Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Graf v. Berlichingen: Man jolle die
Taxe zu 4 fl. lasien, aber sie auch für Hün-
d'mnen und alle Hunde ohne Ausnahme ein»
führen, das werde die Zahl der Hunde min-
dern; die wüthenden Hnnde kämen meisteuS von
Hofgütern, auf dem Lande kaufe nicht feder
Man» einen Maulkorb, man sperre die Hunde
eben unterm Dach ein und daher viele Krank-
heiten.

Ministerialrath Walli: Die Sache gehöre
zum GeschäftSkreise des Ministeriums des Jn-
nern; das Finanzministerium werde üdrigenS
die Wünsche beider Kammern dorthin gelangen
lasien. Das Budget wird im Ganzen geneh-
migt; und bewilligt nun noch auf Vortrag des
Abg. Dennig das hohe Haus einsiimmig das
Gesetz über Forterhebung der Steuern für Juni
d. I-, gibt aber dabei ebenfalls einstimmig den
Wunsch zu Protokoll, daß künftig solche Vor-
lagen früher geschehen möchten.

Schluß der Sitzung. (B-L.-Z.)

Kartsruke, 31. Mai. Die Gesetzge-
bung über Gemeindewesen ist eine der schwie-
rigsten Aufgaben der Legislatur; denn einerseits
soll nichts gescheheu, was der Selbstständigkeit
der Gemeinde zu nahe tritt; anderseits gebietet
das Gesammtwohl deS Staates, daß diejer auf
das Gemeindewescn deu nothwcndigen Einfinß
habe, wclcher verhindert, daß die Gemeinde nicht
in sich selbst verkümmert nnd eine Richtung
einschlägt, die den gemeinsamen Staatszwccken
zuwider läuft. Jede Gemeindegesetzgebung muß
dahcr der Doppeleigenschaft dcr Gemeinde, ver-
möge wclcher sie einerseitS als selbststandige
Corporation, anderseitS als Glicd des Staats-
ganzen aufzufasien ist, verständige Rechnung
tragen. ES ist ebenso verfehlt, wenn die Selbst-
ständigkeit dcr Gemeinden so weit gcht, daß sie
gleichsam als klcine Staatcn im großen Staat
sich bewegen, so daß dieser lediglich aus lauter
Bruchtheilen nur äußerlich zusammengesetzt er-
scheint, als anderseits jeder wirklichen Freiheit
der TodeSstoß versetzt wird, wenu es, wic im
napoleonischcn Frankreich, nur dem Namen und
Schcine nach noch Gemeinden gibt, in Wirk-
lichkeit aber diesc in der Omnipotenz der allein
herrschenden und maßgebenden StaatSgewalt
untergcgangen sind.

Es ist eine der dankenswerthesten Errungen-
schaften unseres constitutionellen Lebens und
RingcnS, daß wir schon frühe, sobald das Ver-
fafsungsleben bei uns anfing, vom bloßen Schcin
sich zur Wahrheit zu wenden, nämlich schon
im Jahre 1831 eine auf gesundcr Grundlage
auferbaute Gemeindeordnung erhielten. Jn
Wirklichkeit ist diese Gemeindeordnung die beste
Frucht aus jener Zeit; sie beruht auf wesent-
lich demokratischer Grundlage, wie dies bei je-
der für unsere Kulturstufe pasienden Gemeinde-
verfasiung nothwendig erforderlich ist. Es ist
daher auch erklärlich, daß später, so oft die
Reaction in unserer constitutionellen Entwick-
lung von neuem siegte, jene sofort an die
Gemeindeordnung von 1831 Hand anlegte,
um sie zu verstümmeln. Dies ist bekanntlich
in den lraurigen 1850er Jahren geschehen,
welche einige wesentlrche Grundbestimmungen
der 1831er Gemcindeordnung, die in ganz

