Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

Page: 556
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1866/0556
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Saalbau stattgehabten Verhandlungen hin, deren
Resultat gewesen sei, dem deutschen Volke eine
schmachvolle Neutralität anzuempfehlen, nach.
dem man es doch nicht wagen konnte, offen
aus die Seite BismarckS zu treten. Um hierzu
zu gelanqen, habe man Oesterreich zum allei-
nigen Sündenbock gemacht, sür alles Schlechte,
was in Deutschland seit vielen Jahrhunverten
geschehen sei und Preußen als den zu alleu
Werken der Neaction wider Willen mitgezoge-
nen Theil hingestellt. Die Losung Preußcns
seir'Schleswig-Holstein muß preußisch werden,
oder es soll wieder danisch sein. Oesterreich
habe sich aber wenigstens in dieser Frage auf
die Seite deS Rechts gestellt; die Demokraten
vergeben sich nicht daS allermindeste, wenn sie
in diesen Kampf an der Seits Oesterreichs ein-
treten. Weun der Krieg zwischen Oesterreich
und Preußen localisirt bleiben würde, dann
habe Frankreich in jeder daraus hervorgehenden
Veränderung dcrMachtverhältnisse den erwünsch-
ten Anlaß, sich sofort einzumischen. Darum
müffen Völker und Regierungen sich vereinigen,
den preußischen Uebergriffen entschieden ent-
gegen zu treten. Dadurch allein sei cs viel-
leicht noch möglich, den drohendcn Krieg zu
verhindern.

Bebel von Leipzig, Arbeiter, führt darauf
in gewandter Sprache aus, wie es Psticht der
deutschen Volkspartei sei, im Augenblick mit
den Mittel- und Kleinstaaten zu gehen, nicht
weil man im Uebrigen für deren Politik so
sehr eingenommen sei, sondern weil die beider-
seitigen Jntereffen zufällig ebcn zusammen
treffen. Nedner hält die Neutralität cbenfalls
für geradezu unmöglich und führt dafür,ge-
schichtliche Parallelen an. Sie würde den alten
Annexionsappetit Preußens, der jetzt Heißhun-
ger geworden, in'S Ungeheuerliche steigern. So-
bald Preußen wisse, daß die Mittelftaaten neu-
tral seien, würde es zuerst über Oesterrcich und
dann über die „Neutralen" herfallen. Das sei
zu verhindcrn.

Redacteur Mai aus Altona (lebhaft cm-
pfangen'): Jm Saalbau habe man sich in ham-
lctartigem Grübeln die Köpfe zerbrochen über
den möglichen Ausgang des bevorstehenden
KriegeS und alle möglichen Combinationen mit
beiläufiger Erwähnung auch Schleswig - Hol-
stcinS erwogen. DaS Rechte §ber habe der alte
Welcker getroffen, der jisnger sei, als ein großcr
Theil dieser doctrinären Gesellschaft. Nccht muß
gegen Gewalt vertheidigt werdcn! war Welckers
Losung. Das müßte ein schlechter Mann sein,
der seine Stellung da nichb kennt! Der Bun-
destag mag so schlecht sein, als er will, wenn
er für den öffentlichen Frieden cintritt, hat das
Volk hinter ihm zu stehen. Jch bin weit ent-
fernt, Habsburg zu glorificiren; in Holstein
aber aber tritt es wenigstens nicht als Feind
des öffentlichen Rechts auf, und wenn es am
Bunde Garantien für die Reactivirung der
schleswig-holsteinischen Stimme gibt, so ist un-
sere Stellung n ebcn Oesterreich. Rcdner er-
innert mit bewegter Stimme an die Tausende
von Versammlungen, in dencn sich daS deutsche
Volk feierlichst für das Recht Schlcswig-Hol-
stcinS verpflichtet. Sollte im deutschen Volke

(D.nWort deS österreichischenKatserS.)
In Wien circulirt ein Wort des Kaisers. Eincr

liche Sinn bleibt doch immer derselbe. Ein Pfaidler,
dessen Gewölbe in einer der belebteren Gaffen der
inneren Stadt sich befindet, mußte dieser Tage der
unerbitklichen Mahnung drs Werbbezirks-Eom-
manoos sich fügen und seiner Psticht alS Reservtst
genügen. Seine Gattin und sejne beiden Kinder
verloren momentan ihren Ernährer, und in ihrer
Verzweiflung beschloß vie Fran, sich an den Kaiser
zu wenden, um die Frrilassung ihres Mannes zu
erbitten. Der Kaiser hörte bie Bitte freundlich an
und erwiederte — so erzähtt man sich in der Stadt,
und daS »N. Fr.-Bl." erzählt nur nach — dann:
„Meine liebe Frau, ich kann Jhre Bitte leider
uicht rrfüllcn. Ich habe auch Frau und Kinder
und werde, wenn es nöthig ist, auch meine Fa-
milie verlassen müssen."

