Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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1-* Karlsruhe. 24. April. 29. öffentl. Si-
tzung der 2. Kammer. Der Tagesordnung ge-
mäß kommt der vom Abg. Gerwig erstattete
Bericht der Budgetcommission über das ordent-
liche Budget „desKultus, Unterrichtswesens.der
Wiffenschasten und Künste" für die I. 1866
bis 67 zur Verhandlung. Jn Bezug auf den
Kultus sind die Anschläge des letzten Budgets
im Weseutlichen beibehalten, indem man von
dem richtigen Grundsatz ausgeht, daß nach der
den Kirchen gewährten Freiheit und Selbst-
ständigkeit in Folge der Gesetzgcbung von 1860
keine Kirche weitere Ausprüche auf Unterstütz-
ung aus der Staatskasse erheben könne, als
solche, welche auf Verträge und früheres Ueber-
einkommen gegründet sind. Durch die erlangte
Selbstständigkeit seien die Kirchen in die Lage
gekommen, für ihre Bedürfnifse selbst zu sor-
gen; ausnahmsweise dürfte der Staat nur gut-
thatweise in besonderen Fällen den Kirchen eine
Unterstützung gewähren.

Diesen Grundsätzen gemäß wird die Dota-
tion des katholischen Kultus wie früher mit
jährlich 62,463 fl. 29 kr., statt der oou der
Regierung in Ansatz gebrachten 69,242 fl. 52 kr.,
die des evangelischen Kulws mit 54,226 fl.
29 kr., statt der geforderten 55,411 fl. 48 kr.,
die Les israelitischen Kultus mit jährlich 1950 fi.
von den Kammern genehmigt.

Unterrichtswesen.

Universität Heidelberg. Die Dotation
der Universität ist seit einigen Jahren in raschem
Steigen begriffen; im 1.1860 betrug dieselbe
noch 115,123 fi.; für die laufendeFinanzperiode
werden jährlich 151,000 fi., d. i. 21,877 fl.
mehr als im Jahr 1864/65 gefordert und ge-
nehmigt. Die Mehrforderung soll hauptsächlich
verwendet werden für Erhöhung der Aversen
des physiolog. Jnstituts, der Entbindungsan-
stalt, des akademischen Krankcnhauses, ferner
für einen Lehrer der pathologischen Anatomie,
einen Nepetenten bei der theologischen Fakultät,
für Besoldungszulagen, für Erhöhung des Ge-
haltes des akademischen Musikdirektors u. s. w.

Unter der Dotation der Universität bestndet
sich seit einigen Jahren die Summe von 6000 fi.
für das ,-evangelische Predigerseminar". Die
Commission hatte beautragt, diese Summe zwar
zu bewilligen, jedoch zugleich gegeu die Regie-
rung den Wnnfch ausznsprechen, daß das ge-
geuwärtige Verhältniß dieser Anstalt zur Uni-
versität baldigst in einer dem Grundsatz der
Trennung von Kirche und Staat entsprechenden
Weise bereinigt werden möge. Dieser Antrag,
desien Sinn bei den bekannten Verhältnissen
dahin geht, das Seminar nicht als eine staat-
liche, sondern als eine kirchliche Anstalt zu be-
trachten' und zu behandeln, rufl eine mehrstün-
dige, mitunter sehr erregte Debatte hervor.
Kiefer will das Seminar als einen integri-
renden Theil der theologischen Faknltät behan-
delt wissen. Mit dem Kampf gegen das Se-
minar wolle eine bekannte Partei nur politisches
Kapital gegen die Negierung machen und gegen
die freie wissenschaftliche Forschung zu Felde
ziehen u. s. w.

Pagenstecher, Paravicini, Moll, Eckhard spre-
chen in ähnlichem Sinne.

Staatsrath Lamey erklärt sich über die
Stellung der Negiernng zu dieser Frage in
gleichem Sinne, wie bei der bekannten Jnter-
pellation des Freiherrn v. Göler in der ersten
Kammer über denselben Gegenstand. Der Staat
köivie und wolle keinen Seminarzwang, noch
theologische Staatsprüfungen fernerhin festhal-
ten; dies verstoße gegen die Grundsätze der
Gesetzgebung von 1860. Wenn man aber einem
langjährigen Bestand gegenüber einen neuen
Grundsatz einführen wolle, so könne dies nicht
sofort nach allen Nichtungen geschehen. Selbft
die theologische Faknltät sei mit dem Grundsatze
von 1860 eigentlich nicht vereinbar; aber man
müsse sie erhalten, weil sie längst historisch be-
stehe. Die Kirche dürse keiner beftimmten Nich-
tung, die innerhalb der Kirche sich geltend
machen, angehören, sondern über allen stehen.
Das Seminar müsse eine andere Stellung er-
halten, wenn auch in Verbindung mit der Uni-
versität; dies Alles sei aber Sache der Kirche
und ihrer Vertretung zu bestimmen. Die
Staatsregierung werde sich in dieser Sache
vollkommen nnparteiisch benehmen.

