Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

Page: 338
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1866/0338
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
der Kurie -infach nach den Bcdürsnissen der
iffenüichc» staatlichen Erziehung. Jnzwischen
jollen untcr den Milgliedern dcr Partei doch
starke Bedcnken hicrübcr b-stchcn, weil der
Grundsatz, obwvhl an sich richüg, einc unge-
mcin ticfgrcifende LoSlöfung o°» allen jahr-
hundcrtelangen Gewohnheiten enthält und über-
dieS auf vermögenSrcchtliche Verhaltnisse der
bisherigen ConfejsionSschulen in fast unberechen-
barer Weise eingrcift. (Schw. M.)

f/ä AuS Baden, 21. März. Dcr Ent-
wurf einci PreßgesetzcS, welcher kürzlich den
Ständcn vorgclegt wurde, enthält vielfache Ver-
beflerungen in libcralem Sinne gegenüber dem
Gcsetze vom Jahr 1851 und dcm BundeSbe-
schluß vom Jahr 1857. Wedcr Concejsion
noch Cautio» ist nöthig, um cine Druckerei
und ein polikischcS Blatt zu gründcn. Die
Grundsätze der Gewerbefreihcit haben in dieser
Bczichung wenigsten« durchgeschlagen. Auffal-
lend dagkgcnt nimmt sich im Gcgensatz zu dcn
freisinnigcn Bestimmungen dic Befugniß der
Gerichte auS, wegen Mißbrauchs die zeitliche
oder bleibende Entziehung dcS Rechis zum fer-
nern Gewerbcbetricb auszusprechen. DaS
Odium ciner solchen Strafe ist schon längst
erkannt. Die Rcgierung wird, wenn die Nach-
richteu nicht trügcn, auf diesem Punkte nicht
bcharrc».

DaS gcgcnwärtige Preßgesetz »ou 1851
enthält das Verbot de« Hausiren» mit Druck-
schristen. Während des Schul- und Kirchen-
streiteS, wo unzählige Flugschriften vcrbrcitet
wurden, fiel eS kaum einer Polizeibehörde ein,
jene widersinnigc Bestimmung anzuwcnden,
und so ift sie denn auch in dcn neucn Ent-
wurf nicht übergegangcn.

Bei Zeitungcn und Zeitschriften besteht kein
Gcbot mchr, sondcrn nur noch ein Recht dcS
GcschästSinhabcrS, eincn verantwortlichen Re-
dacteur auf dem Blatte zu bcnenncn. Einc
solche B-stimmung harmonirt mit dem Jnterefle
dcS GcschästSinhaberS wic der StrasrechtSpsicge.

Eine weilcrc Abweichung vom altcn Gesetz
ist die, daß der Redacteur nicht mit und nebcn
dem Versafler gestrast wird, svsern dieser »bcr-
haupt bekannt ist, sondern daß sich dcr Redak-
teur jo gut wic die nach ihm verantwortlichen
Personcn durch Nennung dcS VerfafferS von
der Strafe frei machen können. Dic Verweisung
auf eine vorausvcrantwortlichc Person ist un-
zuläjsig, wen» Grindc zn dcr Annahmc vor-
liegen, daß jene Person sälschlich vorgeschoben
wurdc. Gegen die lctztere Bestimmung, welchc
dic Umgehung deS Gesetzes verhindern soll,
läßt stch keine begründete Einwendung erheben;
dagegen ist um so mehr die Berantwortlichkeit dcS
Drucker« inS Augc zu fasscn, der gleich dem
Urhebcr, Redactcur und Verlcger hastbar sein
soll. Die practischc Anwendung dieseS Satzc«
sührt zu großcr Ungerechtigkeit, zu auffallen-
dem Widerspruch mit den allgemeinen Grund-
sätzen dc» StrafrechteS. Der Geschästsbetrieb
eincr Druckerei ist derart cingetheilt. daß der
Jnhaber vdcr GeschäftSleiter unmöglich die Bc-
dcutung und Tragweite dervon ihm vervielsältigten
GeistcSprodukte sämmtlich ermessen kann. Will
auch in manchen Fällcn eine Fahrlässtgkeit an-

