Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Ukidrlbergtr Zeilung.

Kreisverkündigungsblatt für den Kreis Heidelberg und amtliches Berkündignngsblatt für die Amts^ und AmtS-
Gcrichtsbezirke Heidelbcrg uud Wicsloch und den Amtsgcrichtsbezirl Neckargemünd.

Nr- S8. Samstag, ro März 18««.

* Politifche Umschau.

Heidelberg, 8. Marz.

* Dcr neulich angedeutete Bruch zwischen
den beiden obersten Gewalten der vereinigtcn
Staaten ist, nach den neuesten telegraphischen
Berichten, nun wirklich eingetreten. Präsident
Johuson hat dem-von beiden Häusern des Con-
gresseS votirten Gesetzentwurs sein Veto entge-
gcngesetzt und damit im Congreß sowie unter
dem Volke der Union eine große Aufregung
hervorgerufen. Er, der Prästdent einer Repu-
blik, hat sick damit erlaubt, was scit mehr als
anderthalb Jahrhunderten daS Oberhaupt deS
monarchischen EnglandS (dem dieselbe gesetzliche
Befugniß hinsichtlich des Veto zusteht) nicht mehr
gethan hat. Johnson ist damit zugleich in Wi-
derspruch mit den Grundsätzen gctreten, auf
welche hin er überhaupt zum Präsidenten ge-
wählt worden ist. Nach dcr Verfassung der
Vereinigten Staaten kann der Congreß, inso«
fern zwei Drittel jedes Hauses sich dahin anS-
sprechen, über das Veto deö Präsidenten hin-
weggehen nnd das zurückgewiesene Gesetz (die
sog. FreedmanssBureau-Bill) tritt dvnn den-
noch in Kraft. Jm Senat hat jedoch der hier-
auf gestellte Antrag die erforderliche Majorität
(V, Stimmen) nicht crhalten. Eine Folge des
Veto des Präsidenten war zugleich der Rück-
tritt de« Cabinets desselben, mit Ausnahme des
Kriegsministers und Ministers des Jnnern,
wodurch die herrschcnde Aufregung noch ver-
mehrt worden ist.

Die Sländeversammlung deS Herzogthums
Nassau ist auf Montag den 19. d. M. ein-
berufen.

Die Wiener Burschenschaft „Silesia" hat an
Hrn. Prof. Höfler, „der für deutsche Lehre und
dentschc Bildung, für das Recht des deutschen
Geistes auf einer Hochschule in deutschen Lan-
den, für die Prävalenz der deutschen Wissen-
schaft gegenüber dem Stammeln czechischer Cul-
turgedanken so männlich kühn in die Schran-
ken trat," ciue Dankadresse erlassen.

Mcm darf sich nicht wundern, wenn im
Laufe der Conferenzen bezüglich der Donau-
fürstenthümer von Seiten Frankreichs an das
alte Projekt erinncrt wird (es datirt vom Wie-
ner Congreß im J. 1815 uud wurde von Tal-
lcyrand vorgeschlagen), die Fürstenthümer mit
Oesterreich zu vercinigen und die Türkei in
Asien zn entschädigen. Der Kaiser Napoleon

Stadt-Theater in Heidelberg.

Unsere Theatersaison gehr ibrem Ende zu,
ohne daß wir deshalb rine erhebliLe Verminde-
rung drs Besuches und noL weniger ein Nachlaffen
in der Qualität der sceniscden Leistungen zu con-
statiren hätten. Äußer der einactigen Novität„guten
Morgen Herr Fischer", in der Herr Albinus viel
Humor entwickelte, find in der vorigen Woche
„Griseldis", „die zartlichen Verwandten" und „die
Nachtwandlerin"neu zurAufführung gelangt. Ueber
den ästhetischen Werth des Halm'schen Rührschau-
sviels sprechen, hieße AbgethaneS unnütz erörtern.
Jedenfalls gibt es noch zahlreiche Vcrehrer einer
Muse, die mit Vorliebe in Thränen, Seufzern
und Klagen macht. „Die zärtlichen Verwandten"
ffnd eins der besten Lustspiele von Benedir. Die
„Zärtlickkeit", die nur ironisch gemeint ist, wird
durch brti Frauen-Earrikaturen, denen ein paar
edlere Naturen zur Hervorhebung amüsanter Lon-
traste alS Folie dienen, als eine sehr keifende und
streitsüchtige tllustrirt. BesonderS gelungen ist aber
die Zeichnung einer altcrnden Kokette, dte allmä-
ltg zu dem Bewußtsetn gelangt ist, daß dte Ge-

