Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Hridrlbrrger Zrilung.

KrcisverkündigMgsblatt für den Kreis Heidelberg und anttliches Verkündignngsblatt für die Aints- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelbcrg unö Wiesloch nnd den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

12ät.


Mittwoch, S« Mai

18««

Auf die „Heidelberger
' I Zeitung" kann man sich

noch für don Monat
Iuni mit 21 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalten, den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

* Politifche Umschau.

Heidelberg, 29. Mai.

* Bis zur Eröffnung des Congresses (wenn
dieser überhaupt zu Stande kommt) kann es
noch etwa 14 Tage daucrn, die Verhandlungen
desselben werden jedenfalls auch noch einige Zeit
in Anspruch ne^men, und da unterdesscn keine
der drei sich feindlich gegenübcrstehenden Machte
ihre Rüstungen cinstellen will, so müßte der
gegenwärtige unsichere Geld- und Arbeitskräfte
verschlingende Zustand noch mindestens 3 — 4
Wochen fortdauern. Wenn man die ungeheuern
Lasten in Betracht zieht, die sich die drei Mächte
mit ihren enormen Kriegsrüstungen aufgebürdet
haben, so muß man sich sagen, daß keine der-
selben diese colossalen Ausgaben auf die Dauer
zu bestreiten vermag. Jn den Negicrungskreisen
zu Paris stellt man sich anscheinend sehr be-
kümmert wegen dcr geringen AuSsicht, den
Frieden zu erhalten; aber bei Lichte betrachtet,
ist dieS doch alles nur Scheinheiligkeit. Jn
That und Wahrheit ist es sicher Napoleon selbst
nur erwünscht, wenn die Dingc ihren Lauf
nehmen, um sofort aus der ersten Gelcgenheit
Nutzen zu ziehen. Nicht viel anders wird es
sich mit den Friedensbemühungen Rußlands
verhalten. Auch dicser Macht können die Zwi-
stigkeiten im übrigen Europa nur erwünscht
kommen. um im Orient freie Hand zu erhal-
ten. Eine Hauptschwierigkeit für den Congreß
wird die Ausmittlung anzubietender Entschädi-
gungen sein, vornehmlich zu Gunsten Oester-
reichs, wenn dieses auf Venetien und seine
Rechte in Schleswig - Holstein verzichtct. Jn
Europa gibt cs bekanntlich kein herrenloses
Gut (wie allenfalls im Jnnern von Afrika),
kein Land, das nicht ein Staat oder Bestand-
theil eines Staates wäre; der Congreß wird
aber doch nicht selbst die Rolle eines Freibeu-
ters übernehmen und es machen wollen, wie
der heilige Crispinus, dem man nachsagt, daß
er Leder entwendete, um den Armen Schuhe
daraus zu machen? Der hohe Congreß wird
doch nicht die „Neutralen" plündern wollen,
auf daß er eine Entschädigung herausbringe? j

Je länger man die Frage hin und her betrach-
tet, desto mehr wird man in der Vermuthung
bestärkt, daß man weniger einen Glauben an
Erfolg, als vielmehr einen politischcn Schachzug
vor sich habe. — Am mißlichsten und verhäng-
nißvoüsten stellt sich aber der Congreßgedanke
für Deutschland dar. Es ist schon wenig
ehrenvoll, daß Deutschland in Paris erscheinen
muß, um dort die Entscheidung übcr den gegen-
wärtigen, zumeist innern, Conflict zu verneh-
men, — denn das unterliegt keinem Zweifel,
daß ch i'e r Napoleons Stimme die entscheidende
sein wird. — Die größte Schmach aber wäre
es, wenn Deutschland die Umgestaltung seiner
politischen Verhältnisse aus den Händen de2
Auslandes empfangen sollte. Wir haben uns
hierüber neulich schon näher ausgesprochen, und
cs mag somit diese kurze Rückdentung genügen.
— Wie man vernimmt, wollen einige deutsche
Regierungen beim Bundestage den Antrag auf
Zurückweisung des Ansinnens, den Congreß von
Seiten DeütschlandS zu beschicken, stellen. Möge
der Bundestag hierauf eingehen, um während
der 50jährigen Zeit seines Bestehens wenigstens
des Ruhmes einer patriotischen That theil-
haftig zu werden.

