Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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ridelbtrger Zeilung.

Kreisuerkündigungsblatt fiir üen Kreis Hcidelbcrg nnd auitliches Serkündigungsblatt für die Amts- nnd Amts-
Gcrichtsbczirke Heidelbcrg und Wicsloch und dcn Amtsgcrichtsbezirk Neckargemüud.

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Donnerstag, 24 Mai


Aus die „Heidelberger
Zeitung" kann man sich
noch für den Monat
Zuni mit 21 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalten, den Boten uud Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

* Politische Umschau.

Heidelberg, 23. Mai.

* Jn dem Augenblicke, wo das Gestirn des
Congreffes am politischen Horizonte auftaucht,
ist es an der Zeit, sich daran zu erinnern, daß
Congreß und Frieden nicht daffelbe bedeuten.
Wenn es den vereinten Anstrengungen der neu-
tralen Diplomatie gelingt, die streitenden Theile
dahin zu bringen, daß sie Vergleichsvorschläge
wenigstens anhören und discutiren wollen, so
folgt daraus noch keineswegs, daß diese Ver-
gleichsvorschläge auch auf Annahme zu rechnen
haben. Es ist nur ein kleiner Schritt zum
Frieden, wenn man die Bevollmächtigten der
kriegdrohenden Mächte einmal um den grünen
Tisch versammelt hat. Aber alsdann beginnen
erst recht die eigentlichen Schwierigkeiten. Es
ist -sogar sehr zu besorgen, daß der Congreß
in Ermangelung eines allgemein annehmbaren
Vergleichsvorschlags nicht allein erfolglos blei-
ben, sondern geradezu dem Kriege Vorschub
leisten wird, insofern nämlich als in Folge
desselben sür die kriegführenden Mächte der jetzt
fehlende casus kelli gefunden werden würde,
während dem jetzt jede scheut, durch Eröffnung
der Feindseligkeiten die Gunst Europas zu ver-
scherzen. (Vou Congressen ist in der Regel
nur daun eine ersprießliche Wirksamkeit zu
hoffen, wenn sie nach einem Kriege zu Stande
kommen. Der jetzt beantragte und neuesten
Nachrichten zufolge wirklich stattfindende Congreß
dürfte leicht ein eben so chimärisches Project
bleiben, wie jener vom Jahre 1859, der, ob-
wohl damals die Chancen noch günstiger lagen,
doch ebenfalls den Krieg nicht verhinderte.)
Dem ganzen neuaufgetauchten Vorhaben liegt
möglicherweise nur eine hämische Absicht gegen
Oesterreich zu Grunde, da man diesem in wahr-
haft schamloser Weise von vornherein zumuthet,
auf Venetien ohne Entschädigung zu verzichten.
Ein solches unerhörtes Ansinnen sindet ein Theil
der preußischen Presse noch ganz in derOrdnnng.
(Mit demselben Nechte könnte man die Zumuth-
ung stellen an Fraukreich auf'das Elsaß, an
Elkgland auf Jrland, an Nußland aüf Polen,

an Preußen auf Posen zu verzichten!) Verwei-
gert nun — wiezu erwaxten steht — das Wiener
Cabinet einen derartigen Congreßvorschlag ohire
genügende Compensalion zu acceptiren, dann
ist gerade die Lage geschaffen, die mit dem
Congreßprojecte von gewiffer tL>eite erzielt wer-
den soll: dann werden Preußen und Jtalien
alle Schuld aus Oesterreich wälzen und dieses
als den Herausforderer zum Kriege darstellen!