hat dieses Projekt niemals aus dcn Augen ver-
ldren und seit Villafranca zu verschiedenen
Malen in Wien anfragen lassen, ob man sich
auf dieser BasiS zu Gunsten eineS toSkanischcn
Fürsten verständigen könne. Er erhielt stets ab-
lehnenden Bescheid. Vielleicht hält die franzö-
stsche Regierung den Angenblick gekommen, die
Sache von Neuem anzuregen. Die Herzogthü-
mer Zu Preußen, die Fürstcnthümer zu Oester-
reich und ein Theil von Venetien zu Jtalien:
die Anregung eineS solchen Programms — und
eines Congresses — gehört zu den Eventuali-
täten, obschon eine officielle Formulirung des-
selben noch in weitem Felde.

- Die „Gazetta ufficiale di Venetia" enthält
die telegraphische Nachricht, daß die provisorische
Regierung der Donaufürstenthümer den Prin-
zen Otto von Bayern und den Herzog von
Leuchtenberg vorgeschlagen habe. Als Programm
der in Paris zusammentretenden Conferenz für
die Angelegenhcit der Donaufürstenthümer be-
zeichnet ein Wiener Telcgramm der „Allg. Z." :
„Aufrechterhaltung der osmanischen Souveräne-
lätsrechte und die Einsctzung eines Einge-
bornen".

Die spanische Abgeordnetenkammer hat mit
211 gegcn 31 Stimmen die Antwortsadresse
angenommen.

Deutfchlcrnd.

-j-* Karlsvuhe, 8. März. (Dreizehnte
öffentliche Sitzung der zweiten Kammer.) Es
gehört zu den' wichtigsten Rechten der Volks-
vertretung, den gcsammten StaatShaushalt in
allen seinen Zweigen einer genauen Prüfung
und Controle zu untkrwerfen. Damit'dieKam-

kann, hat die Regierung derselbcn nach je'wci-
liger Eröffnung dcs LandtagS vorzulegen: 1)
eine detaillirte Ucbersicht dcr Rechnungsergeb-
nisse der beiden letzten abgelaufcnen Jahre
(dieSmal also der Jahre 1863 und 1864); 2)
eine spezielle, die Rechnungsresultate mit den
von den Ständen genehmigten Voranschlägen
vergleichende Darstellung der abgelaufenen Bud-
getperiode; 3) endlich den neuen Voranschlag
für die künftige Budgetperiode (diesmal also
1866 und 1867).

Jn der heutigen Titznng erstattete die Bud--
getcommission einen summarischen Bericht über
die in den Jahren 1863 und 1864 eingegan-
gencn Staatsgelder im Allgemeincn. Die spe-

ziellen Nachwcisungen hierüber können erst der
künftigen Kammer (1868—69) vorgelegt wer-
den. Aus dem Berichle selbst theilen «ir hier
das Jnteressantere mit.

Nach der Hauptstaatsrechnung betrugen die
Einnahmen im ordentlichen und außerordent-
lichen Etat im I. 1863: 18,886,439 fl. 2 kr.,
die Ausgaben 17,790,612 fl. 38 kr.. eS ergab
sich also ein Mehr von 1,095,826 fl. 24 kr.
Jm Jahre 1864 betrugen die Einnahmen
18.920.463 fl. 46 kr., die Äusgaben 18,132.693
fl. 49 kr., also ein Mehr von nur 787,769 fl.
57 kr. Die Ueberschüsse haben also im Jahre
1864 beträchtlich abgenommen; sie sind um
308,056 fl. 27 kr. geringer als die des Iahres
1863. Dies rührt hauptsächlich von gesteigerten
Ausgaben im außero rdentlichen Etat her,
welche in Folge der damaligen Kriegsbereitschaft
wegen der holsteinischen Frage und durch er-
höhte Beiträge zu den Kosten dcr Bundes-Execu-
tion in Holstein und Lauenburg nöthig werden.
Der Bericht der Commission äußert in dieser Be-
ziehung: „Es sei nur zu beklagen, daß dicsen
finanziellen Leistungen zu den Kosten des deut»
schen Bundes nicht auch sein Einfluß auf die
Geschicke des schleswig-holsteinischen VolkeS ent-
sprechc."