das Gcfubl unsercr emcnen Sälwäcdc durcbdringt,

Wcltbau's wcnigstcns abncn lerneu. Abcr dicse
Frömmigkeik, oic mil dem Kortschritt der Lultur
nothwendig sich vertiefen muß, ist nach der Ansicht
deS DerfafferS durchaus verschieden von kirchlicher
Relkgiosität, dic cincn menschlick gcdachten Gott
in ciner Wrise verehrt, wie inttn dcr irdiscken Größe
dient. Dic höhrre Bildung inüffe vvr Allem bas
Christcnthum und ibren GtsilNder in Coniinuiiät
mit der gcsammten Mensckdeitscntwicklung bringcn,
und init gcnau dcnselbkn Maßstäbcn, wle jede an-
ocre hlstorlsckr Erschcinung, mcffen, unscrc Rclk-
gton dürsc ais nichls LbschlicßkndeS, sonbern nur
als rini -inz-lnc W-llc im Strom brr Wcllgrschichte
betrachtct werden. D-r Tbevioge, da er über Gott
nichts lcbrrn könnc, solle zum Scclsorger, znln
Asvchvlvgen, zum Arlte unscreS geistigen TbcileS
weiben. Mvral und Religivn fei-,1 vvn einandir
zu svudcrn, ebcnsv sollc bic Philvlvai,, Gischtchtc
/ ie bc vlndstircn. ^was retzt dic ^h^o-

klirer eingehrnden Kritik untcrzogcn, ocr fich Schärfe
n»d llnbefangcnhcit nicht abfprcchcn ILßt.

genommen wcrden, so darf doch sicherlich nicht
ohne wcitere« dic Strafc deS vorsätzlich verüb-
ten Bcrbrechens auSgesprochen werden. Nur
wen» bem Drnckcr der Vorsatz, die bös- Ab-
sicht, wie jcdcm andern Angcklagtcn nachgcwie-
se» werden kann, soll cr der Strafe vcrsallen.
Wcnn man dagcgen cinwendet, daß dieS in
den meisten Fallcn unmöglich jei, indem flch
der Drncker auf dcn Berfasser oder Redacteur
bcruse, so Lndert dictz nichtS an der Sache,
denn dic Schwierigkeit deS BeweiseS ist kein
Grund, denselben zu umgehen und vvn dcn
Grundsätzen der Gercchtigkcit abzuwcichcn.
DaS Aeußerste, waS in jolchcn Fällcn verord-
net werden könnte, wäre daS Erkenntniß einer
Pvlizeistrafc wegcn grober Fahrlässtgkeit. (Wir
sind hiermit nicht ganz einverstanden. DaS neue
Prcßgcsetz geht von dcm Grnndsatze aus, daß
wenigstens cine vcrantwortliche ^rcifbare Per-
son vorhanden sein muß, und der Drucker kann
auchjeder Veraniworllichkeil stch cntziehen, wenn
er flch cincS strafrechUich haftbaren, im Berciche
dcr richterlichen Gewalt befindlichen Vorman-
neS versichert. Will demjelben daS Ristko fnr
den Znhait einer Schrift zugemuthet werden,
so mag er stch auch näher damit bekannt
machen, dcnn sonst könnten — sür den Fall
dcr Drucker die allein greifbare Person wäre
— in dessen Osficin alle möglichen strasbaren
Schriften gedruckt werden, ohne daß der Be-
sitzer oder Geschästsleitcr dcr Osficin ciner be-
sondcrS bemerkenswerthen Strase ausgesctzt
wäre. Dic Red. d. Hcidelb. Ztg.)

DaS Verfahren bei Preßvergehcn entspricht
ebensalls nicht ganz den Fordernnge» der Rcu-
zeit. DaS einzig rrchtige Forum sür allc
dnrch die Presse verüble Vergehen ist daS
Schwurgcricht. Nach unjerer neucn Organi-
sation wcrden die Prcßpergchcn thcilS vor die
Schöffengerichic, theils vor die KreiSgerichte,
theil« auch vor die Schwurgerichte gebracht,
vor letztere jedoch nur dann, wenn dcr StaatS-
anwalt auf eine höherc Strasc alS sechs Monatc
Gesängniß anirägt.

