Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Karlsruhe, 29. Mai. Das heute erschie-
nene Rcgierungsblatt Nr. 30 enthält die Ge-
setze über die Bcstcuerung der sogen. Wander-
lager und über die neue Katastrirung der Ge-
bäude iu; Großherzogthum.

Karlsruhe, 30. Mai. Das hrute erschienene Regie-
rnngSblatt Nr. 31 enthält (außer Personalnachrichten):

ist. 3) Bekanntmachungen ses »/roßb. KriegsmuusteriumS.

lll/Diensterledigungen. Die Verwaltersstelle bei der
Heil- und Pslegcaustalt zu Psorzhcim mil einer Besol-
dung von 1000 biS 1200 fl-, nnd der NotariatSdistrict

IV. TodeSfalle. Gestorben sind: Am 22. Febr. d.^J.

9. v. M. der Hanptanuscontrolcur Hahn in Bruchsäl.
Am 21. d> M. der großh. Verwalter Kieser bei der
Heil- und Pflegeanstalt in Psorzheim.

-s-* Karlsruhe, 31. Mai. Aus der 44.
öfsentlichen Sitzung der zweiten Kammer.

Rede des Abg. Beck: Man habe dem badi-
schen Lande zugemuthet, sich zu isoliren und
die farblose Fahne der Neutralität aufzuziehen,
dies heiße eigentlich Baden für nmndtodt er-
klären in einer Frage, welche als die folgen-
scbwerfte seit den Befreiungökriegen an das
deutsche Volk herangetreten. Eine solche Politik
der ftch selbst quiescirenden Neutralitat gleiche
dem klugen Rathe, in dem Zimmer unsereS
Hauses, daS in aüen Ecken in Brand gcrathen,
ruhig Studien zu machen über die beste Me-
thode, Feuer zu löschen, oder sich bereit und
reservirt zu halten, um daS Haus gegen etwa
einschleichende Diebe zu schützen , nachdem es
abgebrannt ist. Solcher Weisheit gleichen alle
die verschiedenen Neutralitäten, von denen man
gesprochen. Er danke der großh. Regftrung,
daß sie — gegenüber bloßen Theorien und ne-
belhaften Phantafien — auf den Boden der
Realitäten sich gestellt und von dicscn ihre Po-
litik bestimmen lasse. Die gr. Regierung habe
sich entschlossen, sich enge an die übrigen süd-
deutschen Staaten anzuschließen und mit ihnen
zniammenzugehen; mit diesen woüc sie sich
kampfbereit machen, um allen Eventualitäten
gewachsen zu sein. Dies sei in jeder Hinsicht
zu billigen, theils der eigeney Selbsterhaltung,
theils aber auch der. nationalen Jnteressen
willen. Denn diese Mittelstaaten zu einem en-
gen Schutz- nnd Trutzbündniß geeinigt und auf
den nationalen Volkswillen sich stntzend, wür-
den einen Factor bilden, mit dem jeder zu rech-
nen habe, der in Deutschland einc erste Rolle
spielen wolle. Alle nationalen Bestrebungen seit,
4848, wie ernst und wohlgemeint'sie auch ge-
wesen, seien im Sand verlaufen, weil sie eine
Unmöglichkeit zur Voraussetzung hatten, weil
man nach einem deutschen Einheitsstaat mit
preußisch-monarchijcher Spitze gestrebt, während
alle realen Verhältnisse in Deutjchland nur
einen einheitlich organisirten Föderativstaat er-
trügen. Dieser große Jrrthum der deutschen
Schulpolitiker habe nichl wenig zu den gegen-
wärtigen Wirren beigelragen. Auch der Be-
richt der Commission habe sich in seinen Mo-
tiven von djesem Phantom nicht ganz frei hal-
ten können; chie Belrqchtungen und Erwägun-
gen, die der Bericht seinem Antrag vorausschicke,
ständen mit diesem selhst nur in einem Lußer-
lichen, nicht innern Zusammenhang, und hätten
eigentlich auf Ablchnung der Regierungsforde-
rung hinführen mnssen; dazu habe man aber
yicht den Muth gehabt, oder vielmehr man habe
mehr aus Resignation als mit innerer Zustim-
mung die Genehmigung der Forderung bean-
tragt. Doch auch diese Form der Zustimmung
wolle er als ein gutes Zeichen anerkcnnen, weil
eS- beweise, daß 'man bereit sei, selbst lang ge-