* Jn Preußen wie in ganz Deutschland sieht
man dem Nesultate der demnächst stattfinden-
den Abgeordnetenwahlen nlit Spannung ent-
gegen. Es macht sich mitunter die Ansicht gel-
tend, als wolle das Berliner Cabinet durch den
etwa oppositionellen Aussall derselben einen
Umschwung seiner Politik maskiren, d. h. Jta-
lien im Stiche lassen und mit Oesterreich sich
friedlich auseinandersetzen. Es soll der napo-
leonische Bannfluch gegen die Verträge v. 1815.
nicht nur auf den König und seine Miuister,
sondern auch auf die Ultra's der preußischen
Anuexionspartei einen sehr niederschlagenden
Eindruck gemacht haben. Man argwöhnt all-
mälig auch von dieser Seite, daß Napoleonlll.
schließlich doch seine Nevanche sür Waterloo zu
nehmen im Stande sei. Was der Letztere auf
Verträge hält, wenn der Bruch derselben im
Staatsiuteresse von Frankreich liegt, das hat
in dem Bruche des Züricher Friedens in
neuerer Zeit schon eine wahrhast glänzende
Jllustration gefundeil. Bei der allgemeinen
Stockung oon Handel und Verkehr, bei der
Brodlosigkeit der Arbeiter, bei den erschütterteu
Creditoerhältnissen,. bei der massenhaften Aus-
hebung von Familienvätern zum Kriegsdienste
mag sich der Abscheu vor diesem Nriege in
Preußen immerhin iu einer Weise steigern,
daß entschiedene Oppositionswahlen durchdringen,
und hieroon vielleicht eine friedliche Strömung,
mehr als von einem Congresse, datiren dürfte.

Die Berl. Börsenztg., welche gestern schrieb:
der König habe den Allianzvertrag mit
Jtalien, welcher ihm vorgelegen habe, die
Unterschrift verweigert, will in Ersahrung
gebracht haben, der schon seit längerer Zeit
paraphirte Vertrag habe jetzt dieselbe erlangt.

9iach dcr „Nlederjchl. Ztg." ist am 17. der
Besehl eingetroffen, die bcreits eingczogcnen
Manuschafteu des zweiten Aufgebots unver-
züglich zu cntlassen.

Das preußische Tclegraphenbureau in Frank-
furt hat die Besöroerung von Telegrammen

über die Beschlüsse der Volksversammlung vom
20. Mai nicht übernommen.

Die zum Abgeordnetentag erschienenen 29
schleswig-holsteinischen Abgcordncten haben cr-
klärt, daß.sie ohne Ausnahme gegeu den Aus-
schußantrag gestimmt hätten.

Nach der „Köln. Ztg." erhielt ein Licferant
den Auflrag, 200,000 Jnfantericschuhe und
55,000 Cavallcriestiefel sür die sranzösische
Armce binnen 3—4 Wochen zu liefern. Zu-
gleich empfing Marschall Randon die Bcsitzer
großcr Schnciderwcrkstätten, um mit ihnen
Verträge über sofortige Liefcrung bestimmter
Kleidungsstückc rc. abzuschließen, während in
der Geschützgießerei von Douai man Tag und
Nacht mit der Anfertigung von Stahlgeschossen
beschäftigt ist.

Ein officiöser Wiener Berichterstatter der
„Köln. Ztg." berichtet unterm 14.: Bei einer
in Wien stattgesundenen Sondirung in Be-
treff eines Congreffcs habe Graf MenSdorff gc-
antwortet, die gegenwärtige Lage der Dinge
sei zur Behandlung auf einem Congreffe durch-
aus nicht geeignet; jedenfalls würde Oester-
rcich nicht die Hand dazu bieten können, bei
der Entscheidung über rein deutsche Fragen
das Ausland mitwirken zu laffen.

Die württembergische FortschrittSpartci hat
vorgestern Abcnd cine Besprechung über ihre
Steüung zu den brennenden Tagesfragen ge-
halten. Man war. dabei allcrseits der Ansicht,
„daß die Mittelstaaten Allem aufbieten follen,
den Bruderkrieg noch in der letztcn Stunde zu
vermeiden, und es deßhalb nicht gerathen sei,
sich unbedillgt an Oesterreich anzuschließen und
feindlich gcgen Preußcn aufzutrelen, obwohl die
gegenwärtige Politik Preußens unbcdingt
verworfen wurde. Ueberhaupt sei, ehe man
Ocsterreich durch die That unterstütze, von den
Negierungen der Mittelftaaten Sicherheit dafür
zu verlangen, daß es nach einer Demüthigung
PreußenS sein dadurch erlangteS Uebergewicht
nicht bcnützen könne, um dcr freiheitlichen Ent-
wicklnng der Mittelstaaten entgegenzutretcn.

