Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Mlage,;m Heidellrerger Iettung.

M S2 Samstag, den 3. März 18««

Aus ben Verhandlungen der zweiten
Kammer.

Wir laffin nachträglich di- von dem Abgc-
vrdneten Kiefer in der zweiten Kammer ge-
haltene Rede znr Unterstützung der Motion
deS Abg. Eckhard, betr. die Einführung der
obligatorischen Civilehe, folgen; dieselbe lautct:

Wcun ich, meine Herren, dcn Antrag st-lle,
das hohe HauS wolle die eben vorgetragene
Motion auf Einführnng obligatorischer Civil-
ehe in Belracht nehinen u»d an die Abtheilun-
gen vcrweisen, so muß ich Sie bitten, mir die
Hinzufügung einigcr allgemeinen Bemerkungcn
zu gestatten. Jch erkenne den Schwerpunkt die-
ser Motivn darin, daß begehrt wird, es sei die
Ehegesetzgebnng auS dem Zustand der gegen-
wärtigcn Halbheit in eine ganze und gruud-
jätzliche Regelung hinüberzuführen, und daß
sich hierin das Berlangen anschließt, eS sei dies
vhne Verzug, noch während der Dauer deö ge-
genwärtigen LandtagS, zu vollziehen. Nur Wc-
uige i» diesem Saale werden sich.heutc noch
der Ueberzeugung verschließen, daß der Versuch
d.ie kirchenstaatsrechtliche Frage unsercs Landes
auf dem Wege der Unterhandlung mit Rom
zu lösen, auf einem Zrrthum bcrnhtk; der einen
erfolgloscn Ausgang nach sich zichen mußtc.
Es war dies schon der Form nach ein Abweg,
weil darin das Zugeständniß lag, als . habe
man über die kirchenstaatSrcchtliche Gesetzgcbung
unseres LandeS stch mit einer zweiten souveränen
Macht im Staate zu »ereinbaren. Die Ver-
werfung deS materiellen JuhalteS der Conven-
tion durch die LandeSvertrctung hat jenen ersten
Fehler unschädlich gemacht, und man gelangte
nun auf den richtige» Standpunkt, indem m«n
sich entschloß, den bercchtigte» Forderungen der
Kirche im Wege der G-setzgebung stattzugeben.
ES war dics allein daS in Wirklichkcit dcr
StaalSsouveränetät nnd der Thatsache, daß dcr
Landessürst versaffnngSgemäß in sich alle Rechte
der StaatSgcwalt vcreinigt, «utsprechendc Ver-
fahren. Schon die Proclamation vom 7., April
1880 hat dicsen richtigen Weg zur Lösung einer
innern Fragc eingelcitet, indem sie verhieß, eS
werden die Kirchen frei u»d selbstständig sein
nach den Gesetze» deS StaatcS. DaS Gesetz
vom A. October 1860 hat dicseS fürstliche Wort
ersüllt und aus korrectem W-ge mit reicher
Fülle den Kircheu gegeben, waS ste zur freien
und selbslständigen Wirksamkeit bedürfen.

Man wäre nun in der Lage gewescn,. den
auf Freihcit und Gerechtigkeit bcruhenden Grund-
lagen unserer kirchenstaatsrechtlichen Gesctzge-
bung eine folgerichtige VollzugSgesetzgebung
nachsolgen zu lassen. Das hat man aber nicht
gethan. Man hat sich beim ersteu Anlaß —
der Ordnnng kines, dem neuen Grundgesetz
cnlsprechcnden EhcgesctzeS — mit einer Halb-
heit genügen lassen. Man ist von dcn Norme»
deS consequent angelegten Gesetzc« vom 9.Oct.
1860 in rascher Anfeinanderfolge — und die
Kanuner selbft hat dic Jnitiative hiezu ergrif-
sen — zu dem eines selbstständigen StaateS
ga»z unwürdigcn Jnstitut dcr sog. Noth Eivil-
rhe gelangt. Die völlige Unzulänglichkeit dieser
Einrichtung wird stch Jhnen, m. HH., am
stchersten cnthüllen, wcnn Sie einen Blick anf
daS folgerichlige, in Grundgedankcn und A»S-
sührung schars auSgcprägte Eheshstem der ka-
tholischeu Kirchc werfen; der katholischen Kirche
ist die Ehe ei» Sakrament; daraus solgt, daß
dic Kirche in kciner Wcise dem Staat die Be-
sugniß zugestcht, über die Erfordernisse n»d
das Vorhandcnsein der VorauSsetzungen eincS
GuadeumittelS zu erkenncn, vielmehr nur stch
iclbst die Jurisoiction in Ehcsachcn beimessen
kann. AlS Sakrament hat die Ehc dogmatisch
einen unvertilgbaren Charakter. Sie ist ein
MKNNIN inllvlobile. Aus diescm Grund muß
die katholische Kirche in Gemäßheit ihrer Glau-
ienssatzungcn die UnauflöSlichkeit deS BandeS
bchäupten. Ein der Staatsgesctzgebung deS
LandeS und einem erheblichen Theil der Lan-