hegte Lieblingsideen dem gemeinsamen Wohl zu
opfern, wenn die Noth dies gebicte. Höchst zu
beklagen aber sei, daß der Bericht den Fortbe-
stand des Buttdcsrechtcs in Zweifel ziehe und
hierdurch ganz auf sogen.großpreußischen Stand-
punkt sich stelle, d. i. der alles Recht der Ge-
walt opfernden Politik deS Grafen Bismarck
huldige. Die Bundesacte sei allerdings vom
Ucbel, dcnn sie kenne nur Fürsten und Adel;
aber dennoch habe sie einen Grundsatz von un-
ermeßlichem Werthe ausgesprochen, nämlich daß
der Bund selbst ein ewiger und unlöslichcr sei
(Art..5 der Wiener Schlußacte), damit sei die
Einheit der deutschen Nation als solcher aner-
kannt und dcm deutschen Volke die Aufgabe
gestellt, sich auch alle nationalcn Rechte zu er-
werben. Jn dieser Beziehung yabe nun das
Volk noch das Seinige zu thun, und der ge-
genwärtige Conflict biete wenigstens die eine
Lichtseite, daß wenn mit Besonnenheit aber auch
mit männlicher Entschlossenheit von den Kam-
mern und dem Volke in den mittlern Staaten,
namentlich aber in Süddeutschland, gehandelt
werde, in der praktischcn Durchführung der
deutschen Reform man vorwärts kommen köNne.
Wer aber bei Conflicten im Leben des Volkes
Alles auf Gewalt und List stelle, und die sitl-
lichen Motive, die das menschliche Leben bewe-
gtn, mißachte, der sei cin Mensch, ber entweder
unfähig sei, menschliche Dinge überhaupt zu
beurtheilcn, oder er sei ein Mann, mit dcm cin
ehrenhafter Mann keine Gemeinschaft haben
könne.

'-t- Heidelberg, 30. Mai. Der Handcls- -
verein Ulm hat der Heidelberger HaNdelSkaM-
mer seine lltcsolutionen für Erhattung des Frie-
dens und des durch den Krieg bedtohten Zoll-
vereinS zugesandt.

Dieselben lauten:

1) Durch die Kriegödrohun.zen sind bcreitS Perluste

Unglücks ajsc.gesttzlichen Mittei ergrelfe.

Die Heidelberger Handelskammer hat in ihrer
gestrigen Sitzung obige Resolutionen einstim-
mig adoptirt und den blewenden Ausschuß hes
deutschen Handelstags in Berlin aüfgefordert,
bei allen Regierungen der Zollvereinsstaaten,
vor allem aber bei der preußiichen Slaats-
regierung, die energischsten iL.chritte zu thun,
damit sie von einem befürchteten Friedensbruch
unter den Verhündeten abstehen und hierdurch
der taglich'steigenden Vernichtüng des National-
wohlstandes ein schleuniges Ende machen, die
Zerreißüng des ZoÜvereins selbst aber dauernd
verhüten.

O Vom See, 12. Mai. Die Ansicht
über die bevorstehende Kriegsgefahr zwiichen
deutjchen Bruderstämmen ist bei uns eine über-
einstimmendc und durchweg entschiedene. Wir
betrachten cinen Krieg zwischen Deutschen und
Deutschen für ein antinationales und darum
fluchwürdiges Unternehmen. Wir können uns
kaum von dem Ernst irgend eines deutschen
Staates überzeugen. daß derselbe in unserer
Zeit, in welcher ganz Deutschland nach Einheit
ringt, einen FriedenSbruch zu begehen fähig jein
könnte. Zu einem solchen Verbrechen an der
Gesa.mmtheit Deutschlands hätten wir keine Re-
gierung für srech genug gehalten, obgleich wir
wohl wissen, daß die Theilnahme des Volkes
an den Jnteressen des gesammten deutschen Va-
terlandes, namentlich den beiden streitbereiten
Regierungen ein Dorn im Auge ist. Wir find
überzeugt, daß die Regierungen mit dem Be-
ginn dieses ungerechten Krieges va bsnque
spielen und zwar ganz unnöthig und darum
frevelhaft, weshalb wir auch von ihrem Ver-
stand erwarten. daß sie vorerst noch die für
sie nachtheiligen Folgen wobl überlegen werden.
Denn wenn einmal der Kampf begonnen hat,
so ist seine Tragweite nicht zu bemessen, und

