Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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eidelbtrgrr Zeilung.

KreisverUindigMlgsblatt für den Kreis Heidelberg und aintliches Verkündigungsblatt für dic Amts- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg nnü Wicsloch md den Amtsgerichtsbezirl Neckargemünd.


Sonntag, 7- Zanuar


L8«G

Bestellangen auf die „Heidelberger
Zeirung" «ebst Beilage „Heidelber-
ger Familienblätter" für das mit I.
Januar 1886 bcgonnene 1. Quartal
werden fortwäkrend angenommen.

- Die Expcdition

' Politische Ilmschau.

» Neben dem Blicke auf die etwas räthsel-
hafte sranzösifch-italicnische Allianz ist di- Luf-
mcrksamkeit unserer ZeitungSleser am meisten
noch auf Ungarn gerichtet. We Erwartungen
auf eine Aussöhiiung der Wiener Hofburg mit
Ungarn und damit zugleich auf einc AuSglei-
chung d-r Jnteressen der deutsch-slavischen Lan-
deSthcile und der ungarischen — sind zwar nicht
mehr so zuversichtiich, als während der An<
wesenheit des KaiserS in Pesth; aber auch in
den Kreisen, die einen Blick hinter die Cou-
liffen haben, glaubt man immer noch an eiue
Vcrständigung mit dem ungarischen Reichstage.
Die Ungarn machen fivar, nachdcm der crste
Jubel vorübcr ist, ernste Miene und erkläreu
slch theilweise jogar für gctäujcht, Iveil die cigent-
liche Absicht dcr Rezierung den schönen Worten
dcs KaiserS nicht cntsxrochen. Man vermuthet
aber, daß ste dieS nur thue, nm so viel als
möglich für sich zu erlangen, vielleicht auch um
dem ihnen freundlichen Ministerium in Wie»
eine indirectc Untcrstützung gegen die Machi-
nationen der den Ungarn feindlich gesinnten
Parteien zu gewähren, indem diesen der
Kaijer jetzt schon in scinen Augeständniffen zu
Iveit gegangen ist. Vorläufig hat slch der un-
garische Landtag kluger Weise auf längere Zeit
vertagt. Die Ungarn habcn somit volle Zeit
abzuwarten, ob daS Wiener Cabinet in seinen
Hauvtzugeständnissen Wort hält, inSbesondere
in Bezug auf dic Vereiniguug der sog. parkes
acknerse, Krvatien, Dalmatien rc. mit Un-
garn. Dieje Wiedervereinigung wird dann die
Grundlage der wciteren Vcrständigung bilden.

Die Wiener „N. sr. Pressc" erfährt, daß die
Westmächte Schritte beabsichtigten, die Wieder-
aufnahme der 1864 abgcbrocheneii L o n d o n e r
Eonfercnzen anzuregcn. Diese Nachricht
wird jedoch von verschiedeneii Seiten noch in
Zweifel gezogcn.

Die „wichtigcn und ' erfreulichen" Dinge,
welche CiviladlatuS Hofmann aus Wien nach
Kiel mitgebracht hat, bcstehcn, wie stch jetzt

aufklärt, in nichts wciterem al« in Bcförde-
rungen und OrdenSverleihungen.

Nachrichten auS Madrid versrchern, in meh-
rercn Garnisonen der Provinzcn seien Prouun-
ciamcntoS sAusstandSerklärungcn) erlassen wor-
den. Die Truppcn in Madrid stlld conslgnirt.
(Vergl. Madrid, 5. Jan.)

Deutschland.

Karlsruhe, 6- Jan. Se. Königl. Hoheit
der Großhcrzog haben Sich unter dem 30.
Decembcr v. I. gnadigst bewogen gefuuden,
dcm Staatsminister deS großh. HauseS und dcr
LUSwärtigen Angelcgenheiten, Freiherrn von
EdclShcim, die unterthänigst nachgcfuchte
Erlaubniß zu crthcilen, das ihm von Seiner
Majcstät dem König von Sachsen vcrliehenc
Großkrcuz deS königlich jächsischen Albrechts-
Ordens anzunehmen und zu tragen.

