Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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KreiöverküiidigMgsblatt fiir ücn Kreis Heiüclberg unü amtliches Perkünüigungsblatt für die AiiilS^ und Amts-
Gerichtsbezirke Hcidelbcrg und Wicsloch unü dcn Anitsgerichtsbczirk Ncckargeniünü.

N 111


Sonntag, 13 Mai


18K6.

xx Die augenblickliche Lage

ist: Niemand will angreifen, aber Jedermann
rüstet. Was aus dem Frieden werden soll,
wenn Mitteleuropa von der Meerenge von
Messina bis zur Ostsee von Waffcnlärm wieder-
hallt, — darüber ist kaum ein Wort mehr-zu ver-
liexen. Eine dürftige Friedenshoffnung beruhte
in der letzten Zeit noch auf dem Zustande-
kommen eines, von London aus angeregten,
Eongrefses; allein die Hauptperson, auf die es
hiebei ankommt, der ursprünglichc Urheber der
Congreßidce, Napoleon III., scheint selbst nicht
mehr geneigt, hierauf einzugehen, und wird
diesem Vorschlage daher wohl ein „zu spät"
entgegensetzen. Jm Uebrigen herrscht als Re-
gent über die Lage jetzt der blinde Zufall,
und dcffen Entscheidungen sind wahrlich oft am
wenigsten verständig. PreMen hat nach und
nach seine ganze Armee kriegSbereit gemacht,E
nnd ruft hiedurch mit der Landwehr über eine
halbe Million unter die Waffen. Geschäfte und
Gewerbe fangen jrtzt schon an zu stocken und
werden eS in der Folgc sichcr noch weil mehr,
wenn Tausende von Familien auf lange Zeit
hinaus, vielleicht auf immer, ihrer Ernährer
beraubt werden.

Kaum minder stark als die preußische Armee
wird die italienische sich auf öem Kriegsfuße
belaufen und ist namentlich hier an eine Lö-
sung des Knotens ohne Krieg kaum mehr zu
denkcn. Oefterreich ist bis an die ZLhne ge-
waffnet, und denkl es auf 900,000 Mann zu
bringen, um mit Erfolg nach beiden Seiten
(Preußen und Jtalien) Front machen zu kön-
nen. Jm Stillen rüstet aber auch Frankreich,
oder ist vielmehr schon gerüstet. Der Kaiser
dcr F»anzosen sprach erst kürzlich sein „Behagen"
auS, sich inmrtten einer Bevölkerung zu befin-
den, „deren Gedächtniffe dic Erinnerungen an
das erste Kaiserreich nicht entschwunden sind."
— Entgegen den ausgesprochenen Friedens-
wünschen seiner Kammer, erwicdcrt er mit einem
Appelle an die „arbeitsame Bevölkerung der
Landstädte", als das „alleinige wahre Volk
Frankreichs", das im Jahre 1848 allen voran
dem Neffen des ersten Kaisers seine Stimme
gegeben. Auch sonsi läßt die Erklärung des
Kaisers in Auxerre an Deutlichkeit nichts zu
wünschen übrig! Er steht auf Seiten derjeni-
gen, welche die Verträge von 1815 gleich ihm
„verabscheuen", d. h. auf Seiten Victor Ema-
nuels und Bismarcks, besonders da sich in
Deutschland bald Gelegenheit Leben wird, diese
Verträge fast mühelos zu annulliren.

Eine letzte in Wien angebahnte Friedensunter-
handlung soll gescheitert sein, und einem von
der „Preuß. Kreuzztg." neulich gebrachten fried-
lichen Artikel ist kein Gewicht beizulegen, indem
dieses Blatt nicht als Organ der Bismarck'schen
und Kriegspartei anzusehen ist, welche zur Zeit
die Oberhand in Berlin hat. Die deutschen
Mittelstaaten fangen allmälig auch an, ihre
Contingente kriegsbereit zu machen. Die Schätze
des kgl. Hofes in Dresden sollen bereits übers
Mecr geflüchtet sein. Entgegen der Friedens-
agitation einiger Gothaer Haupter und preu-
ßischer Annexionisten ist das sächsische Volk mit
seiner Regierung einverstanden, einer preußischen
Jnvasion entschloffenen Widerstand entgegenzu-
setzen. Von dem anfänglichen Projecte, die cin-
heimischen Truppen auf bayerisches Gebiet zu-
rückzuziehen, hat man Umgang tzenommen.

