Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER » 1908, APRIL.

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Arch. Alfred Messel, Berlin.

Nationalbank für Deutschland, Berlin. Oberlicht im Kassenhof.

Höfen namentlich im 17. und 18. Jahrhundert und trotz der
unwiderlegtenTatsache, dass die Frauen an diesen Hofhaltungen
just nicht die unbedeutendste Rolle spielten, mangeln doch
die Merkmale der berechtigten weiblichen Einwirkung. So
liegt selbst in dem Bau ihrer Residenzen etwas Cölibatäres —

neren Einrichtung aus. In beiden Schlössern entfaltet sich
der Geschmack der Zopfzeit. Dort aber erweckt er im Be-
schauer nur die kalte Bewunderung der verschwenderischen
Pracht, hier überkommt ihn das Gefühl, als habe eine zarte,
sinnige Frauenhand die Ausschmückung dieser Säle und

noch entschiedener in jenen
der Domherrenhöfe und da wir
beiden eine allgemeine Wir-
kung auf die Physiognomie
der ganzen Bischofsstadt zu-
trauen, so möchten wir auch
diesen besonderen Einfluss
gelten lassen. Ein Beispiel für
viele! Ziehe man eine Parallele
zwischen dem Prachtbau des
Würzburger Schlosses, wel-
ches drei gleich kunstliebende
Fürsten (zweiGrafen v. Schön-
born und ein Frhr. v. Hutten)
durch den Obristen Neumann
von 1720 bis 1744 aufführen
liessen, und der neuen mark-
gräflichen Residenz zu Bay-
reuth, deren Vollendung nahe-
zu in dieselbe Zeit (1754) fällt,
so fühlt man alsbald trotz
der Aehnlichkeit des Stils den
Unterschied durch. Dort die
stolze, grossartige Pracht, die
aber ungeachtet der freien
sonnigen Lage des Schlosses
etwas kalt und zurückhaltend
anmutet. Hier zwar ein minder
erheblicher Pomp, bei dessen
Anblick sich überdies das Ge-
fühl regt, als sei die Wirkung
hinter der Absicht zurückge-
blieben und als hätten — wie
es vielleicht auch der Fall
war — die Mittel nicht so weit
gereicht wie der Wille — bei
alledem aber der Eindruck
des Heimlichen und Familien-
haften. Noch auffallender


Zimmer geleitet. Es liegt in
diesem der bürgerlichen Be-
schränktheit so ferne stehen-
den Glanze dennoch etwas
Heimliches und Gemütliches.
Es wurde erwähnt, dass in
den Bischofstädten namentlich
auch die alten Domherrenhöfe
diese kalte, einsame klöster-
liche Physiognomie tragen.
Das fällt in Würzburg, Bam-
berg und Eichstätt gleichmäs-
sig auf. Selbst jetzt noch, wo
diese Gebäude mit jenen weiten
Einfahrten, die in Würzburg
fast in einen halben Zirkel-
bogen gesprengt sind, mit ihren
raumverschwendenden Vor-
hallen und Korridoren von
Privatfamilien bewohnt sind,
sehen sie noch immer leer und
vereinsamt drein. In manchen
herabgekommenen Reichs-
städten, wie z. B. Rothenburg
an der Tauber, stehen die alten
Patrizierhöfe teilweise ganz
leer und befinden sich eben
nicht im besten baulichen Zu-
stande. Dennoch muten diese
menschenleeren Häuser wohn-
licher an, als jene berühmten
Domherrenhöfe. Man fühlt,
dass sich dort mit Weib und
Kind bald eingewöhnen liesse,
dass man hier eine Heimat
gründen könnte, während man
hier höchstens die vorüber-
gehende gleichgültige Rolle
eines Mietsmannes überneh-

spricht sich dies in der in-

Kassenhof.

men möchte. Dass auch das
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