Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Ueidklbtrgrr Ieilung.

Kreisverkündigmgsblntt für den Krcis Heidelberg unü amtliches Lerkündignngsblatt für üic Amts^ und Aints-
Gcrichlsbczirke Hcidclbcrg nnd Wicsloch und dcu AuitsgcrichtSbczirk Ncckargeuiünd.


Sonntag, 4 März


«8««.

» Anf die „Heidclberger
i Zeitung" kann man sich

noch für den Monat
März mit 21 Kreuzern abonniren bei allcn
Postanstalten, dcn Boten nnd Zeitungstragern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

Die Bismarck'fche Aera und die
preußische Hegemonie.

Daß das Ministerium BiSmarck das ihm
unbequcme Abgcordnetcnhaus sich vom Halse
zu schaffcn suchte, darin liegt cben nichts Bc-
fremdlicheS. Jm Gegcnthcil wäre eine Auf-
lösnng deS Abgeordnctenhauscs schon anstatt
der lctztcn Zuschrift dcS Staatsministcriums an
daö HauS zu erwarten gewescn. Frcilich ist
der StaatSgcwalt, wen'n sie sich der VolkSver-
tretu'ng gegenübcr im Nechte glaubt, ein an-
derer Weg vorgezeichnet für daS, waö sie zu
Ihnn hat; sie kann nicht blos, sondcrn sie muß
in solchcn Fällcn an das Volk appellircn, d. h.
die bestchcnde Volksvcrtrctung auflösen und
Neuwahlcn veranstalten. Das Ministerium
hat dicS nicht gcthan; eS hat das Verhaltcn
des Abgcordnctcnhauses für verfaffungswidrig
erklärt, glcichwohl dicse Versammlung nicht anf-
sielöst, ist vielmehr lcdiglich zur Schlicßung uikd
Vcrtagung der bcidcn Häuser geschritten.

Tbatsächlich kommt nun dics allerdingS eincr
Anflöjung gleich, da ohnchin mit diesem Jahre
daS Mandat der jctzigcn Abgcordnctcn erlijcht,
nnd Ncuwahlcn bevorstehcn. Ein wichtiger
Unterschicd licgt aber doch darin, sowohl prin-
cipiell, als auch der praktischen Wirkung nach.
Man hofft wahrschcinlich, daß hiS zuip Schluffe
der Landtagöperiodc und Anordnung von Neu-
wahlen der gewaltigc Eindrnck des bekannten
Erkcnntnisscs dcs ObcrlribunalS und dcr Vcr-
handlungen darübcr im Abgeordnetcnhause wie-
der vcrklungen scin werde; man rechnct viel-
leicht ncbenbei auf große Ersolge in dcr äußcrn
Polttik, mit dencn man im Spälherbste vor
die Wähler tretcn, nnd wodurch man die Slim-
men ocr Opposition zum Schweigen zu bringen
hofft. — Beide.Hoffnungen mögen sehr trüge-
risch scin und die zweite ist überdies noch ent-
schieden gcwagt und gefährlich. Nach Allem,
wie sich dic dculschc Lage darstellt, crscheint eine
erfolgreichc Action Preußens nach außeü nnd
innen nur unter der einzigen Vorauösctzung
denkbar: daß Prcußen mit dem ganzcn Nüst-
zcuge- nicht bloS scincr materiellen, sondcrn

auch seincr moralischen Machtmittel in den
Kampf trete. Schon zur Entfaltung dcr vollen
materiellcn Kräfte des Staateö dürften vor
Allem Gcldmittcl von einem solchen Umfange
nothwendig sein, daß dazn die Finanzoperation,
mit welcher man sich biSher durchgeholfcn, kaum
auSrcichen würde, daß nian vielleicht eincr An-
leihe dringend bedürftig wäre. Wie will man
aber eine solche erhalten ohne Znstimmung dcr
VolkSvcrtrctung? Noch wcniger aber ist ab-
znsehcn, wie auf dcm von BiSmarck betretenen
Wcge jencr moralische Nückhalt für Preußen
zu crlangen steht, ohne ven eS weder in curo-
päischen noch inöbesondere deutschen Ange-
lcgenheitcn ctwaS ausrichtcn kann, ja ohne den
cS leicht sogar in seiner bisherigen Machtstel-
lung gcfährdet sein kann. Dcr fortgesetzte und
biö auf'S Aeußerste verschärfte Bruch mit Kam-
mcr nnd Volk hat die Ncgierung ihrer Stütze
auch nach Anßen beranbt. Jn Oesterreich sctzt
man, um zu einer Stärknng im Jnncrn zu
gclangen, Alles daran, macht alle Zugeständ-
niffc, nm zu eincm AuSgleiche mit Ungarn zu
gelangcn, welches doch immer nur cin Thcil
der Monarchie ist. Jn Prcnßcn vcrabschicdet
man die Vertreter des ganzen VolkS, stößt sie
mit Unwillcn von sich, in vemsclben Augcn-
blicke, wo viclleicht nach Außen ein gewaltiger
Conflict vor der Thüre steht.

