Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Krcisverkiiiidigungsblatt für den Kreis Hcidelberg und ümtliches Verkündigungsblatt für dic Amts- und Amts-
Gcrichtsbczirkc Hcidclbcrg und WicSloch und dcn AmtsgerichtSbczirk Ncckargcmünd.


* Polirische Umschau.

Heidelberg, 21. März.

* Die letzte Sitzung der badischen ersten
Kammer mar eine der intercssantesten, die seit
langer Zeit gehalten worden sind. Bekannter-
maßen ricbtete man ultramontancr und standeS-
herrlicherscits mider den Minister des Jnnern
cinen Angrifs wegen dem Satze: „daß daS Ge-
setz das öffentliche Gewissen des LandeS sei."
Die Minister Lamey, Stabcl und EdelSheim
wiesen einfach und eindringlich den Versuch
zurück, das Privatgcwissen der Mitglieder des
Ministeriums mil ultramontanen Künsten zu
inquiriren. Geh.-Nath Bluntschli sprach auS-
gezcichnet über die bekannte Broschüre dcs Bi-
schofs Kettelcr von Mainz (über jencn Satz
Lamcy's) und stellte dcn Jnhalt in seiner gc-
laffcncn, aber wiffenschaftlich überlcgenen Weise
in seinem Nichts hin, den kirchlichen Stand-
pünkt zwar frci belassend, dcn staatsrechtlichcn
aber mit vernichtendcr Geringschätzung bchan-
delnd. Jm Ganzen ist über die plumpen An-
griffe der clericaleu Partei mchr Zeit verloren
wordcn, alS diesclbcn eS verdienten, indem der
ganze Gegcnstand, wie Geh.-Nath Mohl richtig
bcmerkte, sich eigentlich gar nicht sür eine par-
lamentarischeKörperschaft, sondern eher für cinen
Hörsaal odcr allcnfalls eine Synode eignct.
Uebrigens hatte die Sache ihr Gutes, indem
den Herrcn der staatSherrlichen und ultramon-
tancn Opposition gesagt wurde, daß ihre Wclt-
anschauung unvercinbar sei mit dcn Gcsctzen
deS heutigcn Staatö. Schlicßlich ging man,
wie bckannt, zur Tagesordnung über.

Der in Turin erscheinende „Nord" macht
die Negierung darauf aufmerksam, daß in Turin
allein seit dcm 1. Ianuar die Zahl der geist-
lich geschlosicncn Ehen^ dicjenigc dcr Civilehen
um mehr als cin Drittel übcrstcigen. Es'exi-
stiren al V in Turin bercits eine große Anzahl
ungesctzlicher Ehen.. Wic mag cs crst auf dem
Lande sein, wo der Einfiuß dcr Gcistlichkeit
noch vicl größer ist, als in dcn Städtcn? Die
„N. F. Z." bcmcrkt: Eincm solchen. in seinen
Wirkungen auf dic civilrcchtlichen Verhältnissc
ungcmein schädlich wirkenden Zustande läßt sich
nicht anders begegncn, als wie es in Frankrcich
geschchen ist: jeder Priester, der eine Ehe eiu-
scguet, ehe diesclbe durch deu Civilstandsbcamtcn
abgeschlossen erklärt ist, untcrliegt einer unuach-
sichtlich zn vollziehenden Strafe.

„Morning-Post" vom 21. schreibt: die Mcl-

dung, daß Prcußen einlenke und die Kriegs-
gefahr verschwunden sci, ist unrichtig; die Be-
ziehungen der-beiden dentschen Großmächte zu
einander blieben bis jetzt höchst kritisch.

Ein Telegramm ves Wiener „Neucn Frem-
dcnblattes" vom 21. meldet, daß die österrei-
chischen Truppen in Holstein in den nächsten
Tagen via Hannover bedeutend verstärkt wcrden.

DaS „DrcSdener Journal" versichcrt auf daS
Bestimmtestc, die sächsische Ncgierung habe weder
cine Mobilisirung, noch dic Einziehung der Ne-
serven angeordnet.

