Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER « 1908, MÄRZ.

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Zugleich fing die Technik an, das
Antlitz unserer Erde zu zerschneiden
und umzugestalten nach allen Rich-
tungen hin. Die Technik baute auch:
Kanäle, Strassen und Brücken nicht
nur, sondern auch Gebäude unternahm
sie. Aha, s.agte sich darauf die auf-
merksame Zeit: diese verflixt er-
staunliche Technik mit ihren phäno-
menalen Kunststücken, das ist die
neue Baukunst unserer Zeit. Der Bau-
techniker, das ist halt ein Baukünstler.
Die Ingenieurwissenschaft, die so famos
rechnen kann, sie ist eine Kunst.
Kunstwerke aber werden nicht wie
die Kunststücke errechnet, sondern
erträumt. Ist eine Zeit erst einmal so
weit vorgeschritten, dass sie den
Unterschied zwischen Rechnen und
Träumen nicht mehr wahrnimmt, dann
ade, ihr Musen und Grazien.

Kurhaus in Pyrmont.

Allerdings ist jedes Kunstwerk
auch ein Stück Rechnung mitten im

Nur keine Rückständigkeiten! Vorwärts — lautet die Losung.
Und so rast alles, was irgendwie Beine hat, hinter dem
Fortschritt her, ihn tragen zu helfen; bis ganz bestimmt
eine Ecke am Wege kommt, wo ein Licht der ernüchterten
Besinnung vom Himmel fällt, bis männiglich erkennt: Donner-
wetter, was für ein Kreislauf! Welch eine Sackgasse!

Traum. Und ganz besonders das Werk der Baukunst, das
wohlgegründet auf der festen Erde stehen und nicht von
Gedanken und bunten Träumen, sondern von ganz gewöhn-
lichen, gebrechlichen Menschen bewohnt werden soll, be-
darf der genauen Berechnung wie kaum eines sonst. Wenn
es nichts nütze ist, seinen Zweck nicht erfüllt, so ergötzt es

An eine solche Wegecke mit frei-
erem Rückblick aufs Vergangene sind
wir jetzt geraten. Wenigstens die
Avantgarde der Zeit und ihres Geistes
steht da und sieht die Nebel fallen.
Die grosse Herde keucht noch hinter-
drein, aber auch sie hat bereits den
Wind bekommen und mit ihm eine
dunkle Witterung vom Neuen. Es
wird ihr unbehaglich und unsicher
zu Mut, dieser Herde. Sie weiss nicht,
was, sie ahnt nur, dass irgend etwas
in der Luft liegt. Dieses Etwas ist
ein neues Kunstgefühl, und die Bau-
meister scheinen durch ihre Kunst
als die Ersten berufen, ihm einen
kräftigen, weithin sichtbaren und über-
zeugenden Ausdruck zu schaffen.
Durch ihre Kunst. Das Gefühl für
diese Kunst war das erste, das uns
verloren ging. Nicht nur in den Wer-
ken der Baukunst selber, sondern
auch überall da, wo tektonisches


Empfinden bestimmend hereinspielt;
wo man vom „Aufbau“ spricht und
vom Rhythmus, von Massenwirkung, Raumgestaltung und
Linienführung: da setzte die selbstsichere Kraft des Bildens
und Bauens aus und verschwand wie ein Wasser in der Erde,
geheimnisvoll und scheinbar unwiderruflich. Anstatt dessen
trieb dann ein dürftiges, künstlich hergeleitetes Gewässer aus
dem historischen Sammelbecken unsere Mühlen.

Kurhaus in Pyrmont.
nicht, und mag es noch so hoch und herrlich geträumt sein.
Weil nun den Baumeistern das Träumen eingefroren oder
zeitweise versiegt war, ging es ganz begreiflich zu, dass die
Rechenmeister obenauf kamen. Sie sind es gewesen, die uns
lange genug Kirchen und Schulen, Museen und Theater,
Amtsgebäude, Bahnhöfe und Markthallen, Wohnhäuser in


Stadt und Land gebaut haben; sie
haben uns die Städte erweitert und
die Dörfer verstädtert. Und wir haben
zu alledem teils ja und Amen gesagt,
teils aber auch mit kräftiger Brust-
stimme Hurra geschrieen. Wir waren
vom Zeitgeist wie besessen.
Doch wollen wir beiden Teilen nicht
Unrecht tun: in dieser fanatischen
Rechenmeisterei jener Tage und in
dem Entzücken über ihre Ergebnisse
lebte doch mehr als ein dünkelhaftes
Banausentum, es wurde wirklich Posi-
tives mit nicht gewöhnlicher An-

Arch. Jos. Schmeissner, Nürnberg.

Landhaus Dr. Soldan in Fürth. Automobilschuppen.
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