Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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borenen und großgewordenen Künstler ein-
mal in repräsentativer Weise vorgeführt
wird.
DORTMUND
Am 28. November eröffnete die „Vereini-
gung westfälischer Künstler und Kunst-
freunde“ ihre zweite Ausstellung in der Aula
der Kunstgewerbeschule. Sie umfaßt etwa
400 Handzeichnungen und Aquarelle, wäh-
rend die Große Ausstellung im Januar d. J.
eine Überschau über alle Zweige des westf.
Kunstschaffens einschließlich der Architek-
tur brachte. Im Gegensatz zu der Januar-
veranstaltung, welche, auf breiterer Grund-
lage stehend und tiefer in die Vergangen-
heit zurücktauchend, die klare Spiegelung
des ausgesprochen gegenwärtigen Kunst-
wollens vermissen ließ, gibt die jetzige Aus-
stellung ein gut erfaßbares Bild von der
heutigen Kräfteverteilung in der Provinz.
Der Schwerpunkt liegt bei Chr. Rohlfs’
und P. A. Böckstiegels großformatigen
Aquarellen, welche der Art ihrer Ölgemälde
aufs engste verwandt sind. Nur erscheint
die inbrünstig glühende Farbigkeit der Bö ck-
stiegelschen Bauemköpfe auf den Aquarel-
len wärmer und geschmeidiger. Gleich hoch
stehen die Zeichnungen. Dank verdient die
Berücksichtigung des im Kriege gefallenen
Wilhelm Morgner, von dem man ein
paar interessante Köpfe sieht. Von den Ver-
tretern des Nachexpressionismus fallen auf:
Franz Marten, Düsseldorf (Aquarelle),
H. A. Burgardt (italienische Städtezeich-
nungen), Theo Hölscher (Zeichnungen),
G. Brandt (Aquarelle, fast schon ornamen-
tal gesehen). Zwischen den Zeiten stehen
Fritz Burmann und P. H. Schoedder
sowie Otto Coester, Barmen, und W i 1 -
heim Wessel. Übrigens ist es wahr-
scheinlich, sogar fast bestimmt, daß bei der
Fülle der eingegangenen Arbeiten (800)
manches für das Gesamtbild Wesentliche
zurückgestellt worden ist. H. Ossenberg.
DRESDEN
Hugo Erfurth stellt in seinem graphi-
schen Kabinett den Ertrag seines dreißig-
jährigen Schaffens als Lichtbildner aus.
Es ist für den Laien nicht leicht, die Lei-
stung sachlich zu beurteilen, wo heute die
Photographie bei vielleicht go% der Men-
schen die Anschauung der Welt bestimmt.
Als Erfurth 1896 vom Amateur zum Be-
rufsphotographen überging, war diese
Kunst zum öden Handwerk degradiert, aus
dem sie Erfurth als einer der ersten und
fähigsten in Deutschland herauszog. 100
Bildnisaufnahmen zeigen den Weg des
Menschenkenners und Künstlers, der sich
gern von Malerfreunden (Zwinkscher bis
Kokoschka) für seine Arbeit anregen ließ,

ohne je in falsche Konkurrenz mit ihnen
zu treten, und abseits vom Publikumsge-
schmack seinen Weg ging. Die Ausstellung
enthält gleichzeitig die vollständigste
Kollektion wesentlicher Zeitgenossen
(Steinhausen bis Dix, Hauptmann bis Kolb),
das beste Quellenmaterial für physiogno-
mische Studien. — Zufällig hängen zu der-
selben Zeit in der „Fides“ Proträtauf-
nahmen von Genja Jonas, Dresden, eben-
falls hohe Qualität und trotz der Nähe
keine Initiation. Auf Erfurthschen Erfah-
rungen fußend konnte sie sich von vorn-
herein spezialisieren und legte den Akzent
auf die Momentanität einer verräterischen
Geste oder Lineatur im Gegensatz zu dem
Insichruhen bei Erfurth.
Die Galerie Baumbach stellt erst-
malig den Westfalen Schabbon aus, einen
jungen in Dresden arbeitenden Maler, der
noch in den Anfängen, aber in eignen An-
fängen steckt. Die Bilder sehen alle sehr
einfach aus, in Gegenstand und Form fast
reizlos, aber im Verzicht scheint seine Kraft
zu liegen, in der Selbstbeschränkung. Daß
Schabbon auch etwas „zeigen“ könnte,
sieht man an den Zeichnungen und Aqua-
rellen, wo er sich mehr gehen läßt. Man
wird sich den Namen notieren. — Der alte
Curt Herrmann, Berlin (f 1854), zeigt alte
und neue Arbeiten bei Kühl. Er war einmal
den großen Neoimpressionisten sehr nahe,
ist trockener und wahrer in den Berliner
Straßen und Brücken, und findet in den
letzten Blumen zu den gegenstandsfernen
Farbenkompositionen zurück; das Alter
lockert Auge und Hand und formt den Ab-
gesang. Will Grohmann.
KIEL
Ausstellung Schleswig-Holsteinischer Künstler
Diese Ausstellung, deren Veranstaltung
das Verdienst Haseloffs ist, beweist einmal
die Existenz einer „Schleswig-Holsteini-
schen“ Kunst, sodann zeigt sie Arbeiten
junger Talente, von denen einige eine Zu-
kunft haben dürften. Leitmotive der Aus-
stellung war: Zusammenfassung aller aus
Schleswig-Holstein stammenden Individua-
litäten. Das Resultat: eine Kunstschau auf
provinzieller Basis beruhend ohne jegliche
provinzielle Note, von reichsterMannigfaltig-
keit der Richtungen und Persönlichkeiten,,
beherrscht von einer gemeinsamen, aus der
Stammesgleichartigkeit der Künstler sich
ergebenden Atmosphäre. Die Hauptexpo-
nenten dieser Kunst, Rohlfs, Nolde, Bar-
lach, interessieren hier in der Verbindung
mit den anderen Repräsentanten, denen sie
ebenso nah wie fern stehen. Von den Be-
gabungen der jungen Generation seien Kay
H. Nebel, der soeben die Ausmalung des
Landratsamtes in Schleswig vollendet hat
und über einen delikaten malerischen Vor-

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