Muth für den kirchlichen Charakter des Se-

minars, ebenso Obkircher, Schaaf, Gerwig u. A.

Beck: Die Stellung, welche die Regierung
zu dieser innern Frage der eoang. Kirche ein-
genommen, sei correkt und consequent, ja con-
sequenter, als die vieler seinerpolitischenFreunde,
die für den Grundsatz der freien Kirche schwärm-
ten, hier aber in einem concreten Falle in
Wahrheit der Unfreiheit das Wort redeten,
ähnlich den Ultramontanen, die zwar für ihre
kirchlichen Ansichlen die vollste freie Bewegung
in Anspruch nehmen, gegen die religiösen Ueber-
zeugungen Anderer aber möglichft exklusio sich
verhielten, und gerne geneigt wären, überafi
die Zwangsgewalt des Staates in Ansprnch
zu nehmen, um ihre höchst eigene Ansicht zur
allein geltenden zu machen. Diese Jnconsequenz
und versteckte Jntoleranz solle man nicht nach-
ahmen. Der Staat habe sich um keinerlei kirch-
liche Richtungen zu bekümmern, er müsse sie
frei walten lassen, überall wo sie ehrlich auf-
treten. Wenn man einmal den Grundsatz von
der s. g. freien Kirche aufnehme, so müsse man
auch den Muth haben, ihn nach allen Seiten
hin gelten zu lassen. Redner kehrt sich schließ-
lich gegen Kiefer's Behauptung, daß das Leben
Jesu von Strauß den Ausgaug einer neuen
kirchlich religiösen Entwickelung, der Kirche der
Zukunft, bilden weroe.

Der Antrag der Commission wird, da kein
Gegenantrag gestellt ist, angenommen.

Die Dotation der Universität Freiburg
mit 61,000 fl., 12,036 fl. mehr als srüher, und
die der polytechnischen Schule mit 46,000 fl.,
dieselbe wie früher, werden genehmigt.

(Schluß folgt).

-44- Karlsruhe. 25. April. Die maßlosen
Angriffe, die Kreihcrr v. Anvlaw unv seine
politischen Freundc neulich in der ersten Kam-
mer gegen den Präsidcntcn des Ministerinms
d. Jnnern, StaatSrath Lamey. dcsscn Cha-
ractcr und politischem Streben bas Land
so viel zu verdanken hat, richtelen, haben der
hicsigen Bürgerschaft Anlaß gegeben, in einem
öffentlichen Acte ihre Verehrung gegcn dcn ver-
dienten Staatömann in gceigncter Weise össcnt-
lich auSzndrücken. Hcute Äbcnd wirv eemsel-
ben von Seiten der hiesigcn Bürger und Ein-
wohncr cin solcnner Fackelzug gebrachl, um
dem verehrlcn Mannc das ungeschwächle Ver-
trauen nnd' die offencu Sympalhien gegenüber
dcn nnverdienlen und unbegründetcn Angriffen
der Ultra'S anszildrückcn.

^ Emniendin«;en, 24. April. Die hie-
sige Einwohnerschaft hat an den Präsidenten
des Ministeriums des Jnnern, Staatsrath
Lamey* in Folge der Angriffe der Ultramon-
tanen in der I. Kammer, eine Adresse gerichtet,
worin die Absender ihren tiefsten Widerwillen
und ihre gerechteste Entrüstung gegen das Trei-
ben einer Partei bezeugen, welche, in der Wahl
ihrer Mittel nicht verlegen, darauf ausgeht,
das segensreiche Wirken uuserer volksthümlichen
Regierung, insbesondere aber die erfolgreichen
Bemühungen des Präsidenten des Minifteriums
des Jnnern zu verdächtigen und zn untergra-
ben. Gesteigert wurde dies Gefühl des Ab-
scheues durch die Nachricht des erwähnten An-
griffs, und erachtkn es nnnmehr die Absender
der Adresse für ihre heiügste Pflicht, ihre
innigste Freude über die Sr. Excellenz zn
Theil gewordene glänzende Genugthuung und
ihren heißgefühltesten Dank sür das gedeihliche
Wirken und die stets bewährte Verfaffungs-
trene des Herrn Staatsraths Lamey anszu-
drücken.