Die sächsische Armee, deren beträchtlich ver-
mehrter Bestand auf 40,000 Mann gebracht
worden ist, concentrirt sich bei DreSden, und
soll im Falle einer preußischen Jnvasion den
Gegner vor den Thoren der Stadt erwarten.

Jn und vor dieser Hauptstadt soll sie die
Schlüffclstellung zn den Päffm dcs Mcißner
Hochlandes so lange zu behaupten suchen, bis
die auf das erste Alarmze-ichen von Böhmen
herabrückendcn österreichischen Colonnen die
Thalschluchten des Erz- und Ricse.ngcbirges,
welche gegen die Dresdcner Ebene hin ausmün-
den, besetzt, die beherrschende Position am Kö-
nigstein und bei Pirna mit starker Macht be-
legt, und sich auf diese Weise den Weg zu der
strategisch wichtigen sächsiscken Hauptstadt ge-
sichert haben. Durch Zerstörung der gegen die
preußische Grenze zu führenden Eisenbahnen
sollen die dort sich bereits sammelnden Preußen
vcrhindert wcrden, sofort.mit starker Macht an-
znrücken, so daß daS sächsische Heer immerhin
im Skande sein wird, den crsten Stoß bis zum
Anmarsche der österrcichischcn Hauptarmee auf-
zuhalten.

So wird denn — wenn nicht ganz unvor-
hergeschene Zufälle in der 12. Slunde es ver-
eitcln — das Ungewitter im schönen Elbthale,
am nördlichen Abhange des Erzgebirgs und in
den Pässen der sächsischcn Schweiz sich zuerst»
entladen, in dersclben durch romantische Natur-
schönheit, aber auch durch strategische Wichtig-
keit sich auszeichneudcn Gegend, wo dcreinst der
7jährige Kricg seinen Anfang nahm, und wo
im Jahre 1813 die Hecre. derselben beiden
Staaten, welche jetzt die Waffen zum Bruder-,
kriege zu erheben drohen, einträchtig den
gemeinsamen Fcind. DeutschlandS (in
den über die sächsische Ebene gegen Böhmen
sich hinwälzenden Heeressäulen Napolcons I.)
bekämpften!

* Politifche Umsckau.

Heidelberg, 12. Mai.

* Aus Schwaben, aus der Mitte der ker-
nigsten und frischesten deutschen Stämme, kam
ein junger Mann nach Berlin, um in unglück-
seliger Verblendung im Namen deS föderativen
Princips gegen die Annexionspolitik Verwah-
rung einzylcgen. Nach Allem, was jetzt schon
feststeht (man vgl. die Berlincr Gerichtszeitung),
ist von dem Unglücklichen nimmermehr zu be-
haupten, daß 'er ein abgefeimter Verschwörer
oder gar ein von fremder Hand gedungener
Mörder sei. Der jnnge Mann, der seine That
mit dem Entschluffe ausgeführt, sie im Falle
des Gelingens oder MißlingenS nicht zu über-
leben, war offenbar auch sein eigener Auftrag-
gcber. Auch einen Milwiffer seineS Beginnens
hat er schwerlich. Möge Graf v. Bismarck den
Fingerzeig des Schickjals erkennen. Möge er
bedenken, welche furchtbare Leidenschaften sich
gegen seine Politik entfeffeln werden, wenn er
zum Aenßersien schreitel. Es ist ihm gelun-
gen, denjenigcn mit eigener Hand zu entwaff-
nen, der ihm nach dem Leben trachtete. Aber
nicht so leicht, wie die Läufe des Revolvers,
wird er die der Kammern, welche in seine Macht
und Herrlichkeit Bresche schießen werden, von
ihrcm Ziele ablenken. DaS Deutschland, wcl-
ches er herausfordert und welches den Kampf
mit Preußen aufzunehmen entschloffen ist, wird
er so leicht nicht niederringen, wie oen jungen
Mann unter den Linden. König Wilhelm würde
Preußen und Deutschland unermeßlicheS Unheil
ersparcn, wenn er in dem vcrhängnißvollen
Ereignisse eine letzte WarnNng erblicken würde.
Aber es ist sehr zu fürcht^n. daß die Warnung
übcrhörl und daß das Schicksal seinen Lauf
nehmen wird!

