Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER » 1908, FEBRUAR.

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die Villenstrasse ist
das ja, und es würde
sich lohnen, auch
diese einmal auf ihr
ästhetisches Rück-
grat anzusehen,
doch sei sie hier aus
räumlichen Rück-
sichten ausgeschal-
tet. Es soll nur von
der Idee gesprochen
werden, durchaus
städtische Strassen,
ununterbrochene
Häuserzeilen durch
Vorgärten zu „ver-
schönern“. Diese
Idee ist erst der Zeit
des absterbenden
Romantizismus auf-
gegangen. Weder
Mittelalter noch Re-
naissance haben ge-
glaubt, das Stras-
senbild durch Vor-
gärten verschönern
zu können. Sie
waren für reinliche
Scheidung: die
Strasse sei Strasse;
Garten der Garten;


Arch. Hart & Lesser, Berlin.

Landhaus Troplowitz, Grünewald, Delbrückstrasse.

seelenfüllend und
unsere Eigenart und
Stärke ausspre-
chend! Es sei ein
ganzes Kunstwerk,
was wir euch zeigen;
nicht „mit etwas
Natur drin“, wie
Bilder in die z. B.
ein Vogel mit natür-
lichen Federn hin-
eingeklebt ist. Und
das gab die Stim-
mung der Grösse
und Einheitlichkeit.
Erst unserer Zeit
erwuchs die Photo-
graphenästhetik:
„ Bitte, recht f reund-
lichl“, undwirscho-
bendas„freundliche
Grün“ in die Stras-
se, das Grün, das
zumVerstauben und
Verkümmern an die
Strassegesetzt wird,
das niemanden zum
Verweilen laden
darf und das nur
den Unterschied
uns in die Augen

nur kein Gemengsel! Dem lag die natürliche Scheu zugrunde,
absichtlich ein Gegeneinanderspiel der Eindrücke herbeizu-
führen : Kunst und Natur zu einheitlicher Schönheitswirkung zu
vereinen, ist eine der höchsten ästhetischen Aufgaben; dass ein

Landhaus A. Wienkoop, Eberstadt.


halber Zufall, der ja doch bei der Schaffung der Häuserzeile
die Hauptrolle spielt, sie lösen sollte, ist von vornherein
höchst fragwürdig. So begnügte sich der gesunde Sinn der
Vorfahren mit der Wirkung der Strassenwandung. Gab sie
doch auch das prägnanteste Bild des Wesens und Fühlens
der Städter. Gelegentlich ein Rosenbusch, ein Efeugerank an
einer Mauer, eine einzelne schöne Linde: das gab eine seltene
Note; das eigentliche Konzert aber gab die Architektur, so
in Nürnberg wie in Florenz, in Insbruck -— wo die Natur
doch gewiss sonst ein gewaltiges Lied in die Strasse hinein-
singt — wie in Wien, in Hamburg wie in Paris. Sind doch
selbst die berühmtesten Platzanlagen ohne Rasen, Büsche
und Bäume gewesen und geblieben; der Markusplatz Venedigs,
Veronas Piazza Erbe, Bolognas und der Florentiner Markt-
platz, der Vorplatz von St. Peter gar in seiner gewaltigen Weite,
ja, noch bis zur gähnenden, eisigen Oede der Vorhof des
Versailler Schlosses: sie alle und alle die herrlichen Plätze
im Vaterlande, in Halle, Goslar, Hildesheim, Halberstadt,
Frankfurt a. Main, Nürnberg usw., sie alle wollten nur als
Stadtbilder wirken, als ob ihre Schöpfer gewusst hätten: was
wir da machen, das ist schon genug und einheitlich und

kreischt, wie die Natur draussen so herrlich und in der Stadt
so verkümmert ist. Es ist die letzte verebbende Welle
Rousseauscher Naturschwärmerei und sentimental vertrottelter
Romantik, die sich an dem „bisschen Grün“ ergötzt, das
deutlichste Lebenszeichen desWechselbalges„Bildungsästhetik“,
das unsere Zeit gezeugt hat, seit ihr die gesunden Sinne hinter
philologischen Phrasen verschwanden, seit sie sich gewöhnte,
auf Schlagworte hin Begeisterung zu fühlen, statt auf Eindrücke.
„Das herrliche Grün“ ist solch Schlagwort.
Nun, man kann es dem Grossstädter schliesslich nicht ver-
denken, wenn er sich in die Natur zurücksehnt, nachdem er
Tag aus Tag ein auf die Stuck-Beulenpest der gegenüberlie-
genden „hoch-
modernen“
Zinshäuser hat
starren müssen.
Aber dass er
dann mit der
krüppelhaften
Natur, mit der
Natur hinter
Schloss und
Riegel vorlieb
nimmt, ist eben
nur durch die
Bildungsästhe-
tik erklärlich,
die da glaubt,
statt zu sehen.
Denn man
betrachte doch
nun einmal, was
in Wirklichkeit
mit den Vor-
gärten, die ja,
gerichtsnoto-
risch sogar, le-
diglich aus
ästhetischen
Rücksichten in
die Stadtpläne
hineindestilliert


sind, für den

Arch. Gebr. Rank, München.

Haus Eberhardt, Ulm.
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