Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Mittwoch, 2« Z«ni


18««

' Politische Umfchau.

Heidelberg, 19. Zuni.

^ * Die kriegcrischen Ercigniffe in Hannover
mch selbst in Kurhessen sind noch immer etwas
iyr Dunkcln, da die Communication dorthin
u/,terbrochen ist und nur spärliche Nachrichten
zu uns gclangen. Bis jetzt weiß man nur so
viel: Die Preußen. gehen bei Gießen ab und
zu, die Bundeslruppen jammeln sich bei Frank-
furt, und haben ihre Vorposten bis Friedberg
(gegen Gicßen zu) aufgestcllt. Ein weiteres
Dorangehen der Preußcn ist wohl nicht zu
fürchten. Jhre Trnppenmacht in dcn west-
lichen Provinzcn ist schon längst keine betracht-
liche mehr; ihr Bestrebcn ist viclleicht nur dar-
iulf gerichtet, ihre alte Etappcnstraße, die von
Coblcnz über Gießen gegcn Erfurt führt, zu
behaupten, und damit die Verbindung mit dcm
östlichen Hauptthcile der Monarchie aufrecht
zu erhalten. Dem Vernehmen nach ist eine
Offcnsivbewegung der mittelstaatlichen oder
BundeStruppen gegen Gießen zu in Bälde zu
erwarten. Von ihrer Seite gilt es, die Vcr-
biydung mit den Hannoveranern und Kur-
hesscn aufrccht zu erhalten, welche die Preußen
mit der Truppenaufstellung bei Wetzlar, Gießen
u. s. w. durchschneiden. Zn dem Ende ist auch
eifl baycrischeS Corps von Aschaffenburg her
in Kurhcssen eingerückt, und dem Vernehmen
nach schon in Fulda eingetroffen. Sollte es
widcr Erwarten Preußcn gelingen, in Kurhcssen
und Hannover eine bleibende Stellung zu neh-
men, so wäre dies nicht nur in militärischer,
sondern auch in politischer Beziehung ein Ver-
lust-für die Bundessache. Es ist daher von
grotzem Wcrthe, daß auch die reindeutschen
Mittelstaaten ein starkcs militärisches und poli«
tischeS Gewicht in die Wagschale legcn, damit
die Ziele des Kampfes, Festhaltung der Einheit
und Unzerreißbarkeit Deutschlauds, nicht ver-
wischt wcrden.

Ein Berliner Telegramm der „Jnd. belge"
vom Hcutigcn meldct: Graf BiSmarck beab-
sichtige durch die kurhessischen Stände die Ab-
sctzung dcs Kurfürsten aussprechen zu lassen!

Den Frankfurter Blättern ist die Aufforde-
rung zugegangen, über die militärischen Bcwe-
gungen in «Lüddeutschland keiue Nachrichten zu
veröffentlichen.

Berliner Blätter bringcn die Mittheilung,
daß durch den Kriegsfall dem Handelsverkehr

zwischcn dcn ZollvereinSstaatcn, selbft gegen die,
welche gegen Preußen auftreken, Seitens Preu-
ßens kein Hinderniß in den Weg gelegt wer-
den solle.

Die „Rheinische Ztg." richtet in einem vor-
lrefflichen Artikcl an das preußische Voik die
Aufforderung, gegerk den AuStritt Preußens auS
dem Bunde laulen Protest zu erheben. Der
Artikel schließt mit den Worten: Das preu-
ßische Volk wird seine Pfiicht zu erfüllen wis-
sen; in der höchsten Noth aufgeboten, über das
Geschick PrcüßenS und Dcutschlands zu ent-
scheideu, wird es dcr oft verküudetcn und immer
ticfer gewurzelten Ucberzeugung treu bleiben,
die sich in die Wortc zusammenfaßt: „Necht
in Preußcn, Necht in Schleswig-Holftein und
zur Neugestaltung deS Gesammtvaterlandes
Recht und Friede in Deutschland!"