Berlin, 23. April. Die prcußische Ant-
wort auf die österreichischc Depesche vom 16.
April ist am 21. April nach Wicn abgegangen.
Dicsclbe bemerkt, die preußischen Rüstnngen
seien durch die östcrreichischerseitS statlgehabtcn
Truppenbcwegungcn nach der preußischen Grenze
hin hervorgcrufen worven. Sobald Prenßen
die authcntischc Nachricht crhalten habcn werde,
daß die östcrreichischcn Nüstungen rückgängig
gemacht worden, solle in dcm Maße, wie die
österrcichischen Abrüstungcn vor sich gchen, die
Vcrmrudcrung dcs crhöhten PräsenzstandeS dcr
bctreffcnden preußischeu Truppenthcile erfolgen.
— Ueber einc Neise dcS Gräfen BiSmarck nach
Emö ist hier Nichts bekannt. — Bezüglich der
Verhaftnng des Grafen Waldersee hat das
österrcichjjche Cabinct mißbilligende und ent-
schuldigende Erklärung abgcgebcn.

Wien. 23. April. Die Armee DenedekS
wird verstärkt und auf Kriegsfuß gesetzt. Ein
officiöfcs „Mitgetheilt* der Ocsterr. Ztg. con-
statirt dic Nöthigung zur Bereithaltung für alle
Eventualitätcn. Hcute Milkag wurde hier die
preußische Depesche übergeben.

Z t a r i e n.

Einer Correspondcuz der „N. fr. Pr." aus
Florenz, 18. d., cntnehmen wir Folgendes:
„Dic italienijchc Ikegierung wünscht den Krieg,
hofft auf deffen Ausbruch und bereitct sich mit
allen Kräften darauf vor; aber sie richtct ihre
Maßregeln der Art ein, um. falls der Frieden
wider Erwarten dennoch crhalten bleibeu sollte,
sich diplomatisch ünd finanziell so wenig alS
möglich erponirl, engagirt nnd compromiltirt
zu haben. Die größten Anslagen, welche biS
jetzt zu Rüstungeu aufgewendet wurdcn, fallen
auf dic Marine, die, was außer Zweifel stcht
und durch eine Menge Specialangaben consta-
tirk wird, besonders in den neapolitanischen
Arsenalcn die gewaltigsten Vorbereitungen trifft.
T u r k e i

Bukarest. 23. April. Die Behauptung,
womit Bratianv die Wahl des Prinzcn von
Hohenzollern in Sccne gesetzt hat, daß nämlich
Kaiser Napoleon die Candidatur bes Prinzcn
lebhaft protegire. soll durchaus unbegründet
sein. Hier wird täglich dcr Ausbruch von Un-
ruhen dcfürchtet. Das Militär ist consignirt.
Die Bürgcrwehr bewacht die Municipalität und
häll die Vffentlichen Plätze besetzt. Das Militär
wünscht dcn Obersten Harülambi zum Fürsten.
Dieser^will indeß nicht acceptiren. Die untcren
Volksklassen beabsichtigcn, Pratiano zum Für-
sten auszurufen, wenn der Prinz von Hohen-
zollern ablehnt.

Neuefte ?r,chricdren.

München, 24. April. Die „Bayerische
Ztg." meldet: Das Ergebniß der Augsburger
Minister-Conferenz besteht in dem allseitigen
Einverständnisse darüber, daß der preußische
Reformantrag nicht zurückzuweisen, sondern
zum Ausgangspunkte der Verhandlungen für
eine zeitgemäße Bundesreform zu machen ist.
Das Nähere über die Stellung der bayerischen
Regiernng zu dem Antrage wird sich bei den
Verhandlungen in dem Ausschusse der Bundes-
versammlung ergeben._

-j-j-Die Berhandlunaen vor dem Gr.

Hesflschen Vezirksstrafgerichte
Michelstadt.

(Forlsetzunq.)

StaakSanwalt deiann: Dnrch die Geständnisse

„Nur hinaus, sie (oie Pfaffen) müsien hinaus! Wir
sind keine BaSler FabrikSkinder! Forl! Stünnt!" nach
dem spnrng,^ 'vos^lsi^ bei^seinn^Anknlift schon

gin>i, mit Sleincn näch dem Schlosse und der Terrasie
warf, mit einem Prügel wider das Thor schlnq, damit
cS ^aiisgeheund sie^z^ dem erwädntcn Zi^ecke in daS

unlrantte, nnd sich mit demsetbcn herimffchlug ; — daß
cr, da Fr. Ehrlein von Hcidelberg sich dageqen wehrle,
mil nach Neckarsteinach ziirückzugchen, saqre: „cS wird

gen', und ihn lestbielt. während die Andern ilm schlu-
gen; — oaß er mil seinen Genossen, nachdcm er
sich deßiallS vorher mit ihnen verabredet gehabt halte,
dem Leondard Breidenbach Schlä.ie zu geben, weiin der»
selbe den Pionier Joh. Heilinann aeschosien habe, in
die Woh tting Breidcubachs gin-z. daselbst oer Mißhand-
lun>i dcsielben beiwohnte, und dabei selbst mit der Faust
a»f ihn schlug.
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