Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Dienstag» 2N Mai


xx Zur Lagc.

Dcr Abgeordnclenlag zu Frankfurb ha! für
die Lösung dcr deuljchcu Frage wenig Förder-
liches zu Staude gcbracht; der in Auöstcht ge-
uommcne Eongreß mag dic Entscheidung
der Sachc wohl in die Länge zichen, er wird
aber, wenn uicht noch in letztcr Stunde eine
Weudung zum Frieden eintritt, de» kriegerijchcn
Ausgang, jo betrübnißvvll er ist, nicht aüfhal-
ten. Zu Franksurt wird die BiSmarck'jche Pv-
lilik in gewaltigsn Redeströmen verdammt, uud
doch dic Mißachtung dcs bestehenden Rechts
desselben erstrebt: nicht nur die Elbherzogthü-
mer, sondern ganz Deutschland, uüudestens
aber den dcutschen Norden unter die preu-
ßische Spitze zu bringen. Frcse's ein-
schneidiges und wahrhaft deutscheS Wvrt sollte
in ganz Deutschland wicderhallen: „Jm Namen
PrcußcnS helfcn Sic uns, uusere Rcchte wie-
derherstellen; helfen Sie unS, dic Berliuer
Kriegspartei dahi» zu bringen, wohin ste gehört:
unter die Füßel Nur daun wird Prenßen frei,
wenn es in Deutschland aufgcht; geht aber
Deutschland in Preußeu auf, dann gnade Gott
dencn, dic nach unS kommcn wcrden," Die Ver-
bindung der Mittcl- und Kleinstaaten unter
einander, um gegen Jeden Front zu machen,
'der deu BundeSfrieden bricht, cngcn Anjchluß
an dic natürlichen Alliirten und dan» an die-
jenigc Macht, welchc das Recht jchützt, ohue sich
ihrohneWeitereS dicnstbar zu machcn, kann allcin
zum Ziele fihren. Eine NeutralitätScrklärung,
wie wir sie vom Großpreußenthum und scinen
Bertheidigern grhört haben, zeugt »on ciner
gänzlichen Verkennung unsercr Lagc, die nur
durch ein gemeinjames ganz cntjchiedeneS Auf-
treten zum friedlichen Austrag gebracht werdcn
kann, während sonst auch unjerLand nach al-
len Seitcn hin leicht iu die unhcilvollsten Ver-
wicklungen hineingezogen werden kann. Noch
gilt das Bundcsrccht als oberstcs Gesetz; ihm
gerecht zu wcrdcn, ist dic Pflicht Allcr, dic es
mit dem cngern und größern Vaterlaude wohl
meincn. Der an die BundeSverjammIung gc-
brachtc Nntrag der Bambcrger Regierungm dürste
alS cin wescntlichcr Schritt zu cincr friedlichcn
Abmachung der eingctrctencn schweren Disse-
renzeu zu betrachteu sein; wir glauben aber
nicht, daß dicser Schritt güustige Erfolgc>nach
stch ziehcn werde. Des Congresses können wir
nur mit Entrüstung gedcnken. Also das Aus
land soll wicder übcr die Geschicke Deutschlands
entscheiden l Es häufen sich zuglcich die Gerüchte,
daß Eine dcr dcutschcn Rcgierungen nicht vor
der Schmach zurückbcbe, durch eine landesver-
rätherische Politik ihre Sonderintcressen zu wah-
ren und um dicser willcn die Jntegrität Dcutjch-
lands zu gefährden — wie denn cin Bündniß
mit Zialien gegen ein mächtigcS Bnndesglied,
das sich zum Schutz deS guten RechtS hcrbei-
gelasscn hat, schon als ein BundeSbruch
betrachtet werden kann Bismarck will deu
Krieg JtalicnS gcgen Ocsterreich; der Congrcß
kommt ihm höchst ungelegcn, da er versuchen
würde, sriedlich zu ordnen, waS die jetzigc preu-
ßischc Regicrung nur durch Krieg zu ihrem
Vortheile erlangcn möchte. An der Erhaltung
VeneticnS mit dcm FestungSvicreck, dcm südli-
chen Schlüsscl von Deutschland, hat LetztcreS ein
großes Jntcreste: denn ist Jtalien erst im Be-
sttz VenetienS, jo wird es nicht cher ruhcn, bis
auch Südtyrol und die illyrischc Halbinsel in
seinem B-sitze und D-uljchland von den
Uf-rn dcS adriatischen Meeres vcrdrängt ist.
Wie kann eine deutjche Regieruug cs wagen,
von eiuer Compensation zu reden und dcn Feind
an die Thore von Dcutschland zu sühren? Uud !