Die „Ostpr. Ztg." bericktet: Man erzählt sich in
Königsbrrg folgendes Geschichtchen: Ein hiefiger
Hauswirth erfährt, daß einer seiner Miether, der
ihm noch die vorige Mongtsmiethe im Betrage von
5 Thalern schuldet, ein Mann, der eine Frau und
drei Kindrr zu crnährrn hat, zu den Kahnen ein-
bcrufen sei. Diesrs veranlaßt ihn, eine fchlermige
AuFpfändungsklagc gegen den Mann anzubringen.
Es soll nnn die arme Familie itzr Obdach aufgeben,
ihr kleines Hab und Gut aber dcm hartherztgen
Wirth zurücklaffen. Da läuft die Frau in ihrer
HerzenSangst zu dem commandirenden Generale und
stellt ihm ihre Noth vor. Sie wird mit dem Geld-
betrage, um den fie so arg bedrängt ist, beschenkt.
Freudig eilt fie zu ihrem Wirtbe und legt die fünf
blanken Thaler auf den Tisch. Schmunzelnd streicht
Imer das Geld ein und spricht: „Ja, liebe Frau,
daS ist recht schön, daS ist die pranumerando fäl-
lige Miethe für dicsen Monat; die eingeklagten fünf
Thaler schulden Ste mir jetzt immer noch, schaffen
Sie mir die nicktt Vis Mittag, so bleibt eS dabei:
Sie müssen hinaus, und ick behalte Ahr Mobiliar
zum Pfande." Die arme Frau wankt, vertrauend
auf die Güte ihres WohlthäterS, noch einmal zu

Deutschland Beifall gefunden hatten, auszumer-
zen verstand. Die Klagen über diese Corruption
der Gemeindeordnung, und über die schädlichen
Folgen, wclche diese Berfälschung des ursprüng-
lichen GeisteS derselben mit sich brachte, wur-
den immer lauter und allgemeiner. Die liberale
Partei hatte die Wiederherstellung der allen
verstümmelten Gemeindeordnuug, wenigstcnS
ihrem Wesen und Gejste nach, in erster Reihe
in ihr Programm aufgenommen. Die gegen-
wärtige Regierung hat auch dieser Forderung
Rcchnung getragen, und hat beim Beginn -es
gegenwärtigen Landtags einen entsprechcnden
Gesetzesentwurf dcr zweiten Kammer vorgelegt.
Jn der Commission fanden über diese wichtige
Vorlage längere Verhandlungen statt, da man
sich in manchen Grundfragen nicht einigen
konnte. Die Commission hat nun endlich ihren
Bericht vorgelegt, und wir wollcn in nächster
Nummer unseres Blattcs vorläufig die wichti-
gcren Bestimmungen und Anträge zur Kennt-
niß unsercr Leser bringen.

Vom Neckar, ZI.Mai. Welche schwere
Pflichten die jetzige Lage des Vaterlandes den
deutschen Fürsten austegt, und wie es vor Allem
gilt, den brutalen Angriffen einer Politik gegen-
über, welche aus rücksichtsloser Energie und
mangelnder Einsicht im Rathe einer deutschen
Krone die deutsche Wohlfahrt bedroht, entschie-
dene Thatkraft und alle Mittel eines bewußten
Willens entgegenzusetzen — das ist eine Wahr-
heit, die in den Cabineten, so wie bei den Völ-
kern nicht verkannt werden darf. Graf Bis-
marck treibt mit den Rechten der Völker ein
unerhört hohes Spiel; er experimentirt mit
dem Gehorsam des eigenen Volkes namentlich
mit einer Gleichgiltigkeit, wie wenn es sich nicht
um die furchtbaren Leiden eines Völkerkrieges,
sondern um ein lustiges Friedensmanöver von
Linie und Landwehr handelte. Bereits sind die
Verhältnisie in Preußen selbst fo sehr geschraubt,
die Stimmung ift so sehr gedrückt, es treten
so viele Symptome dieses unnatürlichen Zu-
standes hervor (in Form der Credit- und Nah-
rungslosigkeit rc. bei dem Volke, sowie sesbst
in Fällen von Jndisciplin bei der Landwehr),
daß es nicht verwundern darf — zumal wenn
der jetzjge abnormale Zustand noch einige Wo-
chen dauert und der Congreß den Frieden nicht
brrngt — daß endlich unter der unnatürlichen
Anspannung das Band zwischen dem König-
thum und Volke Preußens zerreißt! Die Treue
des preußischen Volkes ist nie stärker auf die
Probe gestellt worden, als jetzt. Die 'Begriffe
der Zeit erblicken in einem constitutionellen
Regenten nicht mehr den Eigenthümer, sondern
nur das Oberhaupt des Staates, nach der Ord-
nung des Erbrechts eingesetzt zum Nutzen und
Frommen seiner Beoölkerung; und nur Wohl-
dienerei oder Verrath kann daher einem Für-
sten heutzutage noch einreden wollen, daß seine
persönliche Neigung in erheblichem Grade
bei Erfüllung seiner Aufgabe ins Gewicht falle.

