Büttner, Andreas
Der Weg zur Krone: Rituale der Herrschererhebung im spätmittelalterlichen Reich — Mittelalter-Forschungen, Band 35,1: Ostfildern, 2012

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Herrschererhebungen des Spätmittelalters

Gerade was die Anzahl der abgegebenen Stimmen angeht, war die Lage jedoch
wenig eindeutig, da wie eingangs geschildert verschiedene Kurstimmen von mehr als
einem Fürsten beansprucht wurden. Folgt man den Wahldekreten der beiden Lager, so
nahmen insgesamt neun Kurfürsten an der Doppelwahl teil, von denen fünf für Lud-
wig und vier für Friedrich stimmten. Doppelt abgegeben wurden die Stimmen von
Böhmen und Sachsen, während der sich zeitweise im Lager Friedrichs befindende
Markgraf Heinrich von Brandenburg einige Tage später der Wahl Ludwigs seine Zu-
stimmung gab/^
Vergleicht man diese offiziellen Dokumente mit den historiographischen Quellen,
so zeigt sich, dass Letztere zwar keinen genaueren Einblick in den Ablauf der Erhe-
bungsvorgänge, sehr wohl aber Einsichten in die Wahrnehmungen der Zeitgenossen
ermöglichen. Die Anzahl der Stimmen, die die beiden Kandidaten den Chronisten zu-
folge erhielten, wies dabei eine gewisse Bandbreite auf. Stets wurde jedoch Ludwig eine
Stimmenmehrheit attestiert, wobei sich sowohl die den Wahldekreten entsprechende
Zählung fünf zu vier'"" als auch die Spielarten fünf zu drei/"" fünf zu zweies oder vier
zu drei""" finden/ '" Die letztgenannte Kombination von vier rechtmäßigen Stimmen für
Ludwig (Mainz, Trier, Böhmen, Brandenburg) und drei Stimmen für Friedrich (Köln,
Pfalz und Sachsen) wird auch von der modernen Forschung in der Regel als die >rich-
tige< Zählung angeführt, doch zeigen die Berichte ebenfalls, dass in der Zeit selbst
durchaus unterschiedliche Deutungen und Wahrnehmungen existierten."^

735 Ebd., Nr. 104, vom 23. Oktober. Die Cronica S. Petri Erfordensis moderna, S. 345f. berichtet, Wal-
demar habe Heinrich dafür mehrere Städte und Befestigungen übereignet, was durchaus
geschehen sein kann (Regesten der Markgrafen von Brandenburg aus askanischem Hause,
Nr. 2359). Die bei Matthias von Neuenburg und Heinrich von Herford zu findenden Ausfüh-
rungen über den Brandenburger Parteiwechsel erst unmittelbar vor der Wahl widerlegt SALO-
MON, Die brandenburgische Stimme bei der Doppelwahl 1314, S. 211f.
736 Mainz, Trier, Böhmen, Brandenburg (Waldemar), Sachsen gegen Köln, Pfalz, Böhmen, Branden-
burg (Heinrich) bei Johann von Viktring, Liber certarum historiarum, 1. V, Rec. A2, S. 104,
Anm. / Annales Lubicenses ad a. 1314, S. 424; Giovanni Villani, Nuova Cronica, 1. X, c. 67, S. 269f.
737 Chronica Ludovici imperatoris quarti, S. 124, nur mit der Gesamtzahl der Stimmen und den
Wählern Ludwigs als pars sanz'or.
738 Mainz, Trier, Böhmen cf puMam aE'z' gegen Köln und Pfalz bei Chronica de gestis principum,
S. 79, wo die Wähler Ludwigs ferner als pars sazzz'or ud md/'or bezeichnet werden. Mainz, Trier,
Böhmen, Brandenburg und Sachsen gegen Köln und Pfalz bei Gesta Baldewini, 1. III, c. 1, S. 233f.
739 Mainz, Trier, Böhmen und Brandenburg gegen Köln, Pfalz und Sachsen bei Peter von Zittau,
Chronicon Aulae regiae, c. 125, S. 226; Benesch von Weitmiihl, Cronica ecclesiae Pragensis, 1. III,
S. 471; Sächsische Weltchronik. Erste Bairische Fortsetzung, c. 27, S. 335; Heinrich Taube von
Selbach, Chronik, S. 30f.; Matthias von Neuenburg, Chronik, c. 38, S. 98, der als einziger auch
ausführlicher auf die Vorverhandlungen eingeht (S. 95-97). Mit Sachsen statt Brandenburg bei
Annales SS. Udalrici et Afrae Augustenses ad a. 1313, S. 435.
740 Eher auf die Vorverhandlungen in Rhens als auf die Frankfurter Wahl scheinen sich Martini
Continuatio Coloniensis, S. 368 und danach Edmund de Dynter, Chronica nobilissimorum du-
cum Lotharingiae et Brabantiae ac regum Francorum, 1. V, c. 70, Bd. 2, S. 494 zu beziehen, wenn
lediglich zwischen den Anhängern Friedrichs (Köln, Pfalz) und Ludwigs (Mainz, Trier, Böh-
men) unterschieden wird. Ohne genaue Zahlenangaben, aber mit dem Hinweis, dass weniger
für Friedrich als für Ludwig stimmten. Die Kölner Weltchronik 1273/88-1376, S. 71f. Vollkom-
men falsch werden die Wähler bei Heinrich von Herford, Liber de rebus memorabilioribus sive
Chronicon, c. 99, S. 230f. benannt (Mainz, Sachsen, Pfalz und Brandenburg für Ludwig, Köln
und Trier für Friedrich, keine Beteiligung des Königs von Böhmen).
741 Dass diese stark durch den jeweiligen Standpunkt beeinflusst wurden, zeigen die oben,
Anm. 737 und 738 angeführten Beispiele.
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