Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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unserr Stadt p-fsiren wird. — Drr Privat-
Vrrkehr ist bezüglich der württembcrg. Bahn
nicht ganz zuvcrlässig, so lange die Trnppen-
besvrd-rungen stattfinden, ebenso ist der »m
12 Uhr und 4'» NachmittagS vo» hi-r nach
Franksurt abgehende Zug vorlänfig eingestellt,
und serner der vvn Franksurt um8>°Morgen«
und um 1>° hiehcrgehende Zug. — DaS ,Fr.
I.» klagt über dic mißliche Lage, in dcr fich die
Blätter gegenwärtig befinden Seit g-stern Mit-
tag, wo da« preußische Telegraphenbureau von
bayerischem Militär besetzt wurde, sei die tele-
graphische Communication mit dcm ganzcn Nor-
ben gestört. Ebenso wurdc gestern Nachmittag
der Eisenbahn- und Postverkehr nach Norden
über Gießcn und Marburg eingestcllt. Der
bayeriiche und dcr Main-Neckar-Telegpaph stnd
zwar noch in Thätigkcit, aber fie besördcrn we-
der politische Telegramme, »och gcben fle die-
selben aus. So seien die Zeitungcn außcr Stand,
über dic Ereignifsc schnell zu b-richtcn. Sic
sind in ihrrn Ouellcn und mit ihrcn HülsS-
mitteln um vicle Jahre zurückgcworscn und
sehen sich wieder ans „glanbivürdige Reiscnde"
nnd glückliche Zusällc angcwicsen Daß u»ter
solchcn Umstäuden nur vo» rinem Reserat dic
Rede sein kann, versteht fich von sklbft, nnd
cbcnso, daß Kritik über Thatsachen, dercn Ber-
bürgung erst abgewartet wcrdcn muß, vorläufig
anSgeschlossen ist

Die Main-Weserbahn hat den Pcrsonenver-
kehr vorcrst bis Gießen wieder eröfinct. Jcnicits
Marburg ist dcr Dicnst jcdoch gänzlich eingestkllt.
— Zwischen Kirchbain und Neustadt sind die
Schicnen aufgerissen.

Südlich vo» Gicßcn standcn am 17. Mor-
genS 6 Uhr keine Preußeu mehr. Jn Kasscl
waren zur selben cvtunde die Preußen noch
nicht eingerückt. Dic Stadt war »ollständig
ruhig. I» Frankfnrt trafen am 1 k. gegen 4 Uhr
die crsteu BundcSIruppcn, großherzoglich hcs-
siiche Jnsanterie und Cavalleric ein, welche in
Verbindnng mit den dortigen Trnppen eine
Avantgarde von über 4000 Mann dilde», dic
an dcr Vilbeler Warte bivouakircn und Vor-
postcn auSgestcllt haben. 2000 Nafiaucr ncbst
Artillcrie sind gestcrn Nbend in Höchst einge-
troffen u»d noch >n der Nacht mit den hcsstschen
Trnppcn nach Vilbel vorgeschoben wordcn.

Prinz Alcrander von Hesscn ist seit gcstern
Abend in Frankfurt und hat daS Commando
dcS 8. ArmrccorpS übernommen.

Dcr Kursürst nnd der Thronfolger stnd mit
hessischcn Truppen in Bedra angekommen.

Das Einrückcn dcr Prcußcn in Sachscn er-
folgtc am 10. Juni gleichzeitig auf vier Puiik-
ren: bei Wurzen am linken Ufer der Mulde,
bei Strehla am rechten Ufer der Elbe, bei Zit-
tau an der Neific nnd bei Löbau am Knolen-
punktc der Linic, die von Zittau nach Görlitz
im Ostcn und nach Wcstcn nach DreSden führt.

K Freiburg, 17. Juni. Auf Einladung
dcS hiesigen Gemciiideraths wurde gcster» Abend
eine schr zahlrciche allgcmcine Versamnilung
lm KanshanSsaale dahier abgchaltcn. Der Gc-
gcnstand dicser Versammlung betraf die surcht-
iar crnstc Lage dcr Gegcnwart und die drohcnde
Gcfahr dcS BrudcrkriegeS. Die Versammlung
sclbst wurdc vvn Obcrbürgermeistcr Fauler
ciöfinct. Jn dcr EröffnungSrcdc wieS Fauler
darauf hin, oaß AngcsichtS der allgemeincn Ge-
sahr allcr frkhere Hader, alle Parteiiuterefien
n»d Parteistandpunkte und überhaupt AlleS
waS bisher entzweit hade, »crgcficn werden
möchte. Sodann zcigte er in kurzen Zügen
die Entstehnng de« deutschen BundcS, den
Mangkl seincr organische» Fortentwicklung und
als Folgc davon die gegenivärtige edenso Irau-
rige als furchibare Lage DentschlandS und der
Einzclstaaten. Hieraus vcrtheiltc und vcrla«
er nachstchenden Entwurf einer Petition an
die großh. Negierung und dic Kammcrn und
sctzte dcnjelben der DiScujjioii und Zuslimmung
der Versammluug anS. Dcr Eutivurf lautct:

AnciesiLIS drr schwer bedrohlrn Lac,e Denliidlanbs «r-
aldlel es die Bürger- nnd Einwobnerschail der Lladt
^reiburg als einePflichl gegen das grohe nnd cngerc
Valeriand, der grohh. Slaalörrgiemng oisen und oer-

sprechen.