! desbcvölkerung durchaui fremdeS und mit ihrcn
religiösen Ueberzeugungen im Widcrspruch be-
findlicheS System stellt stch somit als die Grund-
lage der Ehe-Grundsätze der katholischen Kirche
dar. Wäre diescs Syst-m zum Gruudgedanken
unserer bürgerlichen Landesgesetzgebung, um
sich jcncr kirchlichen Autorität anzubequcmen,
gpmacht worden, so hätle der Vertreter unsercr
Staatsaulorität zu Gnnsten von Papst und
Bischöfen matcriell aufgehört, die Summe aller
Rechte der StaatSgewalt in sich zu vereiuigen.
Wir stehen hier vor dem Versnch, uulösbare
Gegcnsitze zu vcrjöhnen. Die Gesctzgebungen
großer deutscher Slaaten sind an dicscm Vcr-
such gescheitert. DaS -sterreichische Gesetzbuch
— ich jpreche von der Regelung dieser Ver-
hNtniffe vor dem Konkordat —>hat zwar die
Ehegejetzgebung und die GcrichtSbarkeit in Ehe-
sachen ausschließend dem Staal und scinen Be-
hörden zugewiesen, allein der Jnhalt seincr Gc-
setzesnormen, somit die Richijchuur zur Necht-
sprechung der wcltlichen Gerichte, ist das ka-
tholijche Dogma (j"" llirivnm). Es hat'sich
also hier dic StaatSautorität -iner fremden
Gesctzgcbung matcriell untergcordnet und ste
begnügt stch mst dem «chein einer formellen
Selbstständigkcit.

Das preußijchc Landrecht kennt kcin sn» <Ii-
rinum einer Kirche als Voranssetzung und
Norm jeiner Gruubsätze über die Ehe. ES
wird hier Recht gcsprochen nach dcu selbststän-
digcn Aufsassungen dcS StaateS. Allein trotz-
dem macht diejeS Gcsetz dieTrauung, somit
den Hiuzulritt einer kirchlichen Bcamlung, zur
sormellen Grundlage des Abschlusses eincr
rechtSglltigen Ehe. Hier befindet man stch da-
her in der Lage, dic kirchlichen Bcamten zu einer
ihrer GlaubenSüberzeugung widersprechenden
Handlung durch dic Zwangsgewalt des Staates
zu nöthigcn, und damit würdc der Grundsatz
der GewisscnSsreiheit vcrlctzt; oder man muß
die StaatSgesctzgebung als unauSführbar dcm
kirchtichcn Widerstand preisgeben.

Allein consequent ist dic französtsche Gesetz-
gcbung an dic Löjnng dieses ProblemS gegan-
gen. Dort hat man dic Ordnung der Ehe als
eines RechtSverhältnisseS dem bürger-
l.i ch e n Rechte iberwiesen und der Kirche an-
heimgestellt, ihre dogmatiichen SLtze bei ihren
Angehörigen in Vollzug zu setzen. So ist cin
fernerer Znsammenstoß des StaatS uud der
Kirchen unmöglich gcmacht. Man hat „dem
Kaiser gegeben, was dcs KaiserS ist," und der
Kirche, was der Kirche gehört.

Jch komme jetzt anf unsere Ehegesetzgebung
von 1860 znrnck. Sie wcrdcn mir nun zu-
geben, meinc Herren, daß dieser nothdürstige
nivcius vivencli an der Coiisequeiiz des katho-
lischen SystemS zu Schanden werden mußle.
Hier kann allein der Muth der Folgerichligkeit
den Staat zum Ziete sühreu. Der moctiis
rivonlli ift dic Grundsatzlosigkclt. Gestatten
Sie mir hier, m. HH., an eiu nahegelegeiics,
schr verwandtcS Gediet anzustreifeu. Dort
könnte mau, insofern iiian jene irreführcnde
Pietät gcgcu überlicfcrte Dinge walten laffen
wollte, die nns in Bctreff der Ehcgesetzgcbung
in eine Sackgasse hinciillenktcn, lcicht zu dem-
jclbcn mißlichcn Ergcbniß gelangcn. Nie, m.
HH., werden Sie die Schnlr-sorm im Geiste
deS Grunllgcsetzcs vom 9. Oct. 1860 volleiiden,
weiin Sie daS StaatSjchulsystem auf der über-
lieferten GrundlLge deS C o n fe js io n alis-
mus Lufbanen. Erst dann, wenn Sie auS-
sprechen, eS sei der gesammle Religionsunter-
richt in sämmtlicheii 2chuleu deS StaatcS nnr
von der Geistlichkeit und nicht von dem
L-Hrer zn ertheilen, werden Sie einen richtigen
AnSgangSpnnkt der »cnen Ordnung gewonnen
haben.