Waadt. Lehter Tage hat fich ein enormer Fels-
block vyn den Diablerets loSgelöst und beim Her-
unterstürzcn 6 Hütten zerstört.

ein Lhnlicher Geist der Schlaffheit und Verleug-
nung herrschen, wie heute im Saalbau, fo sei
dieß von allen traurigen Erfahrungen. die sein
armeS Vaterlaud gemacht, die traurigste, von
allen Leidenskelchen, die ihm gereicht worden,
der bitterste.

Claus Riepen, Mitglicd der Ständever-
sammlung aus Holstein, wirft einen Rückblick
auf die Ereignisse in seinem engeren Vaterlandc
vou 1848 — 50 und schildert dann die gegen-
wärtigen Zustände in Schleswig seit Einfüh-
rung der berüchtigten Zuchthausverordnung.
Es stehe in Schleswig jetzt viel schlimmer, als
unter der Dänenherrschaft, ja selbst in Ruß-
land genicße man der Freiheit im Vergleich zu
der Wirthschaft der Preußen in Schleswig.
Wer nur den Wunsch nach selbstständiger Con-
stituirung der Herzogthümer ausspreche, könne
mit 5—10 Jahren Zuchthaus bestraft werden.
Zahlreiche Beamte, die ihre Gesinnungen nicht
von gestern auf heute wechseln konnten, werden
auf die Straße geworfen, und könnten ver-
hungern, wenn nicht die Brüder in Holstein
und Schleswig selbst einen Unterstützungsfonds
geschaffen hätten. Und mit solchen Zuständen
wollc man das jetzt leidlich und gesetzlich regierte
Holstein, wolle man ganz Deutschland beglücken?
Er hoffe eine solche Schmach und Schandc nicht
zu erleben. Die SchleSwig-Holsteiner feien nicht
als Bettler hierhergekommen für ihr Recht.
Nicht das ihre allein, sondern das Necht ganz
Deutschlands stehe auf dem Spiele. Dieses
Recht kann aber nicht geschützt werden, wenn
man wie die Herren im Saalbau die Hände in
den Schooß legt, sondern wenn man mit ver-
einten Kräften dcn Preußen auf denKopf schlägt.
(Großer Beifall.)

Karl GrünauSFrankfurt(sä Resol. 3, s. Nr.
118) weist das Parlament, das BiSmarck auf dem
Präfentirteller biete, auf's Entfchiedenste zuruck.
„Graf Bismarck ist der Knecht Rupprecht, der
in der eincn Hand die goldeue Nuß, in der
anderu die Ruthe hält. Er ist im Stande,
das allgemeine Stimmrecht wirklich in Preußen
einzuführen. vorher aber hebt er gewiß die
Preßfreiheit und das Vereinsrecht auf. DaS
Spiel mit dem Worte Parlament ist deutscher
Männer vorerst unwürdig, ehe ein positiver
Boden dafür gewonnen ist. Das Parlament
kommt, wenn die Bahn gereinigt ist. Aber
es darf von keinem Fürsten oder Minister g e -
schenkt werden, es muß aus dem Willen der
Nation aufgehen. Das schnödeste aller Junker-
systeme hal es gewagt, zu kokettiren mit dem
Heiligsten, was es auf der Welt gibt, mit der
Arbeit und den Arbeitern. um sie zu Werk-
zeugen dek niedrigsten Politik zu machen. Aber
die LeibLarde der demokratischen Freiheit, der
deutsche Arbeiterstand, weist diese Allianz mit
Entrüstung zurück." (Stürmischer Beifall.)

Dr. Ladendorf bringt eincn republikani-
schcn Gruß von der deutschen Emigration in
der Schweiz und empfirhlt als Programm der
Zukunft Vie deutsche Nepublik.

