Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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(Fortsetzung folgt.)

Stuttgarr, 6. Mai. Dem „Fr. Journ."
wird von hier gemeldet, daß die volle Kriegs-
bereitschaft deS ganzen Truppencorps für eine
gewisfe Eventualität, die mit dem Ergebniß der
gestrigen BundcstaflSsitzung im Zusammenhang
steht. angeordnet worden sei. Hieran knüpft sich
die sofortige Bernfung der Ständeversammlung.
Wenn das Armeecorps wirklich mobilisirt wird,
werden sich eine Masse Freiwilliger herzudrän-
gen und die Universität, wie andere höhere
Lchranstallen geschlossen werden müssen, denn
die allgcmeine Begeisterung für die deutsche
Sache ist so grenzenlos, wic sie es 1813 in
Preußcn nicht in höherem Grade sein konnte.
Mit wahrer Wuth würden sich unserc Leute
auf Preußen stürzen, nicht weil man Preußen
haßt, Gott bewahre, sondern weil man Bis-
marck's von Preußen geduldete verderbliche Po-
litik mit einem Bündniß mit Jtalicn gegen
Deutschland niederschlagen zu müsfen glaubt.
Es würde Freiwillige bis ins höhere Lebens-
alter hinauf geben.

Berlin, 6. Mai. Für die qanze Armee
ist heute die Mobilmachung befohlen. Zu vier
Armeecorps wird die Landwehr eingezogen.

Berlin, 6. Mai. Gutem Vernehmen zu-
folge bestätig? es sich, daß Jtaliens Erklärung
in Paris genau dahin gelautet hat, daß es
nicht die Jnitiative des KriegeS ergreifen werde.
Laut zuverlässigen Nachrichten aus Wien ist die
Artillerie der ganzen österreichischen Armee
kriegsbereit. ''

Leipzig, 6. Mai. Es verlautet zuverläs-
sig, daß die Beurlaubten und Neserven einbe-
rufen worden sind. Hier stnd Einquartirungen
angesagt.

Wien, 5. Mai. Morgen trifft der Bot-
schaftsrath Graf Mülinen aus Paris hier ein.
Er hat den Auftrag, hier diejenigen eingehen-
den Erläuterungen über die Tragweite dcr
— von dem Minister Rouher in dem gesetzge-
benden Körper angezogenen — Erklärung des
Florentiner Cabinets zu geben, mit welcher die
feanzösische Regierung diese Erklärung zu be-
gleiten im Stande war. Die Erklärung ist dem
Vernehmcn nach gleichzeitig in London abgege-
ben und soll der hiesige englische Botschaftcr
sofort angewiesen sein, dem österreichischen Ca-
binet vorläufig zur Erwägung zu stellen, in-
wiefern nach Jnhalt derselben etwa die Mög-
lichkeit gegeben erscheine, zu derjenigcn feierli-
chen und bindenden beiderseitigen Friedensver-
sicherung zu gelangen, welche England mit allen
feinen Kräften zu fördern bereit und als deren
logische Consequenz die beiderseitige Abrüstung
zu betrachten sei. (K. Z.)

3Vien, 6. Mai. Wie das „Fremden-Bl."
meldet, ist Erzherzog Albrccht gestcrn halb 10
Uhr Abends mit seinem Stab nach Verona
abgereist.

Wien, 6. Mai. Der „Presse" wird auS
London telegraphirt: Am 4. d. sina gleichlau-
tende österreichische Noten in Paris, Petersburg
und London übergeben worden, worin die Noth-
wendigkeit der österreichischen Rüstungen moti-
virt wird. Gleichzeitig ist eine Antworts-De-
pesche nach Perlin abgegangen, worin Oester-
reich die von Preußen gestellten Abrüstungs-
Bedingungen verwirft und sich cine Würdigung
des Werthes der italienischen Friedensversiche-
rungen v'orbehält.

K r a n k r e i ch.

Paris, 4. Mai. Die Bildung eines Ob-
servationscorps bei Lyon dürfte binncn Kurzem
vor sich gehen. Die Eisenbahn nach Lyon hat
Ordre bekommen, alle ihre Transportmittel für
Truppcnscndungen bereit zu halten und in allen
Militärdivisionen werden in aller Stille die
Urlauber einberufen.

C n g l a n d

London, 5. Mai. Jn der gestrigen Sitz-
ung des Unterhauses lenkte Darby Griffith die
Aufmerksamkeit auf die kritische Lage und spricht
die Hoffnung aus, daß die Angabe von dem
Abschlusse einer preußisch-italienischen Allianz

unwahr sei und daß nichts geschehen werde,
was England und Frankreich entzweien könnte.
White hofft, daß England mit anderen Mäch-
ten nach besten Kräften die Erhaltung des
Friedens fördere. Kein Mitglied der Regie-
rung antwortet.