Der „Constitutionncl" sagt: Frankrcich und
England sind einig über die Fassung der an
die im Conflikt befindlichcn Mächte zu rich-
tenden^ Mittheilung. Die Antwort Nußlands
wird erwartct, und Alles berechtigt zu der
Hoffnung, daß die drei Cabinete in wenigen
Tagen im Stande sein werden, dcn beabsich-
tigten Schritt zu thun. Es ist unmöglich, sich

Deutsches Lied.

-d-

In Schlaffheit und in Nirdertracht
Zst allr Welt versunkrn,

Auf Denlscblnnd senkt sich finstre Nacht, -
Und jrder Freihritsfunken

„Sei Gott, Du mit dem deutschen Reich/

Wo dentsche Herzen wachscn.

Uno allen Deutschkn Hetl und Sieg,

Die herrlich sich rrwiesrn,

Wie einst im großen FreiheitSkrieg
Der Heldenjüngling Kriesen.*)

«) Jhm ward nicht bcschieden. j^n'S sreie Baterland
heinizukcl'rrn, an dcm scine Leele hielt. Von wrlscher
Tücte fiel er bei düstercr Wnueinacht durch Mcuchel-
schuß in den Ardcnncn. Jdn häite auch im Kampf
krinrS Sterblichen Klinge grfällt. Keincm zu Liebc und
Keinem zu Leide —: ader wje Scharnhoist unrer den

Wann wird der Väter frommer Grtst
In uns're Stämme fahren,

Der uns der Nikdertracht entreißt
Am Hrrde unsrer Laren?

Der kühn uns an die Spitze stellt,

Wo wir jktzt sklavisch frohnen?

Dem deutschkn Geist kie weite Welt,

Dem Schlachtschwert der Teutonen!

Heinrich Zeise.

London, 16. Mai. E>n geheimnißvoller Mord,
dkffcn Urhrbcr so wenkg bekannt, als seine Motive,
so daß man sogar auf Selbstmord gerathen hat,
hat sich vor 14 Tagen in der Näbe von Liverpool
bkgeben. DaS Opfer dkssklbrn ist ein Deutscher,
Jakob I. Blum, Lehrer an der Realscbule von
Bradsord, dcsscn Muttrr »nd Schwrstkrn in Preußen
lebrn. Ein Bruder bcsucht rine Londoner Schule,
ein andrrrr Bruder, der sich P"ul Bloomfirld nrnnt, ist
rin Matrose, der im amerikinischen Kriege gedtent
hat und zu Ende deS verflossrnrn IahreS in Brad-

Altcn. ist Friesen vou der Jugend der größeste aller
Iahn in der Borrcdr zur demschen Turnkunst.

ford war, wo ihn sein Bruder mit Geld unter-
stützte, um nach Australien auSzuwandern; er ist
jedoch seitdem in London gesehen worden, wo er
erklärte, Schiffbruch gelitten zu haben. Ueber den
Ermordeten, drssen Leiche am 30. April an einer

erwartrt. Seitdem hatte Niemand etwaS von ihm
erfahren, biS am folgrndrn Tag srine Leiche zwischen
den Felsen deS Ufers anfgefunden wurde. Die Kehle
war unter den Kinnbacken zerschnitten und eS fehlte
die goldene Ubr und Börse, kte, wie man weiß,
einkn Brtrag von mehreren Pfund enthielt. Ein
Selbstmord ist höchst unwabrschrinlich. DaS Ein-
zige, waS einlgen Aufschluß üdrr setne Entfernung
auS Bradford geben kaun, tst ein an setne Der»
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