Die Pariser Blätter können sich vom wirk-
lichen Ausbruch eines Kriegs zwischen Oester-
reich und Preußen noch nicht überzcugen. So
sagt das „Journal dcs Debats"» „Wir
brauchen nicht erst zu sagen, daß die bis jetzt
bekannten Nachrichten noch nicht officiell sind,
und daß wir eS nur mit journalistischen An-
sichten und Gerüchten zu thun habcn. In sol-
chem Fall, und wenn einmal die Phantasie er-
regt ist, geht es nicht ohne bedeutende Uebcr-
treibung ab; und trotz deö Anscheins betrach-
ten wir einen Conflict, der so verhängnißvvlle
Folgcn haben könnte, noch als durchaus un-
wahrscheiulich." Der „TempS" meint, bei
dcn Dcutscheu gehe es nicht so flink, und ein
Ultimatum könne sich cndlos hinausziehen.
BiSmarck spicle sowohl nach Jnnen alS nach
Außen ein Spicl, das iu kcinem Lande der
Wclt lange mit Erfolg fortgesetzt werden könnte.
Er habe die prcnßische Krone in eine Lage vcr-
sctzt, welche logischerweise cinerscits zur Ncvo-
lution, andererseits zum Kriege führcn müßte.
Allein die Nevolution sei schon seit so langer
Zeit in Preußen unvermeidlich und breche doch
nicht ans: warum sollte es sich mit dcm Kriege
anderS verhalten? Auch Seingucrlet, der deutschc
Berichterstatter des Temps, schrcibt seinen Lands-
lcuten: ... „Wie dem auch sci, Europa kann
ruhig schlafen, seine Nuhe wird durch dicse
qnerslle ä ^Uemunäe nicht gestört wcrdcn.
Ehe eS mit Preußen handgemein wird, wird
Oesterreich einen Aufruf an die Großmächte
richten, welche nicht erlauben werden, daß Eu-
ropa in Feuer und Flamme gesetzt wird. weil
es dem Bcrliner Cabinet gefällt, eine Million
Dcutscher wider ihren Willcn in Preußen zn
verwandeln." — Zntercffant ist, was dem
,^Journal des Debats" auö Florenz über die
Beziehungen zwischen Preußen und Jtalien ge-
schricben wird. „DaS Publikum, schreibt der

Berichterstatter, beschäftigt sich mit angeblichcn
Allianzprojecten zwischen Preußen und Jtalien.
Wahr an der Sache ist dieß, daß Preußcn seit
einiger Zeit stark daS hiesige Cabinet umwirbt,
man erräth leicht wozu. Aber Naivetät ist der
gcringste Fehler dcr Jtaliener, und man weiß
hier sehr gut, daß Preußen, wenn eö Jtalien
benützt hat, um seinen Bundesgenoffen einzu-
schüchtern, wieder ;u seincn alten Neigungen,
zum CultuS dcs göttlichcn Nechts zurückkehren
würde. Natürlich ist man sehr aufmerksam auf
AlleS, was zwifchen Wien und Berlin vorgeht.
Aber eincn ernsthaftcn Kricg zwischen Preußen
und Oesterrcich hält man für das Unwahr-
scheinlichste von der Welt." Ucbrigens lautcn
doch nicht alle Nachrichten aus Jtalicu in
diesem Sinne.

Der „Wescrztg." wird auS Berlin unterm
21. telegraphirt: ^Trotz der kriegcrischen Sprache
der „Krcuzztg." ist die Mobilmachung vorläu-
fig nicht zu erwartcn, dagegen bestätigt sich die
Armirung der schlesischen Fcstungen.'^

D e u t f ch l. n d.

Aus der fünften öffentlichen Sitzunq

der Ersten Kammer.

(Fortsetzung aus der Beilagc Nr. 69.)

Der antike Staat war Allcs in Allem, der
modcrne Staat dagegcn will nur iu einem be-
stimmt abgegrenzten Gebiet hcrrschen, in dem
des Nechts, der gemeinsamen Wirthschaft, dcr
Politik. Der moderne Staat weiß, daß ihm
auf dem religiöseu Gcbiet keinc Herrschaft zu-
komme nnd übcrläßt die Sorge dafür der Ki.che.
Der moderne Staat erkennt auch die individuclle
Freiheit an, er hütct sich, in dicselbe einzugrei-
fcn, er will sie nur schützcn. Aber in dicsem
beschränktcn Gcbiet erkennt cr auch keine audere
Macht an; da behauptct er seine Souveränetät.
Der Hr. v. Kcttelcr spricht auch vvn ciner
Svuveränetät der Jndividucn uud beruft sich
darauf dcm Staat gegenüber. Jch war über-
rascht, rü der Schrift des Hrn. v. Ketteler dicse
jakobinische Lehre wieder zu siudcn Wenn die
Einzelnen und daher auch die Menge .der Ein-
zclncn souverän sind, dann haben wir die Re-
volution im Prinzip. Souveränetät ist ein
staatsrechtlichcr Begriff uud kommt nur- dem
Slaate zu, deun Souveränetät bcdcutet Hohcit
und Macht über Andere. Die Jndividuen ha-
ben cinen Anspruch auf Freiheit, aber nicht
auf Souvcränetät.