Großes Aufsehen macht der Leitartikel der
„Kreuzzeitung" vom 9. Mai, welcher auS An-
laß deS Attentats Fricden mit Ocsterreich und
Krieg gegen die Revolution empfiehlt. — Die

Theilnahmlosigkeit der Berliner Bevölkerung
für den aus Mörderhand so wnnderbar erret-
tetcn Premierminister hat, wie dem „Fr. Z."
auS Berlin geschrieben wird, wirklich etwas
Grauenhaftes. Die EntreprenenrS der „Bürger-
ovation" hatten sämmtlichen Morgenblättern,
wie auch dem stetS sehr gefälligen Wolfi'schen
Tclcgraphenbureau Reclamen für ihr Unter-
nehmen eingesandt. Man speculirtc aus die
bekannte Berliner Neugierde, aber die Neugierde
blicb auS. Um halb 9 Uhr Abends waren
vor dem Ministcrhotel noch nicht so viel Men-
schcn versammelt, wie sonst ein geftürztcr Drosch-
kengaul anzuziehen Pflegt.

Das preußische Abgeordnetenhaus soll näch-
stens zusammentreten, wohl aus keinem andern
Grunde, als um die Mittel zur KriegSführung
zu bewilligen. Die „N. Frkf. Ztg." bemcrkt
darüber: So wenig Werth auch die Abstim-
mungen des Abgeordnetenhauses haben mögen,
so ist doch so viel gcwiß, daß ohne das zustim-
mende Ja eincr Mehrheit von diesen so gcring-
schätzig abgestoßenen, verhöhnten, mit Schmutz
beworfenen „Kreisrichtern unb Literaten" Graf
BiSmarck die Mittel zu dem Kriege nicht fin-
den kann, der eine VeräußerunF rheinischen
Bodens im Tausch gegen nordelbisches Land be-
zweckt. Gencral Manteuffel versicherte zwar be-
kanntlich, daß Preußeu „heidcnmäßig viel Geld"
habe; der Vorrath scheint aber bereits unter
die Heiden gegangen zu seiu. Der Nothstand
macht sich in allen Provinzen fühlbar. Die Be-
rufung der Landwehr beraubt Tausende von
Familien ihrer Ernährer, und man fragt um-
sonst, wo denn die Wirkungen dcr Neorgani-
sation bleiben, dcren Wohlthat darin bestchen
sollte, daß die Landwehr, sclbst des ersten Auf-
gebotS, künftighin nur im äußersten Nothfall,
nur zur Vertheidigung des angegriffenen Hei-
mathbodens, unter die Waffen zu treten hätte.
Die Kapitalisten flüchten ihre Schätze nach Lon-
don und Paris; der Berliner Disconto ist auf
9 pCt. gestiegen. Preußen hat seinen Mangel
an naturwüchsigem Reichthum durch eine hohe
Blüthe des Gewerbfleißes zu ersetzen gewußt;
dicse Blüthe ist mit dem ersten Frost dxr Kriegs-
nähe geknickt, und es würde manches Jahr er-
forder-n, um nur dcn Verlust dieser wenigen
Wochen wieder. auszugleichen. Preußens Fiuan-
zen waren vor der Bismarck'schen Zeit vortreff-
lich geregelt; jedoch Preußen war nur wie ein
solider wohlstehender BürgerSmann, der mittelst
Anspannung all seiner Kräfte sein gutes Aus-
kommen gewinnt, aber einen heftigen Eingriff
in seine streng geregelten Äerhältniffe noch we-
niger ertragen kann, als wer es von jeher leich-
ter nnd großartiger mit seiner Finanzwirthschaft
genommcn. Die Kammcrn werden berufen,
weil Graf Bismarck des Geldes bedarf. Das
ist die ganze vulgäre Thatsache. ES^wird sich
nun fragen, ob die Abgeordneten ihr Ja, ihr
.dieSmal nicht zu entbchrendes Ja, dem Grafen
Bismarck dazu gewähren werden, daß er die
deutschen Völkerschaftcn behandeln könne. wie
bisher die preußischen Abgcordneten. Die Köl-
nische Zeitung deutet bereits an, eS werde
nicht geschehen. Wir haben keinen Grund, ihr
hierin zu widersprechen.

DaS „Dresdener Journal" erklart, der Kö-
nig von tsachsen denke nicht daran, sein Land
zu verlassen. Die Gerüchte von einer Zusam-
menkunft der Könige von Sachsen, Würtem-
berg und Bayern in Friedrichshafen waren so-
nach unbegründet.

Der Wiener Correspondent der Karlsruher
Zeitung vernimmt, Graf Bismarck habe betreffs
der österreichischen Note vom 26. April über
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