Di- Vcrsammlnng ist von der U-berzeugung durch-
drungcn. datz dlc Wabrung sowobl der aügcineincn druk-
scbcii, wie der b-sondcren badischcn Znl-r-st,n den in-
nigsiru Anschiuh lliisereS LandeS an dl, sühwestden,-
s»,n Sl-al-n q-bi-Ierisch s-iderl.

M..II hatic darnm auch erwartcl, daß d-r T-sandlc
BadenS. nachdem er eiiicn ancrkeiiiienSwerlhen, von der
Arieocnsliede und dem TercchligkeilSgesüblc unscrcr
hohen Regieruna zcugendeii I-tzleii V-rmilllunaSaiilra.i
-rsolgkos gestelll hallc, sich o-m Votum jener Slaateii
würde' ^"^^>"S°lltzlN>g vom >1. d. M. anschliehei,

lÄIcichwohl sprichk dic Bcrsamnilung ihre grcude ein-
iiiulhig darüber aus. oah Ed-uderselbc ourch die gl-ich-
zcilig abgegcdrne Erklärung, dah die großh. Regicilllla
die tziiiiid-.'iiflichien IN ihrem ganzen Umsange'zu er-
lullcn bereii sei, ihrer BnndcSlreue, wie dein Liind-S-
rcchle vollcn AuSdruck verliehen hal.

Ebendctzhalb hcgl oic Bürgcr- und Einwoblierschasl
vou Frtlburg zu hoher N-gi-rung imd SiLndcii auch
das iesteste V-rlraueii. haß Hvchdicsclben füi die Ans-
rechierballiing der Ekre uno deo Rechlcö des beillichen
G-janlinlvalerland!, mil aller Enljch lvsseii h-ir
-inlrelen und diesclden wie oic Jnler-ff-n Badcns, mil
Aiisbictniig allcr Kräsle zll wahren fortan be-
strebl blciden.

Dieser Entwurs wurdc von Oberbürgermci-
ster Fauler sodaun einer weitercn AuSeinander-
sctzung unterworsen u»d von Fabrikant C. M-tz,
sowie von R-chlSanwalt v. Wänkcr — jeboch
von Letztcrem nicht ohne Bitterkeit — untei-
stützt. Hierauf wurde obiger Eutwurf ron der
ganzen Vcrsammlung ciiistimmig ange-
nommen -

^ Fl oibliril i -- Juui. Bci der gestrigen
freien Lehrcr-Cousercnz deö dicssciligeil Bezirks
wurdc die Denkschrift an die Kammern, in
welchcr der LehrcrauSschuß im Namrn dks badi-
schen LchrerstandeS seilic Bedenken lind Wünsche in
Betrcfi der Vorlage deS neuen Schulgejetzes
auSrinaiidcrietztk, einstimmig angenommeii und
von allcli auwcsendcn Mitgliedern uuterzeichnet.

Qü Freiburg, 17. Juni. Jm Laufe die-
scs Vormittags hat das hiesigr 3. Regiment
auf telegraphischem Wegc Bkfehl zur Marsld-
dercitschaft erhaltcn. (Auch die übrige» Trup-
penlheile erhielten Marschordre.)

Frankfurt, 18. Juni. Auf den in der
heuiigen Biindestagssitzung von Köuigresch
Sachsen gestellteii Autrag, die Ergreifung aller
nöthigeu Maßregeln gegen.das erfolgte Ein-
rücken königl. preußischer Truppen iu Sachsen
erklärte Oesterreich folgendes: Der Gesandte
stimmt dem Königlich-SLchsischen Antrage zu.
Er verbindet hiermit die Mittheiluiig, daß
autheiitischen Ngchrichten zufolge gestern auch
an die Königlich-Hannöver'sche und an dte
Kurfürstlich - Hesstsche Regierung eine gleichc
Sommation gerichtet worden. Jm Hinblick auf
diese Thatsachen ist der Gesandte von seiner
allerhöchsten Regierung beauftragt, zu erklären:
Seine Majestät der Kaiser wird mit seiner
vollen Macht der gegen Seine. Bundes-
genofien geübten Gewalt entgegentreten nnd
demgcmäß mit Aufbietnng aller mililärischen
Kräfte unverzüglich handeln. Allerhöchstderselbe
erwartet ein gleiches Einstehen sür die gemein-
sanie Sache, für Deutschlands Recht und Frei-
heit von allen bundestreuen Regierungen. Es
ist oon der größten Wichtigkeit, daß die höch-
sten und hohen Regiernngen stch unverweilt
über den einheitlrchen Oberbefehl verständigen
und der Gesandte hat Namens der Kaiserlichen
Regierung den höchst dringenden Wunsch aus-
stnsprechen, daß diese Verständlgung ohne Ver-
zng erfolgen möge.