/X Heidelberg, 21. März. Dcr grstcrn im Ar-
bciterbildiingsverein zu Ende grsührte V>'rtrag des

heben: das Blau trage den Charaktrr des Ernstrn,
Tiefen, Gehaltenen, es sti nicht leicht zu beschmntzcn,
eS gclte daher als Sinnbild dcr Treue, der Sehn-
sucht, aucü der Neligion (das Lctztcre vicllcicht auch
rvegcn der Farbe des Himmelsgcwölbcs). Das Rothe
trage die Natur des Glänzenden, Warmen, Präch-
tigen, cs sei dahcr die Farbe der Licbe, vrr Freude,
des Würdevollen und Majestätischcn, zugleich aber
auch die dcs Henker-Kostümes, was wohl aus der
eigenthümlichen Färbung des Blutcs zu erklären
sei. Nachdem in dieser Wcise alle einzelnen Farbcn
besprochen waren, erörtertc der Rcdner nach dcr
Theorie des berühmtcn Architektcn Semper (dcS
Erbauers des Züricher PolytrchnikumS), wclche
Farben am bestcn für Flachs, Wolle, Baumwolle,
Seide anzuwcnden scicn. So bclehrend dicse AuS-

hier auf ein einzelnes Beispiel beschränken. Die
wesrntlichen Eigenschaften des Flachses find Glanz,
Glätte, Festigkeit, dazu paffen also keine satten,
kcäftigen Farben, sonbcrn das Wciß oder daS mehr
kalte Blau. Man hat von jeher lcinene Stoffe
entiveder weiß gebleicht oder sie gcblaut. Lcinen

rinen widerwärtigen Eindruck, während.für dte
Wolle das Rotb, Gelb oder Orange die angcmes-
scnen Farben sind. dies cntspricht dem Eharaktcr
dcs Warmen, Rauhen der Wollensioffe. Sehr sinn-
reich war auch die Angabe der Gründe. weßhalb
Scide grell contrastirende Farbcn neben etnander
duldet. Von der Farbe ging der Redner sodann
zur Form über, indem er inebrsondere auf die zur
Aufnahme von Flüssigkciten bestimmten Gcfäße
Rücksicht nahm. Zede Flüssigkcit hat das Bestreben,
sich rundlich zu gestalten. Demgemäß mnß dte Form'
bcr Gefäße beschaffen sein. Kugel und Ellipse sind

dem gelänterten Schönhcirssinn nickt zusagend. Jn
dem Vogelei, dem Gcfäß des thirrischen nock flüs-
sigcn Embryos, gibt uns die Natur die angcmes-

haben instinctmäßig das Ei zur Grundform ihrrr
Gcfäße gemacht. Je nachdem man daS schmalere
oder breitcre Ende als Oberes oder Unteres nimmt,
je nachdem man auf der einen oder anderen Seite
mchr odcr weniger hinwcgschneibet, ergebcn sich sehr
zahlrciche und mannichfach gestaltete Formen. Der
Nedner zeigte durch schnell auf die Tafel geworfene
Abbildungen, wie die Tonnc, die Sckaale, daS
GlaS, die Flasche, der Becher, der Pokal, die
Bowle, die Kannc u. s. w. sich alle sehr leicht auf
die Eiform zurückführen lassen. Lcider würden ge-
nauere Auscinandrrsctzungen hierüber ohne JUustra-
tionen zum großcn Theil unverständlich bleiben. Zum
Schluß scincs Vortrages wies Dr. Lemcke, indem er
an die wahrhaft universale Verbreitung der Athe-
nischcn Töpferwaaren und aus ncueren Zcitcn an die
Wcbgwood-Gefäße erinnerte, darauf bin, daß die
künstlerische Ausbildung eines HandwerkS auch kn
volkswirthsLaftlicher Beziehung von boher Bedeu-
tung set, insofern dieselbe zur Vrrmchrung des
Wohlstandrs der betrcffrnden Berufsclaffe und da-
mit etnes ganzen VolkeS sehr wefentlich beitragen
könne.
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