Regensburg, 29. Mai. Jm hiesigen
Bischofshof kam es vorgestern schon zwischen
Civil und Militär zu Conflicten, die sich gestern
Abend in vergrößertcm Maßstab wiederholten,
der Art, daß Generalmarsch geschlagen wurdc,

der Ncupfarrplatz abgcsperrl uud dic Straßcn
mit gefällten Bajonneten geräumt werden muß-
ten. Erst NachtS 12 Uhr wurde die Ruhe wie-
derhergestcllt.

München, 29. Mai. Wie der „A.A.Z."
mitgctheilt wurde, hat gestern Abend im Club
der vercinigten Linkcn eine jehr erregte Debatte
stattgefunden, die jedoch schließlich zu einer voll-
ständigen Einigung führte, so daß dicse Fraktion
wieder, mit Ausnahme des Abg. Crämer, der
sich noch zurückhielt, aus denselben 42 oder 43
Mitgliedern wie am vorigen Landtag besteht.
Es soll sich während der Debatte u. a. beson-
ders Dr. Völk dahin ausgesprochen haben, daß
er keincswegs für eine unbedingte Neutralität
der Mittelstaaten stimme, da er vielmehr für
den Fall, daß Preußcn etwa Holstein, Sachsen
oder einen andern Bundesstaat angreife, ein
entschiedenes Entgegentreten fnr geboten erachte
und daß deßhalb die vollständige Rüstung des
HeereH als nothwendig erscheine. Zur Wahl in
den Adreßausschuß hat die vereinigte Linke die
Abgg. Kolb, Völk, Gelbert, Dr. M. Barth
und Umbscheiden vorgeschlagen, die denn auch
gewählt wurden.

Leipzig, 29. Mai. Der eiserne Ring um
unser kleines Land schheßt sich immer enger.
Schon siud in dem mit der Eisenbahn in */,
Stunde .zu erreichenden preußischen Grenzstädt-
chen Schkeuditz die Stäbe zweier preußischen
Regimenter und das Commando des 8. preus-
sischen Armeekorps mit einem Bataillon Jn-
fanterie angesagt. Jn Zeitz, in Weißenfels, iü
Halle, überall steht massenhaft preußisches Mi-
litär. — Die sächsische Regierung beansprucht
für ihre Rüstungen vom Lande 4^/z Millionen
Thaler.