Die letztgenannten Ausgaben beruhen thcil-
weise auf bloßen sogenannten Administra-
tivcrediten, d. i. auf Crediten, welche bei
plötzlich und unerwartet stch zeigenden Bedürf-
nissen des Staates das Großherzogliche Ge-
sammtstaatSministerium auch ohne vorhergehende
Bewillignng der Kammer auf die StaatSkasse
anweisen kann. Es versteht sich, daß hierüber
später dcn Ständen Nechenschaft gegeben wer-
den muß. Jndessen hat die Sache, sowie das
Necht, provisorische Gesetze zn erlassen, das un-
sere Verfassung ebenfalls der StaatSregierung
reservirt, immerhin etwas Bedenklichcs. Die
Commission stellte daher den Antrag: die Kam-
mer wolle den Wun'ch zu Protokoll crklären:
„Die Großherzogl. Negierung möge jeweilS bei
einem Zusammentritt der Stände, sowohl nach
einer Vertagung derselben, als nach Eröffnung
eines neuen Landtags der Kammer ein Ver-
zeichniß der inzwischen ertheilten Administrativ«
credite mit kurzer Begründung ihrcr Vcran-
lassung zur einstweiligcn Kcnntnißnahme bis
zur nachfolgenden Rechtfertignng in den ver-
gleichenden Darstcllungen msttheilen."

Der Präsident deS Finanz - MinisteriumS,

fallsucht ntcht den Zwrck haben darf, Männer zu
verscheuchen, sondern anzulocken und für eheliche
Gedanken zu präpariren. Es war diesc Partbte in
den Händen der Frau Steinecke,-die ihre aller-
dings dankbare Aufgabe mit viel Lebendigkeit und
köstlicher Laune löste. Neben ihr verdienen noch
Frl. Wivmann und Frl. Altmann Lob. Dte Her-
renrollen find unbedeutend. Hr. Tiefel zeigte durch
sein Sptel mehr, als angemeffen wäre, daß er
wenlgstens hinfichtlich seiner Rolle dieser Anficht
war. Die „Nachlwandlerin" ist eine der schwächsten
Arbeiten Bellini's, fie leidet namentlich an einer
Dürftigkeit und Schablonenhaftigkeit der Jnstru-
mentation, die sclbst bei einem italienischen Com-
ponisten befremdet. Gleichwohl fand die Oper durch
die tüchttgen Leistungen der Frl. Pichon und des
Hrn.Simon beifällige Aufnahme. Die Erstgenannte
erntete neben lebhaften Applausen auch zahlrriche
Bouquets ein. An etnem derselben soll fich, wie
die Sage geht, auch ein werthvolles Armband be-
funden haben. Itelsts rekero. Am Montag wurde
zum Benefiz der Frl. Altmann die von früherher
bekannte Poffe „Etner von unsere Leut'" bei mäßig
besetztem Haufe gegeben. Hr. AlbtnuS, in deffen


* Theater.

Herrmann Hendrichs, einer der größtrn
deutschen Schauspieler, welcher grgenwärtig mit
außerordentltchem Erfolge in Darmstadt gasttrt,
wird auch etnige Mal auf der hiefigen Bühne auf-
treten. Wer je Gclegenheit hatte, den großen
Künstler alS: „Herzog Albrecht", „Tell", „Posa",
„Götz von Bcrlickingen" rc. zu sehen, der wird ge-
stehcn müssen, daß Hendrichs in dirsem Fache ein-
zig dasteht; — edle, imposante Gestalt, mächtigeS
Organ und ein naturwahres, feuriges Spiel„ AlleS
ist hier verrtnigt — und die Wirkung, die er mit
feinen Darstellungen erzielt, ist stets eine großartige.
Das hicsige Publikum wird durch das Intereffe,
welches es dtesem Gastspiel widmet, sich selbst ehren.

Aus der Unglücksgeschtchte deS gescheiterten Dam-
pferS Ercelfior ist noch etne Episode zu erzählen,
dtc wohl baS Scheußkichste von Allem ist. Gin
SchleSwtgrr, der einzige überlebende Paffagter,
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