Und bei Attedem müsscn wir eS hent zu
Tage noch an so manchcn liberal sein wollcndcn
Pcrsoncn nnd Prcßorgancn trleben, daß dicfelbcn
um jedcn PreiS und nnter allen Um-

daß sic unter BiSmarck mit gleichcm Eifer, wie
dereinst untcr Schwerin für dic Einjochung
Dentschlands in's prcußische Ncich unker dein
Vorwande einer Einhcitserzielung DeutschlandS
ihre NedenSarten in die Winde strcucn! Gold
mit Kupfer gibt eind gute Mischung, so lange
das Gold übcrwicgt; abcr wenn sog. Liberale
sich mit bismarck'schem Borussenthnm durch-
sctzcn lasscn, so bleibt ebcn nichlS mehr übrig,
als ein mit scheinliberalcn Ncdensartcn ge-
schminktcr ViSmärcker!

* Politische Umschau.

Heidelberg, 3. März.

* Dic Nachrichtcn übcr dic Kriegspolitik dcS
Bcrliner Cabinets sind noch immer im Schwan-
ken bcgriffen. Doch lautcn die ncuesten wiedcr

mchr in sricdlichem Sinne, waS auch die ganze
Lage der Dingc mit sich bringt. Am letzten
des verflossencn Monats (Fcbr.) wurde eine
größere Sltzung deS StaatSministeriumS unter
dcm Vorsitzc deS Königs gehalten. Man will
wiffen, der König habe sich dahin gcäußert, er
halte den Krieg mit Ocsterrcich für cinen Bru-
vcrkrieg, den man vermeiden müsse, er werde
sich dahcr zu einem solchen nur dann ent-
schlicßen, wenn er durchaus provocirt werde.
So viel ist übrigens sicher, daß noch immer
zwei Strömungcn durch die Hof- und Ncgie-
rungökreise von Bcrlin gehen, uud daß es noch
nicht entgiltig entschieden ist, welche die Ober-
hand gewinncn wird. Feststchen soll zwar, daß
gerade die eigcntliche Militärpartei, als dcren
Führcr man den Prinzcn Karl ansieht, gegen
dcn Kricg ist, wcil sie in Oestcrrcich den besten
Älliirten Prcußens crblickt, dcr nie bckämpft
werden darf. Diese Partci nnterscheidet sich
sehr wescntlich von den Anhängern dcö Grafcn
BiSmarck. Es ist dcffen Ministerinm dcm
Prinzcn als Mittel zum Zwccke willkommen,
doch stellt er immerhin seinc Z'wecke über
dic Wirksamkeit deS BiSmarck'jchen Ministe-
riums. Er hat bcdeutendcn Einfluß beim Kö-
nig;. zudem ist die Politik, daß Preußen an
der Allianz mit Oestcrrcich und Nußland fcst-
halten solle, Hewisserm.rßen cin Vermächtniß deS
vcrstorbcnen KönigS Fricdrich Wilhclm lll. an
seine Söhne, und cs ist daher zu crwarten, daß
sie dicsc auch bcfolgen. Man hält dahcr die
fortwährcnden Gerüchte von Mobilmachungen
uud Nüftiingen für bloßcS Säbclraffeln zur
Hcrbeiführung einer beffercn Situation in
Preußcn.

Die libcrale „Brcölaucr Zeitnng" die mit
Eifer für die Anuexion der Hcrzogthümer ein-
trat, bckenn.t nun offen ihren Jrrthum. „Vor
acht Monatcn noch/ sagt das schlcsischc Blatt,

wärtige Politik der Ncgieruug zn untcrstützen,
nicht ihrc Mittcl, aber ihre Ziele zn billigcn.
Hcute kaun dic Aunexionöpolitik nicht mchr
alö cin Kcil in die libcrale Partci getricben
wcrdcn; hcute kann kein Liberalcr michr eiue
Politik unterstützen, die allc möglichcn äußeren
Erfolge durch die Wirksamkcit im Innern auf-
wiegt." Jn gcüiz ähnlicher We ise hat sich be-
kanntlich die „Wcserzcitung" vor einigcn Tagen
ausgcsprochcn.

