Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Parissr Salon.

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sind vortrefflich wiedergegeben, der Bildhauer hat seine
Anfgabe treu erfüllt. Auch Falguiöre führte nns nur
cine dekorative Arbeit, die vom Ministerinm der schvnen
Künste für die Genovefakirche bestimmte Marmorstatne
St. Vincenz de Paula's vor, ein Werk von feiner Em-
pfindung und tadelloser Technik. Der Heilige hält zwei
verlassene Kindlein im Zipfel seines Mantels, und die
zarten Wesen schlummern süß an seiner Vaterbrust;
fast möchte man die Proportionen der Säuglinge zu
zart im Verhältnisse zu denen ihres Protektors nennen,
wenn der Gegensatz nicht Absicht wärc, um die Hilf-
losigkeit schärfer hervorzuheben. Der milde AuSdruck
der Züge und die ganze Haltung entsprechen dem
Gegenstande. Falguiore hat nicht umsvnst bei den
letzten Weltausstellungen 1867 und 1878 die Ehren-
medaille davongctragen; wäre er nicht Mitglied derJnry
gewesen, so wllrde sie ihm wohl auch diesmal zu Theil
geworden sein. Ein für das Grab Michelet's be-
stimmtes Basrelief Mercib's verkörpert den poetischen
Wunsch des großen Historikers und sinnigen Ver-
fassers von „l'oisonu" und „i'inssoto", an seinem
Grabe möge, den Vögeln des Himmels zur Labe, eine
immer sprndelnde Quelle fließen. Obcrhalb des Ent-
seelten, ruhig Schlummernden, deutet ein Genius die
Auferstehung der Seele an; am Sockel wird das
Wasser rieseln. David d'Angers hat die schöne Sitte,
den hervorragendcn Staatsbürgern entweder an ihrcm
Gebnrtsorte oder da, wo sie hauptsächlich schafften
und wirkten, Statuen zu errichten, durch Wort und
That angeregt, und keine größere Stadt möchte jetzt
znrückbleiben. Merciö's für Perpignan bestimmtes
Standbild Arago's und Banjault's Statue Oberst
Denfert-Rochereau's sind nene Beispiele von der Ein-
führung dieses antiken Brauches. Bei Arago hat die
Porträtähnlichkeit gelitten, seine Freunde finden den
Kopf zu unbedeutend, die Gewandung zn eng an-
schließend für den die freie Bewegung liebenden Ge-
lehrten; daS geschmackvolle Relief des Sockels: „Der
junge Arago liegt in seine Studien versunken unter
einem Baume", wird durch die Uebertragnng in Mar-
mor noch bedeutend gewinnen. Der heldenmüthige
Vertheidiger von Belfort, einer der tapfersten und
tüchtigsten französischen Genieofficiere aus dem letzten
Kriege, steht mit gekrenzten Armen, den gezogenen
Degen in der Rechten, da. Dumilatre, der Be-
sitzer einer Medaille erster Klasse vom vorigjährigen
Salon, stellte eine wunderbar ähnliche Gypsbüste des
Obersten aus.

Einen der Glanzpunkte unter den Skulptnren
bildet Sain t-M arceau x's „ Das Geheimniß des Grabes
bewahrender Genius", das marmorgewordene Spmbol
der Majestät des Todes. Seit mehreren Jahren hat
Saint-Marceaux keiuen Thcil am Salon genommen,

um mit einem Meisterwerke, das ihn zum Haupte des
ganzen jüngeren Nachwnchses stempelt, wieder in die
Arena zu treten. Einen Cppressenkranz auf den Locken, —
wir hätten ihn etwas weniger voll gewünscht, — legt der
jäh aus stiller Beschaulichkeit aufgescheuchte Genius in
banger Furcht vor einer Entweihung des seiner Obhut
anvertrauten Grabes, beide Arme mit zurückgebogenem
Oberkörper schützend um die Aschenurne und schickt sich
an, ihr bsdrohtes Geheimniß gegen einen unsichtbaren
Feind zu vertheidigen. Die durchaus natürliche und
doch ideal gehaltene rasche Bewegung, die nur von den
weiten Falten eines Leichentuches umflatterten, wohl-
proportionirtcn Gliedmaßen mit den im ersten Auf-
schrecken scharf gespannten Muskeln, das unter dem
Marmor pulsirende Leben und die mit feinster Berech-
nnng bald gedämpfte bald kräftige Meißelführung, durch
welche Licht und Schatten zu Bundesgenossen des
Künstlers werden, sichern dem Genius des Grabes den
ungetheilten Beifall der Sachverständigen. Jn größere
Dimensionen übertragen, würde das Werk noch an
mächtiger Wirkung zunehmen.

„Am Morgen" nannte Schönewerk die ver-
körperteAnmuth, das lieblichste, eben aus demSchlummer
erwachte Mägdlcin; im Bcgriffc, die Schuhe anzuziehen,
sitzt sie gänzlich nnbekleidct am Boden und erobert alle
Herzen im Flugc; die svrgfältigc Ausarbeitung gestattet
dic Besichtigung von allen Seiten, der zarte Rücken
ist nicht minder wohlgebildet als der jungfränliche
Nacken, das zarte Profil, die gesenkten Arme und dic
kleinen Füße; das Kunstwerk wäre des Luxembourg-
Palastes würdig. Das Ministerium der schönen Künste
kaufte 1872 des Künstlers „jsuns InrsutinsH 1873
seine „jsuns tills s, 1u kontnius". -— Bvrjesson's
„Verlassene Psyche" verliert bedeutend durch die Nach-
barschaft; die Zöpfe schmucklos um das Haupt gewun-
den, birgt sie das Antlitz in beiden Händen; der Ge-
danke ist sinnig, die Arbcit ungleichmäßig.

Wieder ein Grabmvnnment! Diesmal zum Ge-
dächtnisse des Generals Don Jose San Martinv in
seiner Eigenschaft als Begründer der Unabhüngigkeit
Peru's und Chili's; das Gypsmodell, dessen Held unS
zu fern steht, um tieferes Jnteresse zu erwecken, ging
aus dem Atelier von Carrier-Belleuse hervor. Die
Marmorbüste des Deputirten Menier bildet auch bei
ihm die Zugabe, der freie Flügelschlag des Schaffens
mußte sich in diesem Jahre den Bestellungen unter-
ordnen. Chapu machte es ebenso. Der Bildhauer
der „Jeanne d'Arc in Domremy" Leschränkte sich auf
eine Büste von Aristides Boucicaut, dem Begründer
des Lcm innrvks, und^Lie meisterhafte Porträtstatuette
eines Knaben von eleganter freier Haltung und mit
ausdrucksvvllen Zügen. Für Chapu hat die Technik
kein Geheimniß mehr; dic Aehnlichkeit muß frappant
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