Ttt r k e i

Bukarest, 5. Mai. Eine offizielle Depesche
auS Paris mcldet, die Donaufürstenthümerkon-
ferenz habc die Kandidatur deS Prinzen von
Hohenzollern verworfen. Ein Dekret der Statt-
halterschaft beruft die Kammer auf den 10. Mai
cin. Der ehemalige Kriegsminister, Oberst
Salomon, wurde wegen Komplotts gegen die
Negierung verhaftet.

A m e r i k a.

Neuyork, 26. April. Der Staatsfekretär
Seward instruirte den Gesandten der Union
in Wien, gegen die Einschiffung österreichischer
Truppen nach Mexico zu protestiren und zu
erklären: Bei der Fortdauer des Krieges in
der Republik Mexico könnten die Vereinigten
Staaten nicht neutral bleiben.

Neuefte 9t.,chrichren.

Darmstadt, 7. Mai. Alsbald nach Rück-
kunft des Prinzen Alexander von Wien wur-
den sämmtliche für die projectirte Reise des
Großherzogs (in Gesellschaft scines Bruders,
dcs Prinzen Alexander) getroffenen Vorbe-
reitungen definitiv zurückgenommen.

Stuttgart, 7. Mai. Ein Theil der Armee
wird mobilisirt.

Leipzig, 7. Mai. Jn Folge der Mobili-
sirung PreußenS ordnetc die sächsische Regierung
den Wiederbeginn der sistirten Pferdeeinkäufe
an nnd hofft auf Deckung des Bedarfs in
Sachsen.

München, 7. Mai. Durch Rescript deS
KriegSministers wird der sofortige Ankauf einer
weiteren größeren Anzahl von Pferden für die
Cavallerie und Artillerie angcordnet.

Hannover, 7. Mai. Der Präsenzstand
der sämmtlichcn 20 Jnfanteriebataillone wird
durch die Einberufung der Beurlaubten von je
132 auf 560 Mann erhöht. Officiell wird
als Grund für diese Maßregel angegeben, daß
man die üblichen Herbstexercitien aus Rücksicht
für die Erntearbeiten vermeiden wolle.

Berlin, 7. Mai. Prinz Friedrich Karl
reist heute Abend nach Sorau ab. Es wird
die Einberusung der Kammern behufs Geldbe-
willigung in Regierungskreisen ventilirt. Fried-
richsd'or 116.

Kiel, 7. Mai. Gablenz und Manteuffel
kamen gestern in Eckernförde zusammen.

Nkatzeburg, 7. Mai. Die hier und in
Mölln liegende zweite und vierte Schwadron
des Magdeburger Dragonerregiments Nr. 6
marschiren am nächsten Mittwoch ab., wahr-
scheinlich nach Schmiedeberg (Provinz Sachsen).

Paris, 7. Mai, Abgang 12 Uhr 12 Min.
Vor der Börse: 3pCt. Rente 64. —; sehr
flau, große Beunruhigung in Folge der Rede
des Kaisers und wegen Nachrichten aus Jtalien.

Paris, 7. Mai, Abgang 12 Uhr 45 Min.
3pCt. Rente 63.10, Credit Mob. 520, ital.
Anleihe 39.50, Lyoncr Eisenbahnactien 795,
österreich. Anleihe 260. Ungeheuere Bewegung.

Paris, 7. Mai. Der Morgen-Monitcur
bringt die Antmort dcs Kaisers auf die Rede
des Maires von Auxerre. Diese Antwort lau-
tel: „Jch sehe mit Bcfriedigung, daß die Er-
innerungcn dc-8 ersten Kaiscrreichs nicht aus
Jhrem Gedächtniß gelöscht sind. Glauben Sie,
daß auch ich meinerseitö der Erbe bin der Ge-
fühle des Hauptes meiner Familie für jene
thatkräftigen und patriotischen Bevölkerungen,
welche den Kaiser in gutcn und in schlimmen
Tagen unterstützt haben.^Jch habe dem Tepar-
tement dcr Aonne eine Schuld abzntragen: es
war eines der ersten derjenigen Departements,
welche mir im I. 1848 ihre Stimmen gaben,
weil es mit der Mchrheit des französtschen Vol-
kcs sich bewußt war, daß seine Jnteressen die
meinigen waren, und daß ich gleich ihm jene
Verträge von 1815 verabscheute, aus denen
man heute die einzige Grundlage unserkr aus-
wärtigen Politik machen will. Nehmen Sie
meinen Dank für Jhrc Gefühle. Jn Jhrer Mitte
athme ich mit Vergnügen; denn unter den ar-
beitsamen Bewohnern dcr Städte und des Lan-

deS finde ich den wahren Genius Frankreichs
wieder."

