Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Die akademische Kunstausstellung in Berlin.

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auch drei italienische Landschaften von Paul Flickel
(Berlin), namentlich eine Partie aus der Villa d'Ests,
welche auch eine entschiedene Begabung fiir charal-
teristische Auffassung architeltonischer Formen verrieth.
Aber sie wurden schließlich alle durch die herrlichen
koloristischeu Reize übertroffen, die Albert Hertel auf
zwei genuesischen Landschaften entfaltete. Die cine ge-
währte uns einen Blick auf das Cap Portofino bei
Genua mit der anstoßenden grünen Küste und zeichnete
sich neben seinem satten, vornehmen Kolorit durch die
charaktervolle Behandlung des Terrains aus. Die
andere, nahender Sturm an der genuesischen Küste,
mar mehr phantastischer Natur, aber von höchst pikanter
Farbenwirkung in deu verschiedenen Nüancirungen des
blauen Meerwassers unter wechselnder Beleuchtung.
Das mag auch die Beranlassung gewesen sein, weshalb
das Bild für die Nationalgalerie angekauft worden ist.

Wir sind damit zu den Marinemalern gekommen,
die noch niemals so vollzählig vertreten waren. Außer
dem anerlannten Triumvirat der älteren, A. Achenbach,
Gude und Eschke, neben welchen dem Freiherrn
v. Hafften nur um seines Alters willen ein Platz
gebührt, waren die jüngeren, E. Dücker, Sturm,
Schönleber und Saltzmann sehr erfolgreich in's
Feld gerückt. Dücker hat weniger mit seinen Marinen
trotz ihrer sehr schätzbaren Qualitäten seinen Erfolg
erzielt, als mit einer ganz ungewöhnlich schönen und
stimmungsvollen Abenddämmerung bei Mönchgut auf
Rügen, die wir als die beste Landschaft der diesjährigen
Ausstellung bezeichnen möchten. Auch sie,hat einen
Platz in der Nationalgalerie gefunden. Einen nicht
minder großen Erfolg hat Saltzmann rnit seiner Ein-
fahrt in den Hafen von Colberg erzielt. Er offen-
barte darin eine Kraft, welche an die Andreas Achen-
bach's erinnert. Nur weiß er noch nicht jene durch-
sichtige Klarheit des Wassers zu erreichen, die dem
großen Düsseldorfer freilich noch kein Mensch nach-
gemacht hat. Saltzmann hat in Folge seines kühn
concipirten Bildes, welches die Aufmerksamkeit des
kronprinzlichen Paares erregte, die Erlaubniß erhalten,
init dem Prinzen Heinrich, dem zukünftigen Admiral
der deutschen Flotte, die Reise um die Welt mitmachen
zu dürfen. Während Saltzmann das Meer gleichsam
von seiner dramatischen Seite zeigt, schildert Dücker
mit noch größerer Virtuosität und mit gereifterer Technik
die Meeresstille und die Reflexe des Sonnenlichtes auf
dem Wasserspiegel bis in scheinbar unabsehliche Fernen.
Gustav Schönleber in München weiß ebenfalls das
Spiel des Sonnenlichts auf der silbernen Fläche mit
bedeutendem malerischen Geschick darzustellen. Das
Wasser auf den Sturm'schen Marinen ist dagegen starr
und bewegungslos, es macht den Eindruck erstarrten
Glases. Eschke's Partie aus dem Hafen von Livorno

wirkt besonders durch die pikante Beleuchtung, die von
drei Seiten ausgeht, von dem Monde, von der Laterne
des Leuchtthurms und Vvn der Kajüte eines Dampfers,
welcher majestätisch die dunklen Wellen durchfurcht.
Freiherr v. Hafften, der Romantiker, war mit einein
großen, stark theatralischen Seestück vertreten, auf dem
wir ein wildschäumendes Meer unter phantastischer
Beleuchtung mit den von den Wogen an die Oberfläche
getragenen Leichen Hero's und Leander's und darüber
einen hochragenden Felsen mit einem antiken Schlosse
sehen. Der russische Marinemaler Aivasowski, der ein
häufiger Gast auf unseren Ausstellungen ist, fehlte
auch in diesem Jahre nicht. Aber seine romantischen,
in allen Farben spielenden und mit peinlicher Glättc
gemalten Seestücke aus dem schwarzen Meere sehen
einander so ähnlich, daß man beim besten Willen ihnen
nichts Neues nachsagen kann.

Unter den GebirgSmalern — der Spezialitäten-
kultus ninimt immer mehr überhand — hat Karl
Ludwig, Professor an der Kunstschule in Stuttgart,
mit einer Partie von St. Gotthardpaß den ersten
Treffer gezogen. Es ist ein riesiges Stück Leinwand,
nichts als kahler, nicht einmal besonders pittoresk-
gestalteter Felsen, dem nur eine ganz unbedeutende
Staffage beigegeben ist. Und doch ist es dem Maler ge-
lungen durch charakteristische Behandlung der Felspar-
tien, durch Gliederung der kolossalen Massen und durch
Einführung glücklicher Lichteffekte die ungeheuere Fläche
zu beleben und interessant zu machen. Sein Bild
wurde für die Nationalgalerie erworben. Otto v.
Kamecke (Rhonegletscher und Alpenglühen vberhalb
dem Grindelwald) und Metzener (Landschaft aus den
italienischen Alpen) bewährten ihre schon oft erprobte
Kraft. Jansen inDüsseldorf kommt unter den jüngeren
hinsichtlich großer Auffassung der Gebirgsnatur den
älteren Meistern am nächsten. Fahrbach in Düssel-
dorf debütirte sehr glücklich mit einer Landschaft aus
dem Schwarzwald.

Die Stimmungsmaler der Mark Brandenburg,
Bennewitz v. Löfen, Scherres und Douzette,
waren, ein jeder durch seine Spezialität, — Sonnen-
untergang, Negenstimnrung, unv Mvndschein — trefflich
vertreten, während Werner Schuch in Hannover Ler
Lüneburger Heide kaum neue Reize entlockt. Eugen
Bracht in Karlsruhe, Deutschlands bester Terrain-
maler, weiß durch den Schmelz seines malerischen Vor-
trags dem violetten Haidekraut und dem gelben Sande
ganz andere koloristische Effekte abzugewinnen. Viel
höher stand jedoch eine Landschaft vvn der Jnsel Rügen
mit einer sandigen Straße im Vordergrunde, die ein
hügliges, leicht bewachsenes Terrain quer durchschneidet,
und schwarz sich zusannnenballende Gewitterwolken
darüber.
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