wo wäre eiu greisbareS EntschädigungSobject,
zumal da man stch s» schr beeilt hat, vertrags-
widrig den rumänijchen Throu zu besetzcu?
Am Kriege wird cs nicht sehleu, eS sei über
kurz oder lang; jetzt aber ist cr ciu muthwillig
heraufbeschworcner und aus Seiteu PreußenS
zugleich ein unnatürlicher, da die Regierung
für deu Krieg, da» Bolk aber sür den Friedeu
ist und nichts sehnlicher wünjcht, als gevrdnete
iuuerc Zustände und ein festes Halten an der
Versassung. Zwischeu dem preußischcn Volk uud
dem jctzt herrjchcudeu Regicruugssystem muß
allerdings unterschicden werde»; doch ist auch
in der preußischen Abgeordnetenkammer das
AnnerionSgelüstc iu einem ungcbührlichen Maße
»orherrschend. Wenn aber das verbriestc uud
östenüich auerkanute Recht nichts mehr gilt
und das Selbstbkstimmllngsrechl eiucS Volks
mit Füßen gctrcten wird, dann ist Alles in
Frage gestellt. Am Schicksal Schlcswig-Holsteins
hängt darum auch die Entjcheiduug jür die
übrige» Klcinstaaten, fie ist dann nur noch
einc Frage dcr Zeit. Wollten wir auch im Ge-
fühle eincS ccht dcutjchcn PatriotiSmns den Hin-
fall dcrjelben verschmcrzcn, so kvuncn wir doch
die Fragc nicht von uns abwersen: wic dann?
werdenbesscreZuständceintrcten d wird Deutsch-
land, durch die Mainliuic in zwei Hälst-n ge-
thcilt, glücklichcr sei», als durch Errichtung des
BuudeSstaats und jelbst durch dcn Ausbau eine«
vcrsastungStreuen Staatcnbundes? Gewiß nicht,
dcnn wir ständen danu au der Schwellc eincs
fortwährcnden BruderkriegeS zwischcn dcm Nor-
dcn und dem Südeu. Noch ist eS Zcit, die
Unabhängigkeit und Ehre dcs gcmeinsamen Va-
tcrlandcs zu rcttcu, wenn dem Rechtc ein Gc-
nüge geschicht, an die Stellc der Eroberungs-
lust und der Verletzung der Bundcspflicht die
Verfassungs- uno Bundestreuc tritt »nd deu
gerechlen Fvrderungen deS VvlkeS entjprochcn
wird. Rcißt aber Preußcn scin Verhanguiß hiu:
so mögcu dic ciscrnen Würscl fallen, der Ersolg
steht in Gottcs Hand, das Volk abcr wird
diesen Krieg, der ein schwarzcs Blatt in der
deutsche» Geschichte bilden wird, nichl mit Begei-
sterung ausnehmen, -S wird ihu — verdammen.

' Politische Umschau.

Heidelberg, 28. Mai.

" Zu den vielcn europäischen Verwickelungen
scheiut nun uoch eine neue, eine orientalische,.
zu lommen. Die Besitznahme des Priuzen vou
Hohenzollern vom rumänischeu Throne wider-
streitet dem zwischen der Pforte und den eu-
ropäischen Großmächteu vor etwa 8—9 Jahren
abgeschlossenen Vertrage, wodurch die Vereini-
gung der Moldau und Walachei in ein ver»
einigtes RumLnien ausgesprochen worden ist.
Es ist hiernach unstatthast, daß eiu Ausläu-
der jemals Fürst dieses Landes werde. Zu
gleichxr Zeit wurde damals festgesetzt, daß et-
waigen Vertragswidrigkciteu oder sonstigen Un-
regelmäßigkeiten, welche in diesen uuteren Do-
nauländern sich ereigneu sollten, oor Allem vou
der Pforte, vermöge ihrer Suzeränitätsrechte
abzuhelfen sei. Erst wenn die türkische Regie-
rung keine Abhülfe tresten könne 'oder wolle,
habSn die anderu contrahirenden Großmächte
sür dieselbe einzutreten. Zn keinem Falle steht
Rußland allein ein Eingreifeu iu die Augele-
geuheiteu Rumäiiiens zu, und es wäre daher
dcr Einmarsch russischer Truppen in dieses Land
eiue offeue Gewaltthat. Uebrigens hat sich bis
jetzt weder das Eiurücken russischer uoch tür-
kischcr Truppeu beftitigt. Wohl aber steht der
türkischen Regierung hiezu die Befugniß zu,
sie hat diesen eventucllen Fall auch schon in