Die „N. Bad. Ldsztg." veröffentlicht heüte
nachstehende Erklärüng: Die badische Fortschritts-
partei, als deren Organ bis dahin unser Blatt
bezeichnet war, läßt uuö heute die Erklärwng
zugehen, daß eine Reihe neuerer Veröffent-
lichungcn der „Neuen Badischen Landeszeitung"
über die deutsche und schleswig - hylstein'sche
Frage mit ihreu Ueberzeugungen nicht über-
einstimme. Es wird daher, nach dem Ver-
langen der Fortschrittspartei und mit der Ucber-
einstimmung des Eigenthümers des Blatteö,
das bisher bestandene Verhältniß als gelöSt
erklärt.

Jn Bonn hat eine U.wählerversamm-
lung sich gleichfalls gegen den Krieg ausge-
sprochen, indem sie besonders betonte, daß
der Berus Preußens" keineswegs durch die
Politik des Blut und Eisen gefördert wer-
den könne. — Aus Ratibor berichtet die
„Breslauer Ztg.": Die Nachricht des Berliner
„Fr. Bl." von der Errichtung von Cavallerie-
regimentern rc. auf Kosten des Herzogs von
Ujest rc. wird an betreffender Stelle als unbe-
gründet bezeichnet.

Die preußischen Urwahlen sollen zum 18.
Juni zu erwarten sein.

Aus Madrid wird gemeldet: Ein Circular
deS Ministers der auswärtigen Angelegenheiten
rechtfertigt daS Bombardement von Valparaiso,
und erklärt, daß Spanien jederzeit bereit sei,
einen ehrenvollen Frieden abzuschließen.

Deutschland.
Karlsruhe, 26. Mai. (42. öffentl. Siz-
zung der zweiten Kammer.)

Vorsitz: Hildebrandt. Am Ministertische:
Staatsrath Lamey und'Ministerialrath P o p-
pe n. Nach dcr Eröffnung der Sitzung zeigt
Kirsner an, daß der Bericht über die Cre-
ditbewilligung zur Beschaffung von Militärpfer-
den erstattet und bereits dem Drucke übergeben
sei. Der Vorsitzende bemerkt, daß der fragliche
Bericht am nächsten Dienstag zur Berathung
kommen werde. Die Kammer schreitet zur Fort-
setzung der Berathung des Berichts des Abg.
Friderich über das Post- und Eisenbahnbud-
get. — Schaaff bespricht die Annehmlichkeit
der Nachtzüge, wünscht aber, daß in den Wa-
gcn Vorrichtungen getroffen werden, um liegen
und schlafen zu können. Jn den Wagen 3. Klaffe
gehe das noch, obgleich das Lager hart sei, aber
in jenen 1. und 2. Klasse könne man nicht
liegen. Diese Vorrichtungen würden nicht vicl
kosten und seien aus anderen Bahnen vorhan-
den. — Staatsrath Mathy: Es scheint, dcr
Hr. Abgcordnete kennt die Geheimnisse unserer
Wagen noch nicht; ich darf sie aber nicht verra-
then. (Heiterkeit!) — Schaaff: Dann werde ich
— um wenigstens für meine Person zu sor-
gcn — mir ein Privatissimum (besondere Aus-
kunftsertheilung) crbitten. (Heiterkeit.) — Haa-
ger frägt, ob die großh. Regierung nicht be-
absichtigc, auch die Wagen 3. Klasse heizcn zu
lassen? Es wäre in diesen nothwendiger, als
in den anderen Wagenklassen, weil die Leute,
die 3. Klassc sühren, weniger gut und warm
gekleidet seien. — Ministerialrath PopPcn:
Jn Süddeutschland sei man in dieser Hinsicht
viel zuvorkommender, als in Norddeutschland.
Dic bad. Verwaltung habe schon an die Heizung
der Wagen3.Klasse gedacht, diese Versuche seien
noch nicht beendigt und die Schwierigkeiten nicht
gering. — Bczüglich des außerordentlichen Bud-,
gets wünscht Kusel, daß die außerordentlichen
Arbeiten nicht zur Ausführung kommen möch-
ten, so lange die gcgenwärtigen Verhältnisse
nicht in ihre frühere Lage zurückversetzt sein
werden. — Stoatsrath Mathy: Die großh.