Düfseldorf, 28. Mai. Die hiesige Han-
delskammer hat eine Adreffe an den König ab-
gesandt, welche mit folgenden Sätzen schließt:
„Majestät wollen uns gestatten, mit Freimuth
es auszusprechen, daß das ganze Land dem
drohenden deutschen Bruderkriege entgegen ist,
vor der Zukunst bangt, nicht blos aus Sorge
für das eigene Wohlbefinden, sondern mehr
noch aus Sorge für die Gefahren, welche dar-
aus für das preußische Vaterland entspringeN
können. Wi'r dürfen es UNs nicht verhehlen
und fühlen uns gedrungen, als unabhängige
Männer es offen auszusprechen, daß bei aller
Opferwilligkeit des preußischen Volkes, für die
höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm
die Begeisterung fehlt, deren ein Kampf sür
die wahren deutschen Jntereffen schwerlich ent-
behren kann. Ew. Maj. wagen wir demnach
ehrfurchtsvoll zu bitten: Allergnädigst dem Va-
terlande den Frieden zu erhalten." Handels-
kammer von Düffeldorf für sich und im aus-
drücklichen Auftrage der Handelskammern zu
Crefeld, Dortmund, Duisburg, Jserlohn, Len-
nep, Malmedy, Mülheim a. d. Ruhr, Neuß,
Saarbrücken, Siegen, Stolberg, Trier, Mün-
ster, Elberfeld und Barmen, Hagen.

Berlin, 28. Mäi. Der „Staatsanzeiger"
schreibt: Dem Neuner - AuSschuß der Bundes-
versammlung zur Berathung des Preußischen
Antrags vom 9. April d. I. auf Bcrufung
eineS deutschen Parlaments, ist von dem könig-

diesem. Se. Ercellcnz schüttelt unwillig den Kopf
und schickt leinen Adjutanten zu dem Hauswirth,
um Ueberzeugung zu erlangen, ob der Mann wirk-
lich so dart sei. Der Adjutant kommt mit drr Bot-
schaft zurück, daß.bei diesem Manne keine Porstel-
lungen hrlfrn. „Aber," meint er, „dieser Mensch
kann unmöglich sckon über die Militärjahre hinaus
sein; sollte derselbe in ketnem Dtcnstverhältnisse
stehen?" Es wird nachgcschlagen und herauSgefun-

für ben Train noch brauchbar sei. Jn 24 Stnnden
erhielt rr eine Ordre zum sofortigen Eintntt. Für
die bcdrängte Familie ist aber noch weiter gesorgt
worden.

Skuttgart, 29. Mai. Ein Gaunerstück hat
unfere Geschäftswelt in einige Aufregung versetzt.
Ein Handelsmann aus Bretten, Namens Bär,
hat sich burch falsche Wechsel über 100,0ffv Gulden
auf süddeutschen Wechselplätzen zu erschwindeln ge-
wnßt, wobei Stnttgart ganz besonderS stark be-
troffen ist. Da der Gauner indeß bereits nach
Amerika unterwegs ist, so rvurbe ihm voir hier
aus nachgesetzt, um seine Verhaftung zu bewirken

! Jn der Wiener „Preffe" setzt Advocat Dr. Hun-
! degger in Murau demjenigen österreichischen Krie-
ger 100 fl. auS, welcher den als Landwehrmajor
gegen Oesterreich in's Feld ziehenben Grafen Bis-

Anderer, sei es mit ganzcm odcr durchlöchertem
Fell, sci es todt oder lebendig, zum Gefangenen
macht." _

* Literarisches.

! Sämmtliche Aufsätze, welche die Matnum-
! mer von Weftermann's Zllustrirten Deutschen
^ Monatsheften entbäit, gehören sowohl durch die
Wabl der Gegenstände, die fie behandeln, wie durch
die Bedeutung der Verfasser selbst. zu den bervor-
^ ragendsten Arbeiten ihrer Art. So die Abband-
lung von Mar Perty „Der Aufbau der Thier-
! welt"; das Dichterbild „Alerander Puschkin" von

> Fr. Bodenstedt unb die anderen Beiträge von
! Scklagintweit, R. Usinger, E. Arnd, A.
i Vogel u. A. Der SLluß der sehr feffelnden

Ro quette'fchen Novelle„Radulfs Buche" eröffnet

> das Heft.
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