jns Karlsruhe, S. Zan. Dic wichtigen
und umfaffenden Borlagcn an die Stände stnd
gutem Vernehmen nach von Scitcn dcr betrcf-
fenden Ministerien vollendct. Noch unterlicgen
sie den Schlußberathungen deS Slaatsministe-
riums und der höchsten landeSherrlichen Ge-
nehmigung. Da diesc indcß sür die leitcnden
Grundsätze schon früher crsolgt ist, so wir.d
hierauS keine weitere Verzögcrung enlstehen.
Auch die Budgetcommisston der zweiten Kam-
mer fchreitet mit ihren Arbeiten rasch voran,
und stnd die bezüglichen Bcrichte über die Rech-
nungSnachweisungen der lehten Finanzperiode
nahezu fertig. Unter solchen Uinständcn läßt
sich mit Grund erwarten, daß die Kammcrn
in der zweiten Hälfte des laufenden MonatS
wieder cinberufeu und ihre Arbeiten aufnehmen
werden. DaS Schulgefch, das der Nalur der
Sache nach sörmlich wcitläufig und zum Theil
auch häckelig ist, dürste wohl unter den ncuen
Varlagen d-r Rcgierung auf gcgenwärtigcm
Landtag am meisten Zcit in Anspruch nehmcn,
fchon deshalb, weil hierbei Dinge zur Sprache
kommen, über die Jcdermann gernc sein be-
sondercs Urtheil habcn will, und übrr die setbst
die Ansichten der Sachverständigen auSeinan-
der gehen. Viclleicht wärc eS bei organischen
Gesctzen von so fpecifijcher Natur überhaupt
das bessere, daß die gefetzgebcnden Factoren
sich auf Feststellung der maßgebenden Grund-
jätze beschrLuktcn, dcren Anwendung aber im
Einzelnen der Verwaltung überließcn. Das
Minister - VerantwortlichkeitSgesctz, dann daS

neuc Preß- und VereinSgesetz soll, wie wir
hörcn, auf jolchen Grundsätzcn bcruhcn, datz
deren Berathung bei den Ständcn auf keinerlei
principiellen Widcrsprnch stoßen dürfte, und
die Annahmc diescr Gesetze in der tvesentlichen
Gcstalt ihrer Vorlage mit Sicherhcit zü erwar-
ten steht. Wir wollcn nicht uiiterlassen, hicr-
bci auf einen dcr großen Vorthcile aufmerksam
zu machen, welchc die von der FortschrittSpartci
geforderte und erstrcbte sogenanute parla-
mentarische NegierungS form mit stch
führt. Eine parlamentarischc Rezierung, welche
stch in inncrcr Harmonie mit der Volksvertre-
tuug deS LandeS weiß, wird ihre Vorlagen an
diese so einzurichten bestrcbt sein, daß stc deren
Billigung und Annahme nach ihren wesentli-
chen Bcstaudtheileii mit Sicherheit erwarten
darf. DieS ist zugleich der einzige praktische
Weg, die Dauer der landständischen Verhand-
lungen, wie allgemein zu wünschen ist, weseut-
lich abzukürzen.

Aus Badcn, S. Zan. Jn Folge des
Gejetzes über Gewerbefrciheit und Freizügigkeit
sind in manchen Städten Baden», in wclche
der Zug der Einwanderung vorzugSweisc ging,
die Hospitäler, Arincn- und Krankenhäuser in
ciner Bcjoignisse erregenden AuSdehnung in
Anspruch genommcn worden; und c« haben
stch hicran bcsondcrs in dem größeren, nicht
hinlänglich unterrichteten Publikum dic Fragen
geknüpft, ob und welche Entschädigungen, na-
mentlich hinstchtlich der iu andercn BundeS-
staatcn Heimathberechtigten, angesprochen wer-
, dcn könncn. Wir erachten <ö dahcr nicht für
überflüsfig, an die wesenttichstcn Bcstiininungen
i der Uebcrcinkuiift zu crinuern, welche am 11.
Luni 18S3 zwischen Preuhen und einer grö-
heren Zahl deutscher Regi-rungcu wegen Ueber-
nahme dcr durch V-rpflegung erkranktcr Ange-
hörigcn diescr Staaien -rwachsenden Kosten
abgeschloffen wurde, und welcher sast alle deut- -
schen Regierungeu beigctrctcii sin». Durch die-
scn Verlrag machen stch die contrahirenden
Regicrungeii verbindlich, dafür zu sorgen, daß
in ihrem Gebiete denjenigen hilssbedürftigen
Angehörigen der liurch die U-bercinkunft bc-
rührten Staaten, welche der Heilung und Ver-
pflcgung dedürftlg siud, lctztcre nach densclben
Grundsätzen, wic bei eigeneu Unterthanen, bis
zu dem Zcitpunkte zu Theil wcrde, wo ihre
Rückkehr in dcn zur Uebernahme verpflichteten
Staät ohne Nachthcil für ihre oder Anderer

