Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Pariser Salon.

stellungeii hervorragender Gefechte, an dencn Grcif
Niclas theilnahin, darunter zwei Ansichten des be-
lagerten Wiens. Die Pilasterflächen find niit reizenden
Ornamenten ausgefüllt, in deren Mitte je ein in gelb-
lichem Marmor ausgeführtes Medaillon mit dem Brust-
bilde eines berühmten Zeitgenossen Salm's wie Fried-
rich IV., Karl V. Ferdinand I., Georg Freundsberg
u. s. w. sich befindet. Die Deckplatte veranschaulicht
in Relief die knieende Figur Salm's vor dem Kreuze;
daneben sieht man den Salm'schen Wappenschild. Eine
lange Jnschrift meldet, daß Kaiser Ferdinand (äivus)
das Monument dem tapferen Feldhauptmanne, der
im Kampfe gegen die Wien bestürmenden Türken
eine unheilbare Wunde erhielt und am 4. Mai 1530
starb, errichten ließ.

Es ist zweifelhaft, ob alle Bestandtheile des heu-
tigen Monuments gleichzeitig angefertigt wurden; ja
es spricht die Vermuthung vielmehr dafür, daß die
Tumba ohne die heutige Deckplatte älter ist, denn
schon 1548 stand in der Dorotheenkirche,das Salm'sche
Monument, mit den Schlachtenbildern, während die
Deckplatte mit Rücksicht auf die Bezeichnung äivus
Vsräinunäus (si 1564) einer späteren Zeit angehört
und auch eher sür ein Aufstellen an der Wand bestimmt
gewesen sein dürfte. Wie die ursprüngliche Deckplatte
beschaffen war, ist ebenso wie der Begräbnißort Salm's,
das Schicksal des Leichnams und der Name der Künstler,
die an dem kunstreichen Werke arbeiteten, bis heute
nicht zu ermitteln.

Mit der Aufstellung des Monuments hat der
Alterthums-Verein einen glücklichen Wurf gemacht,
möge er in Hinkunft ebenso erfolgreich weiter wirken!

L. I..

Der jstariser 5alon.

II.

(Fortsetzung.)

Den Segen der friedvollen Häuslichkeit feiert
Lematte's für die Mairie des 13- Arrondissements
bestimmtes Kolossalgemälde „Die Familie", eine Zu-
sciminenstellung gut gezeichneter, matt gemalter Grup-
pen, welche die verschiedenen Lebensalter personi-
ficiren; daß die Langeweile mit im Rathe saß, mag im
Gegenstande liegen. Der Erfolg von Jules Garnier's
„Strafe der Ehebrecherin" 1877 hat dem diesjührigen
Salon zwei neue Darstellungen desselben Sujets ge-
bracht; Cabanel's und Bonnat's Schüler G alliac hat
in alten Chroniken gefunden, daß die Etrurier die
Schuldige lebendig an den entseelten Körper ihres
Geliebten fesselten und einem langsamen gualvollen
Tode preisgaben; der Russe Piatkowski läßt uns in
der Ilkrainc dem Sterbegebete lauschen, welches die an

den Kirchthurm gckettete Sünderin aus der Reihe dcr
Lebendigen strich; die Jtalienerin fleht noch mit Auge
und Geberde um Gnade, die schöne Russin blickt halb
starren Trotz, halb düstere Ergebung. Bei Schützen-
berger's „Weib Potiphar's" beeinträchtigt die fehler-
haste Berkürzung des noch auf dem Lager ruhenden
Beines den Gesammteindruck des im Kolorit wohl-
gelungenen BilLes.

An der Spitze der Elite auf dem mythologischen
Gebiete steht Jules Lefebvre's „lleberraschte Diana",
ein wirkungsvolles, allen akademischen Traditionen ge-
treues Gemälde im Stile der italienischen Meister.
Gewöhnlich Pflegt Lcfebvre sich bei seinen Dcirstellungen
auf eine, höchstens zwei nackte Gestalten zu beschränken;
seine „Frau auf dem Divan" von 1868 und seine
„Mcigdalenci" von 1876, Beide im Besitze von Ale-
xander Dumas, seine „Wahrheit" Vvn 1870 und seine
„Nymphe mit Bacchus" von 1866 im Luxembourg-
Palaste, sowie sein duftumwobener „Traum" von 1875
und endlich seine vielbewunderte „Mignon" von 1878
sind ebensoviel Proben davon; diesmal aber hat er
seiner eben dem Bade entstiegenen, von einem plötz-
lichen Geräusche „Ueberraschten Diana", sechs jugend-
liche, sich voll bangen Zagens um die Herrin drängende
Nymphen zugesellt. Der göttliche Zorn svwie die
züchtige Entrüstung spiegeln sich nicht nur auf den
Zügen, sondern in der ganzen Haltung Dianens, deren
röthlich blondes Haar frei über die Schultern wallt;
jede ihrer Begleiterinnen zeigt einen anderen Typus,
besonders lieblich ist die im Vordergrunde auf die
Knie gesunkene, im Profil geseh'ene zarte Brünette, jede
Einzelne ist ein anmuthiges Weib und zugleich ein
harmonisches Glied des Ganzen. Schade, daß Herr
Duncan dem Luxembourg zuvorgekonimen ist. Zum
Verständnisse und zur Würdigung von Henner's
„Ekloge" bedarf es einiger Vertrautheit mit der Mal-
weise und der Tendeyz des originellen Elsässers. Alles
ist bei ihm eigenartig, die dunkel gehaltene skizzenhafte
Landschaft und die kühne Zeichnung, die markigen
Pinselstriche und die geringe Variation in Stellung
und Ausdruck seiner Nymphen. Das Haar der flöten-
blasenden sitzenden Schönen zur Linken wallt schmuck-
los und struppig, im Nacken leicht zusammengehalten,
bis zuni Rasen nieder, die Genossin stützt stehend das
Haupt in die Hand und blickt dem Beschauer träume-
risch entgegen. Der Spiegel eines schlummernden Sees
und tiefes Waldesdunkel heben das mattgehciltene Ko-
lvrit der nackten Gestalten.

Gustav Dors, Ler vielseitige Mann der Ueber-
raschungen, trat in diesem Jahre mit einem mythv-
logischen Kolossalgemälde „Tod des Orphens" in
die Arena. Der geniale Elsässer ist gleich vertraut
mit dem Bleistifte wie mit dem Pinsel, mit dem Thone
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