Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Dis intsrnationale Kunstausstellung zu München.

innerhalb dcr lctzten drci Jahrzchnte hervorgebracht
hat, ans Paris zu verschreiben, um gegen die Prunk-
stückc der andern Sektionen anf jedem Gebiete ihre
Elitetrupstcn in's Feld zu schicken. Der ihnen ur-
sprnnglich reservirten Rotunde reihten sich zwei große
Säle an, was weniger durch die Zahl, als den Um-
fang -der 152 Gemälde bedingt wurde, denn auf dem
Marsfelde 1878 hatten die Deutschen 159 Bilder in
einem freilich sehr geräumigen Saale vereint. Daneben
murrten der 8isols und seine Genossen schon seit dsr
ersten Woche nach der Erösfnung über die Rohheit
der Deutschen, um deretwillen sie 1878 alle militäri-
schen Gemälde zurückgewiesen hätten und die den
Franzoscnhierzumutheten mit Werner's „Kaiserprokla-
mation" und einer Anzahl von . Schlachtenbildern:
Adam's, Emele's, H. Lang's Episoden aus dem letzten
KriegeundBleibtreu's „KvnigWilhelm eznpfängtbeini
Scheinc der Wachtfeuer durch Moltke die Siegesnach-
richt von Gravelotte" unter einem Dache auszustellen!
Camphausen's vorzügliches Neiterporträt KaiserWil-
helm's, Fab er d u F aur's schwaches Bildniß des deutschen
Kronprinzen, Steffeck's kleines Reiterporträt des Feld-
marschallS von Manteuffel, Richter's Porträts Kaiser
Wilhelm's und der Kaiserin Augusta und Angeli's
Bilder dcS dcutschen Kronprinzen und seiner Gemahlin,
konnten doch, selbst von dem kindischen Standpunkte
dcr Franzosen aus, nnmvglich als politische Mani-
festationcn aufgefaßt werden, und Lenbach's Bismarck
und Moltke trafen erst ein, nachdem die französische Presse
wcidlich gehetzt und geschürt hatte. So herrschte Ver-
stimmnng iu beiden Lagern, dvrt über deutsche 11n-
gastlichkcit, hier, mit niehr Berechtigung, über die un-
crlaubte Verzögerung und die Einzelstellimg, welche
die Leiter dcr französischen Sektion sich anmaßten; aber
als die Pfortcn sich cndlich aufthaten, wich die böse
Laune der Bcfriedigung über das wohlgelungcne Werk
und der Freude über das kiinstlerische und einheitlich
schöne Enscmble.

Die Plastik ward auch hier zu dekorativen Zwecken
verwendet. Rings um das von grünem Strauchwerke
umrahmtc Bassin reihen sich die neuesten Erwerbungen
der Regierung vom Pariser Salon aneinander, wie
denn überhaupt mehr als die Hälfte alles Eingesandten
Staatseigenthnm ist. Schvnewerk's „Am Morgen"
und Lenvir's „Junger Faun zwei Hahnen kämpfen
lassend" bilden Pendants, am ersten Eingange Vvn
Jtalicn aus, und unweit des gegenüberliegenden, welcher
zum zweiten, Frankreich gewidmeten Saale führt; zur
Rechten geht es nach einem Saale, wo Rußland,
Amerika, Dänemark, Jtalien und England bunt durch-
einander gewürfelt sind, zur Linken zum Hanptsaale
der Aguarelle. Barrias' schöne Bronzebüste vertritt
hier Munkacsh, dessen Milton lange ausblieb, angeblich

weil den llugarn die gewünschte eigene Jurp nicht
bewilligt wurde, schließlich aber doch noch eingetroffcn
nnd freistehend in einem der deutschen Säle aufgestellt
ist^). Mit ebensoviel kluger Berechnung wie Ge-
schmack haben die französischen Kommissäre, an deren
Spitze George Lafenestre steht, in dieser Rotunde das
Beste zu vereinen gewußt. Zur Rechten von dem
Eingange zum zweiten französischen Saale repräsentirt
Breton's „Schnittsrin" den RealiSmus iu seineredelsten
Form, zur Linken bringt Lefebvre's „Wahrheit" die
akademischen Traditionen zur schönsten Geltung. Beide
Bilder gehören der Galerie des Luxembourg-Palastes
an und befanden sich schon auf dcr letzten Pariser
Weltausstellung; wer diese sowie die Salons der letzten
Jahre besuchte, wird überhaupt, mit Ausnahme einer
Anzahl von Gemälden aus der Privatsammlung des
Staatssekretärs Turguet, aus der Galerie der Kunst-
handlung Goupil und Cie. und einigen aus kleineren
Privatsammlungen geliehenen Werken, in Müuchen
wenig Neues finden. Gleich in der Rotunde werden V e y-
rassat's „Auskunft", Barillot's „Sümpfe vonHaute-
but", Chabal's „Rosenbaum aus meinem Garten",
Hanoteau's „Frösche", ein humorsprudelndes Jdyll in
schönster landschaftlicher Umgebung, Bertrand's „Ga-
latea" und Gust. Moreau's „Orpheus", sowie der sich
darunter hinziehende Kranz köstlicher Landschaftsbilder
aus der älteren Schule, Diaz, — von dem auch einc
„Himmclfahrt Mariä" vorhanden ist — Corot, JuleS
Duprö, Daubigny und Franyais, Vielen bekannt s,ein.
Das im Privntbesitze befindliche Gemälde: „Der Wols
von Agubbio", Bicrson's Jllustration einer der selt-
samsten Legenden, wird dagegen manches Kopfschütteln
erregen; auch der „Heilige Jsidorus" desselben jungen
Künstlers, sowieDuez' „Heiliger Cuthbert", Wcncker's
„Heilige Elisabeth" undMoreau vonTours' „Blanca
von Castilien" wurden nicht daheim gelassen und sind
in den anderen Sälen vertheilt. Dieses Streben, jedes
Gemälde durch die Umgebung zu heben und es ini
besten Lichte zu zeigen, verleiht der französischen Ab-
theilung ein bedeutendes Uebergewicht über die aller
übrigen Nationen, wo das Münchener Ausstellungs-
komits die Kunstwerke planlos unterbrachte und sich
selbst, seincn Protegss oder den ihre Jnteresscn persön-
lich vertreteuden Meistern die besten Plätze reservirte.
Bei der Entscheidung über die Wahl des Einzusendendeu
mögen sich auch in Frankreich kleiue Jntriguen ein-
gemischt haben, die Anordner im Glaspalaste standen
iiber den Parteien und so muß es sein, wenn ein der-
artiges Unternehmen glücken soll.

Nachträglich sind auch Ansslm Feuerbach'Z „Titanen-
kampf" und „Medea" noch eingetroffen und nmrden in nner
besonderen Rüumlichksit auSgestellt.
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