Anssicht gcstellt und wird stcher in Bälde hie-
von Gebrauch machen. Jnsoferne bei der Cre-
irung eines preußischen Prinzen ein Bismarck-
sches Manöver, indirect gegen Oesterreich ge-
richtet, mit im Spiele war, dürfte diescs ge-
rade nicht zum Vortheile der preußrschen Po-
litik ausfallen: Preußen wird sich hiedurch
außer der Pfortc — woran dem Berliuer Hofe
oielleicht wenig liegt — auch England und
Rußland eutfremden, deren Jnteresscu in die-
sem Falle mit den österreichischen uud türki-
scheu übereinstimmen. Was Napoleon III. be-
trisst, fo mag dageesen von dessen Seite die
Wahl des Hohenzollern immerhin gutgeheißen
werdcn. Daß dieser neue Fürst den rnmini-
schen Thron jedoch vorerst blos mit Urlaub
von Berlin aus besteigt, ist sehr bezeichnend
für die ganze Sachlage: Er ahnt vielleicht selbst,
daß er über kurz oder lang wicder als preus-
sischer Lieutenant an der Spree paradircn wird.

Einem telegraphischeu Bericht über eine am
24. in Dresdeu stattgefundene Versammlung
dortiger Mitglieder des Nationalvereins ent-
nehmen wir Folgeudes: Hr. Krause fand die
Ziele Preußens in dem gegenwärtigeu Couflicte
„höchst berechtigt" uud verstieg sich zu der Aeus-
serung, daß sogar ein Büudniß Preußeus mit
Fraukreich dem deutscheu Volke uicht so anstößig
sein köuue, als der Trotz der Schleswig-Hol-
steiueb. Hr. Schaffrath forderte den bewaff-
uejeu Widerstand gegeu deu Friedensbrecher,
das Constituirungsrecht für Schleswig-Holsteiu
mid kündigtc schließlich seineu Austritt aus dem
Nat.-Verein an. Hr. Wigard gab eine scharfe
Erklärnng gegen das Gebahren des Abgeord-
uetentageS ab und empfahl die Bilduug einer
Parlamentspartei. Die Versammlung treunte
stch, ohne Beschlüsse zu fassen.

DaS Bulletin des Morgeu-Moniteur vom
26. d. besjätigt, daß Fraukrcich, England unb
Rußland 'die EinladungSschreiben zu ciner Cou-
fcreuz, dic sobald als möglich in Paris zusam-
mentrclen soll, abgeschickt haben. — Ein Be-
richt dcS KriegSministerS an den Kaiscr jchlägt
vor, cine Reihe vou festen Plätzcu als iolchc
aufzugebcn oder in eine uiedcrerc Raugklassc
zu »ersetzen uud die aus dieser Maßregel fließeu-
dcn Miltel zu Bcfestigungsarbeiten zu verwen-
den, welche dic hauptiächlichstcn Grenzsestungcn
gegen die zerstörenden Wirkungcn der neucn
Arlillerie zu jchützcn gceignct stnd.

Wic Oesterreich, hat auch Jtalien dcm schwei-
zerischen Bundesrathe dic Erklärung zukommen
lasten, im Kriegsfallc die Neutralität der Schweiz
zu rcspectiren.

Die in einigen Blättern -nthaltene Nachricht
»on ciner totalen Wcndnng in dcr preußischcn
Positik wird vou zuvcrlässtger Seitc alS unbe-
gründct bezeichnet.

Nach bestimmtcn Mitthciluugcn, die auS Ge-
nua übcr Paris eingctroffen, hat Garibaldi am
23. d. Caprcra verlasten, um sich nach der adria-
tijchen Küste zu begcben.

Der „Temps" theilt mit, aus den sämmt-
lichen Berichten der ftanzöstschen Präfekten gehe
hcrvor, daß iu ganz Frankreich die Sstmmung
nichts weniger als kriegcrisch sei.

Deutschland.
Karssruhe, 2S. Mai. (41. öffcntl. Siz-
zung der zweiten Kammer. Schluß.)

Ausgabe. Tit. II. Verwaltungs- und Be-
triebskosteu. § 7. Bcsoldungen. Statt der
gesordertcu 4000 fl. für 2 wcitere Räthc «ird
der Autrag auf 3600 fl. angenommen.

Abg. Moll unterstützt den Wunsch der
Kommission, daß, wenn eS in der Absicht der
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