Zur Begrüßung der Abgcordnetcn soll am

* S^iffbruch dc^ Dampstiootes „Lrcel^o^

In der Nacht voin 4. anf den 5 Febr. strandete
das rnglische Damvfschiff „Ercclsior", von Hnll
nach Hamburg bcstimmt, anf den^Außengriinden
dkS Nordweskriffes drr Inscl Ittist. Der Strand
des NordwestriffcS ist 2 Stnndrn vom Dorfe ent-
fcrnt. Mit dcm Ferrlrobr bcmerkte man Menschrn
im Top unb in ben Wanten. Das Wettcr tobte
so furchtbar, daß an ei» Abkommcn sclbst mit dem
tücdtigen Rettnnasboot der Station Inist (Ostsrie-
schhe Verein z. R. Sch) am b. nicht zu benken
Aber auch am folgcnden Tage, am Dicnstag

früh. Zn dieser für die Insnlaner furchtbaren,
für bie armen Schiffbrüch'gen aber über alle Be-
^reibimg grauenvoilen Woche vtrsllchten die Er-

Strande abzukommen und °ben Brüdern Hülfe zn
bringen. Ab>r alle Versuche schciterten an ber Ge-
walt kes andanernbcn fnrchtbaren Unwctters und
der an dem Strande doch aiisschäumendcn Bran-
dungen. Fast hatten schon Alle bie Hoffnnng a»f-
gegrbcn, den, wcnn einmal die Lnft sich etwaS
klarte, immcr noch in den Wanten sichibarcn Men-
schen Hülfe zu bringe«. „Man kann sich oenken"

Aber wir konnten nicbt helfen."

Enblich am Sonnabend früh bestiegen dic Net-
tnngsmaiinschaften nock einmal das R'ttnngsboot.
„Es waren — heißt es weiter in dem erwähnten
Bcrickte — außcr bcm Vormann, Albrccht Alt-
mans, Ian AltmanS, Hcinrich Arrnbs, Focke
Fiscber, Ommo Brebcn und Ommo Dierks, als
Hülfsmaunschastrn I. O Fiffrr, Ommo Hoff und
Pcter Schiffer. Das Waffer war etwas schlichter
geworbrn, abcr cs branbete übr-all noch heftig.
Wie bicsmal haben unsere I.iister, glanbe ich,
nock nie gerudert. Auck bie Segelschjffe fuhrcn ab,
es kam das Vmbener Dampfboot in Sicdt. Da
gclang cS der Besatzimg bes Rettnngsbootcs,' tnerst
an Borb brs Wrackcs zu grlangen und 15 Mcn-
schcn aufzunchmcn, wclche gegen 11 Uhx gelanbct

Einen AnbNck, wie die Geretteten ihn boten, —
wer könnre idn je vergcssen, »Nd wenn er hunbert
Iahr alt würbe! Scit bcr Nacht vom Sonntag
auf ven Montag, in wclcher die StrandUng er-

kommen. Sturm und Scbloßen, Branbungen und
Regen hatten sie gepeitscht, bie Tane, mit mel-
cbcn.sie sich befestigt, hatlen sie geschunben, rnb-
lich hatte der Hnnger sein scbreckliches Ncckt ver-
langt, mehrere hatteli das Flcisch von ben Ge-
storbrncn geschnitten und gterig vrrschlnnaen. So
stierten sie mit verschwoUeiien Händen und Füßen
vor sich hin, nicht mebr fähig zu einrm Lächcln
der Freude tn den erdfahlen Zügen. Vlele von
uns dachten: möchten diese Unglücklichen nur einen
Augenblick von allen Denjcnigcn grseben werden,
we che bisher gegen bie Rettnng von Schiffbrüchigen
und dte darauf gcrichteten Bestrebungen glrjchgül-
tig grwcsen sind, wie rasch würden Herz unb Hand-
sich öffnen, wie gern wi'rrben sie bcitragen, so furcbt-
bares Elcnd von Mitmcnschrn, viklleicht von sich
selbst fern zu yalien.

Die Jnsulaner wetteiferten, di'c Schiffb'üchigcn
ber sich aufzunehmen; sofort wurde ein Scdiff »ach
Nordcn gcschicki, um dcn Arzt nnd Arznri zn holen.
Von den an.Bord dcs DampferS befindlich gewe-
senen Pcrsonrn waren 5 Passagirre, näiylick ein
Kaufmann nebst Frau aus Berlin, zwei Ka»f-
lente auS Hamburg unb Nürnbcrg, sowie etn
Stencrmann anS A'ignstenburg, enblich von ber
Besatzung ber zweite Stenermann, ber Obcrmaschi-
nist „nd 2 Hetzer umgrkommcn, dagrgen wurben
der Capi'än, beffen Fra», ein Passagier und 12
Von ver Schiffsmannschaft glücktich gelanvet.
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