Paris, 31. Dec. Heute Nachmittag fand in den
Tuilerten der große Zapfenstreich statt, den dte
Trommler und Musikantrn der Nationalgarde und
der Armee von PariS jeven 31. Dec. dort auf-
führcn. Gegen V.l Uhr hatten sich Alle, welche
dabei mitwirken sollten, in dem Tuilerienhofe ein-
gefunden. Als der Kaiser, er trug Generalsuni-
form, die Kaiserin, fie war schwarz gekleidet, und
der kaiserliche Prtnz, in LorporalSunisorm, auf
dem großen, mtt rothem goldgesttckten Tuche behan-
genen Balcone erschienen waren, wirbelten alle im
Tuilerienhofc versammelten Tambours während
ganzer fünf Minuten. Es war in ver That ergrei-
fend und erinnerte an den Iuni 1848, wo die
Tambours der Nationalgarbe von PariS ähnliche
Wirbel auf den Boulevards aufführten. Zedlitz
sagt: „dieTrommel hat einen gar seltsamen Klang",
und dies kann man auch von den Trommeln, welche
man hrute in den Tuilerien hörte, sagen; denn sie
versrtzten sogar ganz conservative Nerven in revo-
luttonäre Zuckungen. Nachdem daS Trommeln be-
endet, stimmten die Mufikbanden ver National-
garde das „Reine Hortense" und trugen dann ein
anderrs Stück vor. Hirrauf wirbelten die Trom-

meln wieder, worauf die Mufikcorps der regulären
Armee ebenfalls daS „Reine Hortense" anstimmtcn
und auch ein anderes Stück vortrugen. Dann kam
die Reihe an die TurcoS, die bekanntlich zu den
Lieblingstruppen des Aaisers gehören. Sie spielten
ebenfalls die .Reine Hortense", aber in einer Art
und Weise, daß man glauben konnte, man habe
rs mil Lannibalen zu thun. Glücklicherwetse spiel-
ten die Musikbanden der regulären Armee noch-

fallcn. Um halb 2 Uhr war AlleS zu Ende. Ein

Rue Rivolt gelegenen Gallerie der Tuilrrien aus-
brach, ftörte die Feierlichkeit nicht. Das Feuer war
zu Ende, alS die Mufik und die Trommeln ver-

Eine in K'o nstanttnopel geschloffene Hcirath
zwischen einer kaiserlichen Prinzrsstn und dem 17jäh-
rtgen Sohn beS GouverneurS des großen Schulden-
buchS, Ktani Pascha, wurde auS dem Grunde auf-

gelöst, weil der Letztere, welcher alS guter und vor-
sichtiger Wirth allgemein bekannt ist, seinem Sohn
die Mittel zu etner verschwenderischen Hofhaltung
verweigerte. Man hat sich nun um einen ynder-
weitigen Bräutigam umgesehen. Die Wahl fiel auf
den zweitgebornen Sohn des verstorbenrn Millio-
närS Er-Finanzministers Safeti Pascha. Der junge
Mann, welcher in Paris feine Studien machte, soll
auf Befehl des SultanS bereitS durch den Tele-
graphen nach Sonstantinopel berufen sein. Ein
solcher Gemahk riner Kaiserlichen Prinzesfin hat
eben ketne beneivenswerthe Stellung, er muß un-
bedingt grhorchen und darf fich seiner höchstadeligen
Gemahlin mit großer Ehrerbietung, unter Beobach-
tung deS vorschriftSmäßigrn Ceremoniells, nur dann
nähern, wenn ihm hierzu der „Besehl" zugegangen.
Gin entgegengfsetztes Verfahren und Benehmen nach
unsern eurovälschen Beßriffen wären ein unverzeih-
licher Verstoß gegen bie am oSmanischcn Hof herr-
schendr Etikette. _

* Theater.

Am Montag findet dte Benrfizvorstelluna für
Herrn AlbinuS statt. Derselbe hat dte fo sehr
bekebte Poffe „die Maschinenbauer" gewählt.
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