Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Regierung habe eine Anordnung getroffen, welche
Kusel's Wunsch noch übersteige, nämlich die,
daß daS außerordentliche Budget überhaupt vor-
erft nicht zu vollziehen sei; es sei aber zu hof-
fen, daß die gegenwartigen Verhältnisse nicht
so lang^ anhalten würden, und dann werde
man zu den dringendsten und nothwendigsten
Arbeiten schreiten.

Die Kammer geht über zur Berathung deS
Berichts deS Abg. Paravicini über das
außerordentliche Budgct des Handclsministe-
riums. Bei Tit. 5. Wasser- und Straßenbau
sprechen die Abgg. Schaaff, Sachs, Kirsner,
Tritscheller, Kieser, Heilig, Poppen, Lenz, All-
mang, meistens für die Wichtigkeit gewiffer Stra-
ßenbauten ihrer Bezirke. Die Commissionsan-
trLge werden übcrall angenommen. Ebcnso bei
Berathung des Berichts deS Abg. Paravicini
über das außerordentliche Budget des Ministe-
riums dcs Jnnern Tit. 17. Waffer-und Ttra-
ßenbau. Staatsrath Dr. Lamey und Geh.
ReferendLr Cron sind inzwischen als Regie-
rungscomnriffäre hicfür erschienen. Zwischen
letztercm und dcn Abg. Achenbach und Fri-
derich entspinnt sich eine Besprechung über
das Eigenthumsrecht an denjenigen ehemaligen
Staatsstraßen, welche Gemeinden als Vizinal-
straßeu überwiesen sind. — Geh. Ref. Cron
erklLrt, daß die Gemeinde Eigenthümcrin sei
und Obst- und GraserwachS ihr gehören; der
Staat unterstützc übrigens alle Gemeinden in
dcr Unterhaltuug der Vizinalstraßen und erhalte
hiefür da und dort den Graserwachs.

Nach einer ErklLrung des Staatsraths M a -
thy beabsichtigt die großherz. Negierung, ein
Straßengesetz zu machen und solches zur Be-
urtheilung den Kreisversammlungen vorzulegen,
ehe es an die Kammern zur Vorlage komme.
— Schaaff wünscht. daß der Entwurf vorher
an die KreisauSschüsse gelange. — Staatsrath
Lamey legt noch das Budget der Badaustalten
vor. Schluß der Sitzung.) (B. L.-Z.)

Karlsruhe, 28. Mai. (43. öffentl. Siz-
zung der zweiten Kammer.) Die Tagesordnung
sührt zur Berathung deS Berichts des Abg.
Frick über daS außcrordcntliche Budget der
Ministerien der Justiz, des Jnnern, der Finan-
zen und des Kriegs. — Haager wünscht
Sammlungen der Sitten und Gebrauche des
Volkes. — Beck, daß man eine größere, auf
andern Lehranstalten zu crwerbende Vorbildung
der eintretenden Schullehrer-Seminaristen ver-
lange, in welchem Falle dann ein zweijähriger
Kurs genügen würde, und daß zu diesem Be-
hufe Stipeudien gegeben werden. — Seiz will
mit dem 3. Kurs auch Systemmechsel in der
Erziehungsmethode. — Staatsrath Dr. Lamey:
Die Einführung des3. Kurses werde eine Aen-
derung der Methode nothwendig mit sich brin-
gen. — Dietz stellt den Antrag, die Forderung
für das neue evangelische Schullehrerseminar
in Durlach für diese Budgetperiode noch aus-
zusetzen und großh. Regierung zu bitten, vor-
her die Fragen einer Prüsung zu unterwerfen,
ob der Unterricht in den Volksschulen für MLd-
chen nicht durch Lchrerinnen ertheilt, ob nicht
cine Anstalt zur Ausbildung solcher Lehrerinnen
zn errichten, und ob nicht ein noch größerer