Daß in vielcn Fällen daS Ermessen dcS
StaalSanwalteS übcr die GerichlSbarkeit ent-
scheidet, ist sicherlich kein Vorzug unserc» Ge-
setze«. Hoffen wir anch hierin auf eine Aen-
dcrung.

— Bom Rhein, 27. März. Eine gemischtc
Vcrsammlung von cvangelischcn Geistlichen
und Nichtgcistlichcn dcr strciigercn ktrchstchcn
Richtung aus dcn Diözesen Karlsruhe, Dur-
lach und Pforzheim hat am 21. dicseö in dem
Orte Söllingen sich zn solgender Erklärung in
Bezug auf dic Civilehe geeinigt: „daß sic in der
beantragle» Einführnng d-r obldgalo rijchcn
Civilehe eincn schweren Schaben sürun-
ser Voik erkennen müsse." Es wurde zu-
gleich der Bejchluß gefaßt, diesc Erklärung
gieichgestnnten Mitbürgern in dcn einzclnen
Gemcinden zum Anschlussc niitzulheilcn, nnd
ste in einer gemeinschaftlichen Eingabe an die
hohe erste Kammer einzureichen; und zn die-
scm Behufe wurdcn neun AuSjchußinitglieder
beaustragt, dicse Entschlicßung durch das „Ev,
Kirchen- und VolkSblatt" zur Kenntniß der
evang, Glaubetisgenossen zn bringen. Von
dcn geistlichen Unterzeichner» des AuöschreibenS
wollen wir nur namhaft mache» die Psarrcr
Kern in HagSseld, Mühlhäuser in Wilfcr-
dingen, Peter in Spöck und Lvpecht in
Jspringcn — lauter bekannte Größen der
Rechtgläubigkeit vom reinsten Wasscr, ES ist
nur Schade, daß tiese geistlicheu Herren nebst
ctlichcn „AUbürgerincistern" jo spät auf diejen
sruchtbringcndcn Gedanken kamen, und nun
alS dic SchtcppentrLgrr der frommen'katholi-
schen Jungsraueri von Obergimpern erschcinen,
die ihnen den Rang abgelanfen habcn. Den
„schweren Schaden für unser Votk," dem es
ja unbenommen bleibt, dem bürgerlichen Acte
die kirchliche Einsegnung bcizufügcn, kann man
freilich nicht so leicht erkennen i und eS schcint
bcinahc, als ob die gcistlichen Herren wcniger
an daö Volk, als an sich selbst und an ihre
Stolgebühren gedacht hätten. Daß sie stch mit
ihrer Petition nicht an die ungliubige zweite
Kammer, sondern an die erste wcndcn wvllen,
wo einige Säulen der Kirchc den Einsturz
derselben zu verhüten suchen, ist begrciflich.
Hvffcntljch werden dicse Herren jetzt auch den
Antrag stcllen, daß von der Ehe, wetche die

kathvlische Kirche füt ein Sacramcut erklärt,
auch vie Geistliche» sortan nicht mehr ansge-
jchlossen werde», damit diesc nicht ein Sacra-
ment weniger habcn als oie Laien. Dann
könnte auch mancher von denjenigen Jnng-
srancn geholfcn werdcn, dic stch vor der „bür-
geriichen" Ehe sv sehr entsetzen.

Berlin, 24. MLrz. Zustizrath Wazener
soll zum geheimen nnd vorlragenden Rath im
StaatSministcrium, ernannt worden jetn. —
Vorspicl sür den Krieg haben am GeburlSlag
de« KönigS Jnsanteristen und Arlilleristen in
Stettin durch eine Massenschligerei ausgesührt,
deren Folge mchrere erhebliche Verwundnngcn
und die Tödtnng eincs Artilleristen und die
Demolirung zweicr Säie war.