Jn Berlin soll, wie man in Pariser offi-
cicllen Krciscn wissen will, der Beschluß des
Bundestags große Bestürzung erregt haben.

Die „N. fr. Presse" fheilt mit, daß außer
dem Manifcste deS Kaiscrs von Oesterreich an
seine Völker ein zwciteS Manifeft an Deutsch-
land von den bundestreuen Negierungcn vor-
bereitet werde. Gerüchtweise war diese Nach-
richt schon früher verbreitet.

Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: „Zwischen
mehreren Negicrungen der BundeS-Minorität
und Prcußen bildet sich bcreits eitt Einverständ-
niß über Bcgründung einer neuen Union und
die ParlamcntSbernfnng.

Die schleswig - holsteinischen Nekruten sind
verpflichtet wordcn, in ihrer Heimath zu blei-
ben. Die Bcfestigungen auf Düppel und Alsen
sind eiligst in VertheidigungSznstand versetzt
und mit Gräben, 12 Fuß tief und 8 Fuß breit,
nebst Palissadcn versehen.

Die bayerische Abgcordnetenkammer hat die
Crcditforderung für die Armee einstimmig be-
willigt.

Die heutige „Wiener Zeitung" bringt das
Kriegsmanifest des Kaisrrs an Ocsterreichs
Völker. Dasselbe entspricht im Wesentlichen
dem bereits mitgctheilten telcgrapbischcnAuszuge.

Hamburg ist von Preußcn aufgefordcrt wor-
den, sün Contingent znr Verfügung zu stcllen.

Kossuth.ist in Florenz angekommen, und
hatte sofort eiue längere Unterredung mit dem
König und mit Lamarmora.

Dic russischen Elscnbahnen sind nach der
„P. Ztg." auf maffenhaften TranSport von

Truppen, Geschützen und Train eingcrichtet.
Längs" der russisch - galizischen Ostgrenze sind
große Verpflegungsanstalten getroffcn worden.

Deutschland.

* Heidelderg, 19. Juni. Die Nachrich-
ten über die neuestcn militärischen Ereigniffe
lassen sich in Folgendem zusammenstellen:

Nach Mittheilungen von Neisenden sind bis
jetzt im Ganzen circa 25,000 Preußen von
Wetzlar aus in Kurhessen eingerückt. Eine
gleiche Anzahl soll sich von Paderborn auS in
der Richtnng aüf Kassel in Bewegung gesctzt
haben. — Jn Wetzlar war die Nachricht ver-
breitet, Landrath v. Diest sei zum Civilcom-
missar für Kurhcffen bestimmt.

Die Preußen sollcn in Marburg 7 Locomo-
tiven demolirt, sämmtliche Weichen in dcm
Bahnhof zerstört und die StationScasse gcleert
haben. JnWetzlar syllen neuerdings 15,000
Mann angemeldet sein.

Die Eisenbahn zwischen Gießen und Mar-
burg ist von den Preußcn zerstört (zwischen
Marburg und Kaffel, wie man sagt, von den
Heffen), zwischen Minden und Hannover von
den Hannovcranern. Der preußische Gesandte
und Militärbevollmächtigte sind von Frankfurt
abgcreist.

Bayern sollen auf Fulda marschiren.

Hannoveraner und Heffcn haben sich zu
Fulda veremigt.

Das in Holstein stationirte preußische Trup-
pencorpS, welches unter dem Befehle Manteuf-
fels theilweise über Altona, theilweise über
Lauenburg in Hannovcr eingerückt ist, hat nach
dem Moniteur eine Stärke von 30,000 Mann.
(Holstein muß jedenfalls von einem Theil dieseS
Corps besetzt bleiben.) Von Minden her ist
ein Corps unter v. d. Gröben in der Stärke
von 17,000 Mann nach Hannover auSgerückt.
Die Deamten des hannovcrschcn Bahnhofes in
Minden wurden ihrer Functionen cnthoben und
die Bahn von Wunstorf nach Hannover durch
Zerstörung der Schicnenstränge unfahrbar ge-
macht. Die Gesammtstärke, mit welcher die
preuß. Armee auf der Linie Gießen - Altona
hiernach operiren kann, läßt sich auf 50 bis
60,000 Mann schätzen.