Für den sächsischen Antrag haben gestinimt:
Oesterreich, Bayeru, Sachsen, Würtemberg,
Haunover, Baden, Großherzogth. Hesse», Kur-
hefien, Nafiau und die 16. Curie. Die an-
deren 0 Stimmen enthiclten sich der Abstim»
mung. — Zm Auftrag ihrer Regieriingen wie-
derholt die Bundesversammlnng den in der
letzten Sltzung bereits durch den Gesandten er-
hobenen Protest wegen deS von Preußen er-
klärten Austritts und sprach ihren Entschluß
aus, an dem Bunde als einem nnauflöslichen
Verein festhalten zu wollen.

Mainz, 16. Jnni. Hente Morgen nm
halb 8 Uhr gingen mit dem Dainpfboot Göthe
die königlich preußischen Mannschaften der Mi-
litärbäckerei, Lazareth-Personal, der Unter-Chi-
rurgen, leichten Kranken und Reconvalescenten
rheinabwärts nach Coblenz ab. Jn dem La-
zarethe befinden sich nnr noch die Schwerkranken,
die nicht transportabel sind. Auch der katho-
lische Fcldkaplan der preußischen Trikppen be-
findet sich noch hier, sowte das znr Kranken-
pflege nöthige arztliche und Wärterpersoual.

Dresden, 18. Juni. Ein Extrablatt des
Dresdener Journals oeröfientlicht eine gestern
übergebene preußische Sommations-Depesche nnd

i di- sächflsche Antwort darauf nebst einer Prok-
lamation des Königs an die treuen Sachsen.
Dasselbe Blatl sügt hinzu: D-r preußische
Gesandte übergab Ab-nds eine förmliche Kriegs-
erklärung. Dic prenßischen Trupen seien vorige
Nacht bet Strehla in Prenßen cingerückt. Der
König ist mit Hrn. o. Beust und dem Kriegs-
Mnister Morgens zur Armee abgereist. (Also
nicht nach Prag, wie gestebn gemcldet.)

BerUn, 10. Jnni. Die „B. B.-Ztg."
bringt folgcnde Nachricht: „Für die gesammte
preußische Armee ist mit dem gcstrigen Tage
der Kriegszustand proclamirt worden, d. h.
es gretfen von gestern ab sür die Soldaten die-
jenigen Paragraphen der Kriegsartikel nunmchr
Platz, welche sich speciell auf den Eintritt des
Krieges beziehen." — Jm Laufe der vergange-
nen Nacht und des heutigen Bormittags sind
säinmtliche hier und in der Amgegend statio-
nirten Trnppen mittclst Extrazügen theils mit
der Anhaltischen, theils mit der Potsdamer
Bahn nach der sächfischen und hannooer'schen
Gränze zu besördert worden. Allein auf der
Anhaltischen Bahn sind für die Truppen 60
Extrazüge bestellt worden.

Berlin, 10. Jmii. Dcr Bejchluß, di-
Vorlage der Grundzüge sür die neuc Bnndes-
versafiung noch in Frankfurt niitzutheilcii, soll
gcfaßl wordcn scin, als die Majoritit für den
österreichischcn Antrag wahrschcinlich geworden
war- L!i> der Vorlagc solltc die Gründniig deS
ncllcn Bundes augcascheiiilich eingeleitcl wcrdcn.
Mecklenburg-Schwcrin wlrd wahrschcinlich zum
Schutze SchleSwig-Holstciiis acliv sür Prcnßcn
eintrekcn.

Berlin, 16. Zuni. Die in Bremen zn
Sonntag erwartete Versammlung von Abgeord-
neten norddeutscher Kammern wird, wie ans
Privatbriefen hervorgeht, wahrscheinlich Beschlüffe
zu Gunsten der norddeutschen Neutralität und
keineswegs zur Unterstütznng der Hannover'schcn '
Regternngspolitik fafien.

Beilin, 16. Zuni. Der heutige Staats-
Anzeiger bringt, wie uns telegraphisch mitgc-
theilt wird (das Blatt ist der K. Z. noch nicht zu-
gegangen, indem die Posten mit Blättern nnd
Eorrespondenzen aus Berlin, Hamburg, Bremc»,
Hannover ic. wegen Störung des Eisenbahn-
verkehrs in Hannovcr noch in Köln sehlen),
nachstehende Proklamation:

Rüstuiigeli seincr Tegner bcorohlen Unabhängigkeit. Jn-
dem das preußische Volk zur Ersüllung dieser Pflicht
seine Gefammlkrasl ansbielel, bekundel es zuglcich den
Enlschluß: fnr die im Jnt-r-si- Emz-ln-r bisher ge-
watls^^

deren Unabhangigkeit Prellßen ^achtel, und nüt deren
Bertretern es in dcr deutschen National-Versammlung
gemeiniam die künftigen Geschicke des deutschen Vater-
landes zu berathen hosft. Möge das deutsche Volk, im
Hinblick ailf dieses hohe Ziel, Preußen mit Vertrauen
entgegenkommen, und die friedüche Entwicklun^ des ge-
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