Nicht nur zur Beaussichtigung, jondern auch
znr ausschließenden Bcsorgung inuß die Geist-
lichkeit in Anspruch genommen wcrdcn. Daim
wird der Slaat seinc Lehrer lediglich sür die

übrigen Elemenlarfächer verwendcn können und
die kalhvlische Kirche nicht fcrner in d-r Lagc
sein, stch darüber — wic in Hirtenbriesen ge-
schehcn — zu brklagen, daß man ihren Gcist-
lich eir nicht die znreichende Zahl dcr Unter-
richtSstnnden gestalte, um die Jugcnd religiöi
unterweisen nnd erziehcn zu können.

Kann man stch nicht zu diesem System dcr
gemischten oder, wie die Gegncr sagcn, der con-
fejflvnSlosen SlaatSschule entjchlicßen, so wird
man eben auch hler an Stclle cine» ganzcn
Grundsatzes einen dnrch Halbheitcn gestützten
inollus vivenlli setzen und man wird schiieß-
lich dcr Kirche, die mit ganzeii Maßregeln nnd
in der Consequenz eineS straffen SystcmeS
kämpft, unterltegen. Wolle man jcnem Reli-
gionSunterrichtc der Geistlichen d-n Schutz drS
VolkSschulzwangcS gewähren, so würde genug
geschchen sein, um daS hohc Jntereffe deS Staa-
tes für die rcligiöse Bildung deS VolkcS zn er-
weisen.

Wcnn ich nun, nach dieser Seitenbetrachtung,
wieder zum AuSgaiigSpunkt zurückkehre, so
möchte ich unS Allen jencS Wort deS Grafen
Cavour inS Gedächtniß znrückrufen. wodurch
diescr cmincnte StaatSmann gerade für Fragen
der hier vorllegenden Art seinen Berlts darge-
than hat. AlS Cavour die Reform der Kirchen-
staatSgesetzgebung deS italienischen KönigrcichS
einleitete, ließ er seine Politik von jener Ücber-
zeugung leilen, die er der BolkSvertrelnng je-
neS Landcs in den Worten kundgab, eS sei
immer eine ernste Sache, zur Rejdrm von Ge-
bieten zu schreiten, wclche die Rrligion berüh-
ren; aber sicher werde man deS ErsoigeS-nur
dann jeiu, wenn man mil Energie und Rasch-
hcit handle.

Dieser staatSminnische ErsahrungSsatz wäre
geeigneter, anch nns znm Ende unserer kirch-
lichcn Wirren zu bringcn, als das System deS
molluv vi'vonlli.

Schon hat die Hetzerei dcr Ullramontanen
von Neucm begonnen. Sie haben zur Beleuch-
tiing deS GegenstandeS folgende Beschlüffe gc-
saßt. (Redner verliest die Thesen der Bruch-
salcr Versammlung.) Davon kann man nur
sagen, daß eS zum Thell anf Lügen, zum Theil
auf Entstellnngen und Uebertreibungen bcruhe.
Wie kann diese Partei unS FricdenSstörung
vorwerfen, wclche die Wühlerci und die Gehäs-
stgkeit in die Famllien geworfen hat, und die
Uiiduldsamkeit noch anf den Kirchhöfen in Vvll-
zug setzen möchte!

Jch wünsche, m. HH., daß unS diese Mo-
tion Beranlassung bieten werde, einen im Jahr
1860 von cinem gewissen hier nicht zu recht-
fertigenden Pietätsstandpunkl begangenen Fehler
zu verdeffern; und ich hoffe, daß die Negierung
bcreit sein wird, das Jhrige beizniragen, daß
wir dicscS Ziel noch im Lauf deS gegenwärli-
gen LandtagS erreichen.

B e l g i e n.

Brüffel, 28. Fcbr. Der Senat hat bei
Berathnng des Art. 303 des Oolle penul ein
Amcndcment angcnommcn, welcheS nicht ver-
sehlen wird, den Klerikalen großcs Mißvergnü-
ge» zu bereiten. Der aineiidirte Paragraph
laulct: „Geistliche, wclche bei der AuSübung
ihres AmteS in einer öffentlichen Nede sich
eineS direkten AngriffeS gegen dic Regierung,
ein Gesetz, ein königliche» Decret vder irgend
einen anderen obrigkeitlichen Akt schuldig ma-
chcn, sollen mit Gesäiigiiißstrafe von 8 Tagen
biS zu 3 Monaten und einer Geldbuße von
28 bis 800 FrcS. bestraft werden." Der Ju-
stizminister crklärle, daß daS Amendement im
Einverständniß mit der Negiernng eingebracht
sci, während Hr. d'Anethan daffeibe mit den
kurzen Worten begrüiidete, daß Tcistliche in
ihren Predigten stch nicht mit Politik zu be-
faffen hätten. Die Annahme erfolgte hieraus
ohne wcitere Discnssion.
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