Am 18. Abends nach 10 Uhr wurde die
Coblenzer Garnison durch Generalmarsch allar-
mirt. Jn großer Eile wurden die Ncste aller
Truppengattungen sofort aufgeboten; die Thore

Das Sombardement von Valparaiso.

(Schluß.)

Zollgrbäudrn die beiden ersten zu retten und auch
des Feuers in der Stadt Meister zu werden. —
Jn der Stadt haben wir Gottlob nichts vrrloren
und auch unser Waarenlager in den Zollhäusern
war, wenn auch noch sehr bedeutend, nickt so groß,
wie in früheren Zeiten, da alle in den letzten Mo-
naten zollfrei kingeführten Waaren in den Ma-
gazinen der Stadt deponirt wurden. Den ganzen
Derlust an Waaren, außer drn Gebanden, schätzt
man auf gz Millionen Dollars, von drnen
circa 18 Millionrn auf die Zollhäuser und 3 biS
4 Mtllionen auf die verbranntrn Magazine der
Stadt fallen! Und daS Allcs ist nentralrs Eigen-
thum der hier etablirten fremden Häuser und dcr
Fabrikanten in England, Dcutschland und Frank-
reichü — So verstehen diese Spanter den Schutz-
von neutralrm Eigenthum, von dem der spanische
Minister Bermudez de Eastro in allen seinen De-
peschen an dte ruropäischen Höfe in so pompösen

Worten spricht! Nicht Chtle, sondern den Fremden,
den Neutralen hat dieS verrottete Spanien den
Krirg gemacht, der ganzen Civilifation^ dem Welt-
handel und der Jndustrie! Letzter« habrn die enor-
men Verluste (dte sich direct und indircct auf 30
biS 40 Millionen DollarS bclaufen können) dieser
barbarischen Zerstörung einer unvertheidigten Han-
delSstadt zu tragen, während Chile durch die Zer-
störung der änßeren Gebäude höchstenS eine halbe
Million Dollars verliert!

Die Zntendencta und die Eisenbahn - Station
find stehen gebliebrn, auf andere RegierungS-
grbäude: die Regle, die Casernen, die Telcgra-
phenbureaur, die Polizei rc., ist gar nicht gesckoffen
worden, nur auf die Zollgebäude mit drm werth-
vollen Jnhalt neutraler Waaren und anf einen
Thetl der Stadt, wo nur Fremde wodnen und

der Spanter entladen. Es gibt keine Worte für
etne solche EOlndthat, und eS ist wirklich, alS ob
dirseS in aller Cultur zurückgebliebene Spanirn,
auS Neid über die ProSperität der andern Ratio-
nen, anS Ueberlegung und adsichtlich dirfem Gefübl
deS NrideS auf eine so brutale Weise Luft gemacht

hat!! — Der französische Minister sagt heute seinen
LandSleuten:

„Wir sind auf eine infame Weise von dem, spa-
nischen Cabinette hintergangen worden, wir konn-

mirt alle eure Verluste in grhöriger Form bei mir,
und Spanien wtrd Alles biS auf drn letzten Ccnt
bezahlen!"

Man sollte wirklich an der Civilisation unsereS
JahrhundertS verzweifeln, wenn nicht alle Regie-
rungen in Europa dieselbe Sprache führen und
nicht sofort von Spanien eine augenblickliche Ent-
schädigung aller Verluste verlangen! Nach Abgang

den; nur sollten von dort auS alle nöthigrn Schritte
grschehen, um die preußische Rrgierung zu einem
enrrgischen Einschreiten im Veretn mit den übrigen
Regierungen zu veranlaffen; denn Civilisation und
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