mirttzete eine Dachwohnung, lebte einc Zeit lang
von Wasser und Brod, arbeitcte sofort einc Klei-
rngkeit auf eigene Faust für Rechnung des Herrn
v. L., fertigte dann cinrn Anzug für deffen Söhne
und erwarb fich in kurzer Zcit einen Kreis von
Kunden, deren Anforderungen er allein nicht mehr
gerecht zu wrrden vermochte. Einmäl in einer
größern Wohnung, wo verschiedene Arbetter an-
gestellt und die Kunden nach Gebühr empfangen
werden konnten. ging Alles von selbst; Wirth
verliebte sich in die Tockter eineS wohlhabenden
FleischermeisterS, führte fie, nebst 20,000 FrancS
Mitgabe, als sein Weib heim, gewann in immer
höherem Grade die Sympathien -seiner Kundschaft

kurzer Zeit in den Stand gesetzt, sich grandios in
einem der aristokratischen Viertel niederzulassen,
seinen vornehmen Gönnern das Schauspiel eines
nobel eingerichteten Schneidersalons zu bietrn und
selbst in glänzender Equipage spazteren zu fahren.
Auf ebm diesem Sitze starb vor Kurzem der ehe-
malige Schneidcrgeselle und deutsche HandwerkS-
bursche als zwei- bis dreifacher Mtllionär, nachdem

Raum zu beschaffen sei, um diese Lehrerinnen-
bildungsanstalt mit dem Seminar zu verbinden.
— Seiz und Frick sprechen gegen diesen An-
trag. — Kopfer unterstützt solchen, der aber
durch Stimmenmehrheit verworfen wird. —
Wundt spricht für die Heil- und Pflegeanstalt
Pforzheim. Bei § 23, Beitrag zur Angenheil-
anstalt des Dr. Knapp in Heidelberg, sagt der
Commissionsbericht: „Die Art, wie die Augen-
heilanstalt dcs Dr. Knapp in Heidelberg nun-
mehr der UniversitLt nutzbar gemacht werden
soll, macht dieselbe, wenn auch vorübergehend,
zu einer förmlichen UniversitätSanstalt, und der
Aufwand dafür wLre wohl besser unter Tit. X
erschienen. Allein die Verbindung dieser Anstalt
mit der UniversitLt soll doch nur vorübergehend
sein und nach Erbauung des neucn Kranken-
hauses aufhören, welchem dann auch die jetzt
anzuschaffenden Betten übergeben werden sollen.
Bis dahin sollen in der Anstalt des Dr. Knapp
dte sonst der chirurgischen Klinik zusallenden
armen Augenkranken aufgenommen und die
Anstalt zugleich alS Augenklinik benützt wer-
den. Jhre Commission beantragt Genehmignng
der geforderten 8881 fl." (Schl. folgt.)

Karlsruhe, 27. Mai. Durch die nun-
mehr erfolgte höchste Genehmigun'g des Budyets
derBadanstalten für 1866—67 ist zugleich auch
die Aufhebung des Spiels im künftigen Jahre
nrit sanctionirt. Eine Aenderung könnte jetzt
nur noch eintreten, wenn, was keineswegs zu
erwarten, ein auf Fortbcstand dcs Spiels ge-
richteter Beschluß von dcn Kammern gefaßt
würde. — In der Fortschrittspartei vollzieht
sich einc Scheidung des bundesstaatlichen vom
großdeutsch dcmokratischen Elemente. (S.M.)