Carl Mayer aus Stuttgart begründet die
vierte Forderung: Wir veAangen von den Ne-
gierungen die Herstellung der Grundrechte des
deutschcu Volkes und die gesetzliche Einführung
der allgemeinen Volksbewaffnung. „Man
hat uns dieß natürliche Recht so verkümmert,
daß man in vielen Staaten noch durch das ge-
meine Mittel der Lotterie die jungen Leute ein.
fängt, den armen Mann festhält und den rei-
chen für einigc Hundert Gulden losläßt." Red-
ner weist alsdann auf den Fluch der stehenden
Heere hin, die der Nation himmelfchreiende
Summen nutzl.vs vergeuden und unsere bcste
Jugend moralisch verkrüppeln. „Wir wollen die
Sclaverei nicht mehr, die nur des Winkens
der Fürsten und Minister harrt, um auf ihre
Brüder zu schießen. Nur die Volksbewaff-
nung stärkt die - Kraft der Nationen, nur
die Volksbewaffnung macht aus einem servi-
len Volk ein sreies. (Hinweis auf die Schweiz.)
Man muß darauf dringen, daß in allen Land-
tagen das Verlangen nach allgemeiner Volks-
bemaffnung laut und immer lauter wird. Das
Eisen ist auf dem Ambos, das deutsche Volk
soll jetzt der Schmied sein, der immer drauf
los hämmert."

Jn Lhnlichem Sinne spricht Baist aus
Zürich.

HauSmann aus Schwaben sur dre letzte

Resolution: Die Versammlung fordcrt das Volk
in allen einzelnen deutschen Staaten dringend
auf, angesichts der jetzigen Gefahr und Noth
überall in Stadl und Land in politische Ver-
eine zusammenzutreten. Er entwickelt die in
Schwaben schon bestehende Orgamsation der
Volksvereine, die sich über ganz Dcutschland
crstrecken müffe. Erst bei solcher Organisation
könne man aus dem Volke herauS im Namen
des Volkes reden.

Dr. Lerchenau aus Wien: Der Enthu-
siasmus der östcrreichischen Völker für den
Krieg, der ihnen heute morgen zum Vorwurf
gemacht worden, erkläre sich einfach dadurch,
weil sie wüßten, daß ihre Sachc die gerechte
sei. Dic Neutralität sei nur ein Auskunfts-
mittel, um Bismarck, für den man nicht offen
einzutreten wage, heimlich zu unterstützen. Die
Mittelstaaten möchten auf Oesterreichs Seite
stehen, nicht weil sie für Habsburg schwärmen,
sondern weil es das Recht für sich habe. (Leb-
hafter Beifall.)

Welker, Arbeiter aus Frankfurt, warnt
den Arbeiterstand, sich von keiner Partei ködern
zu lassen, sondern eine eigene Arbeiterpartei zu
bilden.

Die Versammlung schloß um 7 Uhr.

' (Frankf. Bl.)

Deutschland.

Stuttgart, 23. Mai. Heute wurde die
Ständeversammlung durch Se. Maj. den König
mit folgender Thronrede eröffnet:

München, 21. Mai. Sehr vielc Mitglie-
der der Kammer der Abgeordneten sind bereits
bis diescn Abend hier eingetroffen, und es ist
nicht zweifelhaft, daß die Kammer schon mor-
gen Abend beschlußfähig sein wird.

München, 23. Mai. Feldmarschall Prinz
Karl ist zum Commandanten der mobilen Ar-
mee, und Generallieutenant Frhr. v. d. Tann
zum Chef des Generalstabs ernannt worden.

Berlin, 22. Mai. Der „Staatsanzeiger"
bringt xine Bekanntmachung der Minister der
Finanzen und des Jnnern, durch welche bis
zum 1. October d. I. die Ausfuhr von Ge-
treide, Heu und Stroh für die Grenze von der
Weichsel biS Thorn einschließlich bis zur Grenze
gegen das Königrcich Sachsen bei Seidenberg
verboten wird.

Berlin. 22. Mai. Der Abg. Carlywitz
hat sich bercit erklärt, eine Wiederwahl anzu-
nehmen, und veröffentlicht sein Proqramm in
der äußeren Frage. Derselbe erklärt sich gegen
jede Vergewaltigung eines deutschen Landes.
gegen jede Annexion ohne Zustimmung der Be-
völkerung und gegen jeden Krieg unter Deut-
schen^ der nur znr Schwachung des Gesammt-
vaterlandes, ja zum Vcrluste einer Provinz füh-
ren könne, sollte er selbst eine Vergrößerung
Preußens zur Folge haben.

Untcr dem Vorsitze vou Uh lig hat zu Mag-
deburg eine Bürgerversammlung stattgefunden.
Auf Antrag des Dr. Hirsch erklärtc diefelbe,
es sei Pflicht der ncuen Landesvertretung, die
volle Wirksamkeit des bcfchworenen Verfaffungs-
loading ...