untec den gegenwärtigen Verhältnifsen ist ein
Mißlingen volksfeindlicher Plane für die Re-
gicrungen wahrscheinlicher als jemals. Es ist
eine schon oft chewährte Thatfache, und Preußen
hat es 1813 zuerst beurkundet, daß Kriege nur
durch thätige Theilnahme des Volkes beendigt
werden können. Wenn aber die beiden Strcit-
mächte der Meinung find, daß das Volk sie in
diesem unnöthigen, frevelhaften, volksfeindlichen,
Erwerb, Glück nnd Ehre des ganzen deutschen
LandcS gefährdenden Kriege unterstützen werde,
so halten wir uns für überzeugt, daß die Re-
gierungcn sich irren. und daß eine Aufforderung
des Volkes zur Hilfe eher oie Folge haben wird,
daß das Volk sich selbst zu befreien suchen und
AlleS opfern wird, um die Einheit DeutschlandS
ohne Beihilfe der Fürstenmacht zu erringen.
— Jn diescr getreuen Darstellung liegen die
Gevankcn und Gefühle, wclche das Volk in
unserer Gegend peinlich durchdringen. Des Vol-
kes Noth beginnt jetzt schon durch die Hemmuntz
des Verkehrs, durch die Stockung der Gewerbe.
Auf den Gesichtern ist Kummer, Sorge, Un-
muth und ernstlichc Betrübniß zu lesen. Jeder
fühlt in sich das Bedürfniß, sein Herz zu er-
leichtern durch Kundgebung seiner Gesinnungen
übcr die unheilvollc KriegSgefahr, hervorgerufen
durch diejenigen deutschen Mächte, deren vor-
zugsweise Verpflichtung es wäre, Friede im
Laüde zu erhalten und cine volksthümliche Re-
gierung einzuführen. Geld und Blut sind wir
bereit zu opsern, aber nur für das Wohl des
Vaterlandes, nicht für sclbstsüchtige Zweckc. mö-
gen sie crscheinen, wo sie wollen. Die Zeit der
Willkührherrschaft muß aufhören, denn die Re-
gierungen sind des Volkes wcgen da, nicht um-
gekehrt. Wir vcrlangen den Frieden, indem uns
die Verantwortung, wclche die Störer desselben
trifft, 'nicht beruhigen kann über unsere Ver-
luste in jeder Bcziehung. So denkt und fühlt
man am Bodensee.

Frarikfurt, 30. Mai. Die hier erschei-
nende „Enrope" veröffentlicht den Wortlaut
dcr zur Conferenz einladenden Note,'welche der
französtsche Gesandte bei dem Bunde dem Prä-
sidialgesandten, Hrn. v. Kübeck, überveicht hat.
Er sagt darin: er sei beauftragt, nachfolgende
Mittheilung zur Kenntniß der Bundesversamm-
lung zu bringen:

„Die Differenz, die zwischen Preußcil nnd Oefterrei^h

Fr-'.nkreich, Großbritannien und Rußland anschließen."

Die Note, die vom 28. Mai datirt ist, saqt schließ-
lich: ^Di^^ ^ deö^Kai^ers^h^gi das^Verlraueir,

Köln/28. Mai. Von eincr^Anzahl Mit-
gliedern der liberalen Partci aus Rheinland und
Westphalen, welche stch zu einer Besprechung
über die bevorstehenden Wahlen versammelt
hatten, wurde einftimmig anerkannt, daß von
den zu wählenden Abgeordneten zu verlangen sei:

1) Die Durchsührung eines unversöhnlichen Kamvfes
aut Grund der Perfassung gegen das jetzige Regterungs-
system, welcheS dit alleinige U sache der gegenröiirtigen
gesahrvollen Lage deS Baterlandes sei. .

2) Die unbedingte Vcrweigerung der Mittel zu jedcm
Kriege gegen Deutiche.

P) Einfüvrnng des ällgemeiUcn gleichen und dirccten
W-chlrechts für Preützen und Deutschland mil gehllmer

Die Abgeordneten solleu außerdem den Grund-
satz vertreten: keine gewaltsame Annexion deut-
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