-j- Heidelberg, 29. Mai. Bekanntlich
wurde bei der am 29. April in den RLumen
unsercs alten Schlosses abgehaltenen Volksver-
sammlung bcschlossen, Herrn Staatsrath Lamey
als blcibendes Zeichen der Anerkennunz seines
bisherigen Wirkens einen silbernen Lorbeerkranz
zu übcrreichen. Letzterer wurde gestern durch
eine Deputation, bestehend aus den Herren:
Bürgermeister Krausmann, Pros. Wundt, Otto
Kühn, Gemeinderath Krieger, Glaser Beiler,
Fahrpostcassier von Davans und Bierbrauer
Ditteney nach Carlsruhe überbracht; nachdem
ein Mitglied der Deputation, Herr Otto Kühn,
in einer krLftigen und würdigen Ansprachr der
Verdienste gedacht, welche Staatsrath Lamey
sich bisher um unser badrsches Vaterland er-
worben, überreichte cr demselben einen ebenso
prLchtig alS geschmackvoll gcarbeiteten, aus dem
Atelier unseres Mitbürgers Herrn Kesselbach
hervorgegangenen, Lorbeerkranz. Mit warmen
Worten sprach Herr Staatsrath Lamey seinen
Dank aus. Daß seine in der bekannten Siz-
zung der ersten Kammer gesprochcnen Worte
eine solche ehrende Deutung erfahren würden,
habe er nicht erwartet, da sein Streben und
Wirken ja nur dem Gefühl der reinen Pflicht-
erfüllung entspringe. — DerLorbeerkranz ist mit
einer goldenen Schleife gebunden und darauf
dic Worte „Lorbeer statt Dornen" in schöner
Schrift cingravirt; im Jnnern des Etuis sind
die sLmmtlichen neueren Gesetze, welche seit
Lamey's Eintritt ins Ministerium eingeführt

wurden, schr sinnig angebracht und zwar durch
Golddruck auf Atlas.

Freiburg, 28. Mai. Bei der heute statt-
gehabten Wahl des grundherrlichen Adels ober-
halb dcr Murg wurden solgende Hcrren gewLhlt:

1. Frhr. v. Türkheim in Freiburg, 25 St.;

2. Frhr. Emil v. Schaumbu rg in Gaisbach mit

25 St.; 3. Frhr. Karl v Gayling in Freiburg
mit 21 St.; 4. Frhr. Leopold v. Böcklin, Oberst
in Mannheim, 20 St. Weitere Stimmen er-
hielten Frhr. v. Seldeneck, Oberstallmeister in
Karlsruhe, 7 St.; die Freiherren Heinrich v.
Andlaw in Hugstetten und v. Stotzingen je 4
Stimmen. (F. Z.)

Kafsel, 28. Mai. Staatsrath Pfeiffer, seit-
her Geh. Kabinetsrath, ist als solcher entlassen
und zum Obergerichtsrath in Fulda ernannt.

Dresden, 28. Mai. Der König eröffnete
heute Morgen den Landtag mit einer Thron-
rcde, in welcher u. A. gesagt wird: AngefichtS
des zwischen den beiden GroßmLchten drohenden
Kriegs werde Sachsen mit andern unbetheilig-
ten Staaten, Bayern an der Spitze, für Er-
haltung des Landfriedens und Entscheidung der
schleswig-holsteinischen Frage nach dem Bundes-
rccht wirken. Die gegenwLrtigen Rüstungen be-
zwecken, die Wehrkraft des Bundes unverschrt
zu crhalten und unvorhergesehcnen Angriffen
entgegenzutreten. Zu diesem Zwecke und- zur
Unterstützung der Jndustrie werden finanzielle
Bewilligungen verlangt. An der sriedlichen Lö-
sung noch nicht verzweifelnd, findet die Thron-
rede den besten Schutz gegen eine Wiederkehr
der jetzigen Zustände in einer Bundesreform
unter Theilnahme der Nationalvertretung. Sach-
sen werde die desfallsigen Opfer nicht scheuen.

Berlin, 26. Mai. Es ist beschloffen wor-
den, die brodlos gewordenen Arbeitcr u. A.
durch unverweiltcs Niederreißen der Stadtmauer
zu beschäftigen. — Die Münze ist mit der
AusprLgung von 50 Millionen Thaler vollauf
beschästigt. Es werden taglich 100,000 Thlr.