Aus Schteswig-Holsteia, 23. März.
Gouverncur o. Manteuffel halte gegen Nen-
jahr einen aus Braunjchweig datirten Droh-
brief empfangcn, worin „Einer vom Bunde
der 24 dcutschen Zünglinge" untcr den gräß-
lichsten Schniähungen ihm Tod und Untergang
schwur. Es wurdc Ichon damals aus einigen
in der Schmähschrift erwähnten Vorsällcn, von
denen nur ein Einwohncr dcr Stadt schles-
wig Künde haben konnte, vermuthel, daß vie-
selbe dort enlstanden sei. Vor einigen Wochen
nun wicderholte sich die Gejchichtc mik etwaS
verändcrlen Umftäuden. DieSmal kam dcr
Brief rus RendSburg, und außer dem Gou-
verneur wurde auch der Bürgcrmeistcr v. Guß-
mann in SchleSwig mit einem solchen PaS-
quill bedacht. Der frühere Fadrikant Psretzsch-
ncr wuroc nun als verdächtig in Untersuchung
gczogen, und nach einem dreistündigen Verhör
gestand dcrselbe, daß cr der Verfasser der er-
wähnten Schmähschriften sei. (Schl.-H. Bl.)

Wien, 26. MLrz. Eine Bekanntmachung
deS KriegSministcrinms beschränkt die tcle-
graphische Commnnicativn der Behördcn mit
demselben, da der Staalstelegraph unler den
gcgenwärtigen Verhällnisscn möglichcr Weije
durch sehr wichtige und dringende Angelegen-
hcitcn in Anspruch genommen werden könnle.
F r a n k r e i ch.

PariS, 25. MLrz. Zu Toulon wurdc am
Freitag cin neucr Versuch mit dem ZerstörungS-
apparat des Admirals Chabannes an einer
alten Fregattc nnternommen. Die Wirknng
war vcrnichtcnd unwiderstehlich, dre Frcg'atte
wurdc sofort in Grund gebohrt.

Paris, 2K. MLrz. Die „Patrie" meldct,
daß der Kaiscr gestern einen ncuen Agcnten
der Donausürstcnthüiner, heute den CabinetS-
ches des Kaijers Maiimilian, Hrn. Eloin, em-
pfangen hat. Lctztcrer ist, wie die „Patrie"
hinzufügt, mit verlraulichen Misstonen an die
Höfe von Paris und Wien betraut.

Neueste Nachricstten.

Neuyork, 17 MLrz. Es wurden Unions-
lruppen nach Bussalo geschickt, um einer Fenier-
invasivn nach Canada vorzubeugen, auch wird
behauptet, daß das westindischc Geschwadcr nach
Halifax beordert worden sei. Jm Rcpräsen-
tantenhaus wurde MaccullochS Anleihebill ver-
worfcn.

Liffabon, 25. MLrz. Die Abgeordncten-
kammer hat die Budgetbesprechung bcgonnen,
nachdem sic das Prcßgcsctz angenvmmen hatte.
— Dic Regicrung hat VorsichtSmaßregeln ge-
gen die Cholera ergrifsen.

Wicu, 26. März. Die Gerüchtc über cin
neueS Anlchen sind unbegründet. — Hr. Bar-
tal ist zur Berathung des ungarijchen Aus-
gleichs von Pesth hicrher bcrufen.

Berli», 27. März. Die Zeidler'sche Cor-
respondenz hält dic Lage der Dinge sür ernst.
Sie bemerkt: Die Krisis, weit entfernt abzu-
nehmen, scheiut vielmehr in Steigcrung begrif-
seu. Wenn Oesterreich gerüstet hat, jo zwingen
es seinc Finanzverhältniflc, rasch anzugreifen.
Die prcußische Regierung hat dieS in ernste

Florenz, 27. MLrz. Es ist nicht richtig,
daß die Antstellung eines ObservationScorpS
in der Lombardei beschloflen sei. — Zwischen
Jtalien und Preußen ist cin weiteres Abkoin-
men zur Erleichterung dcr gegcnseitigen Han-
delsbeziehungen getroffen und bereits unter-
zeichnet worden.

Bucharest, 27. März, Das Gcschwor-
ncngerichl verurthcilte den ehemaligen Post-
loading ...