FloreriZ, 7. Mai. Ein Circular des
KriegsministerS ordnet an, daß Freiwilligc mit
einjährigem Engagement in die reguläre Armee
aufgenommcn werden. Die „Opinione" mel-
det, daß ein Decret über die Errichtung von
Freiwilligencorps zur Unterzcichnung vorliege
und ein Comite zur Vorbereituug der Orga-
nisation ernannt sei.

Berlin, 7. Mai, Abends. Ein elegant ge-
kleidcter Mensch schoß heute Nachmittag gegen
6 Uhr untcr dcn Linden auf den Ministerprä-
sidenten Grafen Bismarck mehrere Schüffe aus
einem Revolvcr ab. Graf Bismarck ist nicht
verwundct; er ergriff den Thäter felbst. Der
Thatbestand wird festgestellt.

Berlin, 7. Mai, Abends. Der Minister-
präsidcnt kchrte nach 5 Uhr vom Vortrag bei dem
Könige zu Fuß durch die Lindcnallec zurück und
wurde in der Nähe der Schadowftraße von einem
unbekanntenMenschen angegriffen. DerMeuchler .
schoß zwcimal aus einem sechsläufigcn Ncvolver
gegen den Rücken des Ministers, ohne zu trcffen.
Der Letztere ergriff den Thäter, wclcher wäh-
rend des Ringens noch dreimal schoß. Hr. v.
BiSmarck blicb unverletzt, wahrschcinlich wcil
der Pistolenlauf an den Körper gedräugt war.
Nur die Kleiduugsstücke wurdcu durchlöchert
und der Graf leicht contusionirt. Der Thäter
ist dcr 22jährige Sohn des republikanischen
Flüchtliugs Karl Blind in London und kam
aus Hohenhcim (Würtemberg), um dcn Hrn.
v. Bismarck zu ermorden. (So vicl wir wisfen,
kann K. Blind keinen schon erwachsenen Sohn
haben, da er sich erst im Jahre 1853 verche-
lichte.)

Berlin, 8. Mai. Die Morgenzeitungen
melden für heute Abend eine große Ovation
vor Bismarcks Hotel. Der Attentäter soll sich
in einem unbewachten Augenblick im Polizei-
gewahrsam mehrmals in den Hals gestochen
haben. Keiner der Stiche ist tödllich.

** Heidelberg, 7. Mai. Die Petition um
allgemeine Wehrpflicht ging, von 266
Unterschriften aus Heidelberg, Neuenheim und
Ziegelhausen bedeckt, heute nach Karlsruhe zur
Uebergabe an die beiden Kammern.

§ Ncckargemünd, im Mai. Auch oon
hier ist bereits unter dem 27. v. M. oom Ge-
meinderath und engeren Ausschuß an unseren
verehrten Minister des Jnnern, Herrn Staats-
rath Lamey, eine Adresse beschlosien und abge-
sandt worden.

fiAus dem Amrsbezirk Wiesloch,

4. Mai. Wie von so vielen Orten des Landes
wurde auch von deu Vertretern der Gemeinden
Walldorf, Schatthausen und Thairnbach, eini-
gen Bezirksräthen und einem Vertreter der
Bürger zu Baierthal eine Zustimmungs- und
Dankadresie dem Herrn Staatsrath Dr. Lamey
für dessen segensreiches Wirken am 30. April
d. I. von einer Deputation überreicht und hier-
durch kundgegeben, daß auch in dem hiesigen
Bezirke die großen Verdienste diefes würdigen
hochgeehrten Mannes Anerkennung finden und
die gerechte Verwerfung der bekannten — von
jedem gutgesinnten Bürger mißbilligten — An-
klage desielben in der hohen ersten Kammer
sreudig begrüßt wurde.

Aus Baden. Auf dcr Mannh. Schleifbahn
entgleiste am 3., wegen falscher Weichcnstellung,
ein Zug und wurden in Folge dcssen einige
Wagen beschädigt. — Zn Sandhofen bei
Mannheim wurden kürzlich durch Einbruch aus
dcr Gcmeindekasie über 8600 fl. gestohlen. Zwei
verdächtige Jndividuen sinv bereits cingebracht
worven. — Wie verlautet, haben die Hcrren
Binzcr und Elert aus Rheinpreußen den Bahn-
bau von Wildbad nach Pforzheim über-
nommen.

Die Grundstocksven cchnung des Waisendauses ei hielt
vom 2. Burgcrmeiiieramt 'nachstehende Strafen aus
Ehrenkränkuugsklaqen:

1) Aruold gegen Wieweck 4 fl. 30 kr.; 2) Kachel
gegen Geißler 5 fl.; 3) Landcs gegen Brunner 1 fl.

30 kr.; 4) Lang gegen Pfisterer 2 fl. 30 kr., wofür

Heidelberg. den 5. Mai 1866.
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