe
das Uuglück, seiu ganzes Leben diesem moder-
nen Staat gcwidmct zu haben, und hoffe mit
Zuvcrsicht, daß derjelbe stch mchr und mehr
Bahn brcche; darin bestehe dcr Kardinalunter-
schied zivischen seinem uud dem Zdeal deS Frhrn.
v. Stotzingen und Aiidlaw, wie deS durchl-
Firsten v- Löwensteiii- ES wird darin bchaup-
tct, der inodcrne Staal sci gotlloS, hcidnisch,
ja jchlimmer als daS. Dieser Vorwurf ist. je-
deujalls ungerccht. Der moderne Staat ist we-
sentlich gcbaut aus die menschliche Ratur uud
Eiustcht- ist keine Thiokratie Mkhr; frcilich,
wciin die Herrcu diese wüuschen, dann müffe
er nur sageu: Gottlob, daß wir diesen Stand-
puukt üderwuiiden haben. Der modcrnc Staat
werde gottlos genannl, und doch sei er unter
GotleS Schutz groß geworden. Der prakliiche
Sinii des SatzeS, der moderne Staat sci ohne
Goit, ist aber der: dcr moderne Staat sei nicht
mchr unter der Leitung der Kirche. Dic Kirche
sctze mau gar zu gcrn au dic Stclle GotteS-
AUe moderncii Völker, dic linen fri'ihcr, dic
andcrn späler, haben sich von der geistigeu Lei-
tung und Voriiiundschast der Kirche emaucipirt-
Daran haltcii wir fest und siud nicht geueigt,
deu moderncn, müudig gcwordciicn Staat IN
dic srühero Abhängigkeit zurücksnhren zn laffcn.

Der Hr- Bischof Kettelcr bchauptct ferncr:
„WaS nnS Christcn Gott in scinem ewigen,
uiicndlNhcii Wescn ist, daS ist rinem echien
Kind der Nciizcit, einem Bollblutrepräscntan-
ten der. neucii Aera, der Staat, bezw- die Par-
Ici, die augeiiblicklich den Staat rcgiert, also
im lctzien Gruud die schwankcude Kammerma-
jorität. Er bchauptct, dcr mvdcriie Staat sei
der volleudcte AbsoiutiSmuS, cr kenne nichts
Höhcres, kciue götlliche Ordnung, keiii Gewissen.
Wahr, gul, gerccht, schön sei ihm nur daS Ge»
setz, d- h- ver Wille der Majorität." Der Hr.
Bischof Kettelcr ist ciu geistrcicher, dialektisch
gebildeter Mann; ich zwciste nicht, daß er in
theologischen Diiigcn, !u der Lehre der Kirchcn-
väler, schr uiitcrrichtet ist. Obivohl Ncduer
vermulhe, daß die Aiijichten in der Brojchüre,
joweit fte daö Protestantilche Prinzip dcr indi-
viduellen GewisseilSfrcihrit vcrtheidigeii, in den
Augen einer strcnger katholischen Lnhule alS
schr bcdenklich erscheinen und vielleichl al» hä-
rclijch crscheiiien werben, will cr flch darauf
nicht weiter cinlasseii, denn daS gcht unS po-
litijch nichts aii. Aber ich erlaube mir zu jagcn,
drr Hr. Bijchos. vcrstrht von dem modcrnen
Staat nichtS. Jedcr modern Hebitdete Studcnt
wciß daS dcffcr als er. Wenn ich die völlige
Ulikcnntiiiß vom moderiien Staat, die durch
die Broschüre durchgeht, erwäge, so ist mir
neurrdings darauS klar geworden, welche große
Fehlcr der moderne Staat in neucrcr Zeit de-
gehl, indcm er die Erziehung und Bildung der
Mäniier, die berusen sind, dic Kirchc zu lciteii,
so wenig überwacht. Die jungen, ausschließlich
klcrikal crzogriicii Geistlichen trcten in ihrcn
Beruf ein, ohne eine Vorstelluug zu habcn
vom modernen Kultur- und StaalSleben. Sie
werden erzogen, wie wenii wir hcule noch im
Mittelaltcr lebten. Jedcr Gebildete wciß, daß
der iiioderne Staat sich gcrade dadurch vom
antiken Staat unterschcidct, daß jeucr'relativ
ist und dicser abjolut war.

(Forlsetzung IM Haupttzlatl.)
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