Berlin, 27. Mai. Der Rittmeister von
Grolmann vom Rcgiment Königshusaren ist
zum Commandanten der Hauptquartierstabs-
wachc ernannt.

BerlLn, 28. Mai. Die Rückkehr des Kron-
prinzen von Breslau ist morgen für früh er-
wartet. Hcute wird der Uebergabe der Einla-
dungsschrcibcn zu den Pariser Conferenzen ent-
gegengesehen. Dcr König empfing heute Mit-
tag dcn Herzog Ernst von Coburg, der in letz-
ter Zeit wiederholt mit dem Grafen v. Bismarck
conferirt hatte.

Berlin, 28. Mai. Der „Staatsanzeiger"
bringt die schriftlichen Anfzeichnungen der vom
preußischen Bundestagsgesandten in der Siz-
zung des Neuner-Ausschusses vom 11. Mai
gemachten. vertraulichen Mittheilung über die
preußischen Bundesreformvorschlage. Demnach
gingen diese letztercn dahin: X) ein Parlamcnt
uä ssoo, gewählt nach dem Reichswahlgesetz von
1849; 8) mit diesem Parlament soll verein-
bart werden: 1) ein neues Bundesorgan mit
periodisch zusammentretender Nationalvertretung;
2) die Erweiternng der Competenz dieses Bun-
desorgans auf alle gemeinnützigen Materien,

erlebt batte, seine einzige Tockter von einem Grafen
zum Traualtar geführt zu sehen.

(Arm eeproviant.) Um fich etnigermaßen eine
Vorstellung davon zu macheu, was dazu gehört,
die preußische Armee im Falle eines Krieges im
Felde zu verprovtantiren, theilt bie „Trib." eine
Berechnung drs nothwendtgen Bebarfs mit. Um
die mobilen fieben Armee-Eorps auf 10 Tage mit
Proviant zu versorgen, find erforderlich: 36,324 Ctr.
Brod, 9082 Ctr. Zwieback, 5838 Ctr. Reis, 1460 Ltr.
Salz, 973 Ctr. Kaffee, 97.664 Ltr. Hafer, 26,290 Ctr.
Heu und 30,672 Ltr. Stroh. Außerdem an Schlacht-
vieb 18,480 Ltr. oder 2310 Ochsen, die 14,575 Ctr.
Fleisch liefern. Der Transport deS Proviants wird
durch die Prvviant-Colonnen bewerkstelltgt, deren
jedeS Armeecorps fünf hat. Um die Verpflegung
eines Armeecorps auf 5 Tage sicher zu stellen, brauchen
die 5 Proviant-Colonnen 3554 Ctr. Proviant und
zu deffen Transport 159 4 bis 6spännige Wagen
nnd außerdem an lebendem Vieh 86 Ochsen und
278 Schweine.

Dresden, 18. Mai. Die D. A. Ztg. erzählt

dern auf Thatsache beruht." Als dieser Tage Herr
v. Beust sich uutrr dem Messer seines BarbierS
befand, äußerte letzterer: „Ercellenz, es ist das
letzte Mal, daß ich Sie rafire, da ich zum Militär
einberufen worden bin." Auf die Frage: wo er
gedient, antwortete dcr Bartkünstler: „in Merse-
burg." Daran soll Herr v. Beust die schmerzende
Bemerkung geknüpft haben, es sei das erste Mal
gewesen, daß er, ohne es zu wissen, von einem
Preußen barbirt worden sei. so erzählt die gut

(Tollheiten der Mode.) Nicht zufrieden
damit, daß dte Frauen fich allgemein schminken,
beginnt man in Paris, nachdem man die Hunde
gefärbt, auch die Pferde zu färben. Man ver-
spricht fick dort won einem solchen Gefpann, von
dem zwei blau, zwri grün angestricken find, großen
Erfolg. Bald wird die Fabel vom grünen Esel
keine Fabel mehr sein!
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