Schneiderglück.

eine mcrkwürdige Anziehungskraft auf Tauscnde
von Sterblichen aus, dic Betrcffs des irdischen
Daseins an eine Zukunft denken und befliffen sind,
flch eine Stellung zu schaffen, eine Schatzkammer
anzulegcn und auf thre alten Tage Couponab-
schnetder zu werden. Vom Wafferträger aus der
Auvergne bis zum Finanzmann von Jsrael hinauf
begegnen wir auf allen Stufen der Leiter dem
nämlichen Ringen und Streben, demselben uner-
müdlichen Kampf um die Palme, die da von Got-
tes Gnaden das 6rsr>ä livre äe Is äette publigus
gewährt. Kein Mensch aber hat mehr Aussicht, in
Paris sein Glück zu machen, alS ein Schneider.
In neuerer Zeit haben die immer mehr und mehr
in Flor kommenden Kleidermagazine allerdtngs der
rosenfarbenen Schneiderzunft einigen Eintrag ge-
than. Gleichwohl klimmen die Lieblinge der vor-
nrhmen Welt, und ihrer sind nicht wenige, nach
wie vor mit Dampf die Leiter zum Glück htnan.

Wie auf allen übrigen Feldern deS Gewerbfleißcs,
so bewäbrt sich auch auf diesem gliinzend die deutsche
Intclligenz. Die ersten Stadtcelebritäten tm Reiche
der Beklcidungskünstler fiudgcrmanischenUrsprungs,
und die geschmackvollften Herrenmoden stammen auS
ihren Ateliers. Es ist erstaunlich, zu welchem An-
sehen durch Fleiß und Gesckick ein solchcs deutsches
Schneiderlein fich emporzuschwingen vermag, und
ich will nicht unterlassen, als Beleg dazu dem
freundliLen Leser ein wahres Geschichtchen zu er-
zählen, das kürzlich über Ttsch in einem kleinen
Familienkreise, zu dem auch wir ge'hörten, ein
alter Herr zum Besten gab.

Es war an einem Augustmorgen des Iahres
1832, als ein eleganter Reisewagen auf dem Wege
nach Paris die Stadt Straßburg verlteß. In dem
Wagen saß ein vornehmer Herr, Herr v. L., der
Bater des ErzählerS. Derselbe hatte die Stadt
kaum im Rücken, als ein HandwerkSbursche an den
Wagen herantrat und den Herrn tm gebrochenen
Franzöfisch dm die Erlaubniß bat, hinten auf-
steigen und mitfahren zu dürfen. Der Bursche war
hübsch gewachsen, hatte überhaupt ein gefälligeS
Aeußere, und da Herr v. L. just bei guter Laune

kundigte, war natürlich dessen Setn und Wollcn-
„Schneidergeselle Wirth aus Sachsen", hicß es. „Er
wolle nach PariL, um fich in sekner Kunst auszu-
bilden; seine schwachen Geldmittel gestatteten ihm
aber nicht, die Post zu benützen, und so sehe er
sich oft in der Lage, Fahrende mit Platz zum
Sitzen oder Stehen um ein Stückchen unentgelt-
liche Weiterbeförderung ansprechen zu müffen." Die
Freimüthigkeit, womit sein junger Reifekamerad
sich aussprach, dessen entschloffenrs und doch so be-
scheidenes Wesen, das Wagniß, welches damals
für den Sprachunkundigen und Unbemittelten eine
solche Rcise bildete — alleS das nabm Herrn v. L.
ungemein für den dcutschen Handwerksburschen ein.
Mehr bedurfte es schon nicht, um ihn betreffs deS-
selben seine eigenen Gedanken haben zu laffen,
und alS fie in Paris anlangten, war sein Plan
gefaßt. Wirth besaß im Ganzen ein Capital von
15 FrancS. Damtt wor nicht viel anzufangen.
Aber er kannte daS Sprichwort: „Sich strecken
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