Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Ueidelbkrger Zeilung.

Kreisuerlündigimgsblatt fiir den Kreis Heidelberg unü amtliches Berkündigungsblatt für die Aints- und Auits-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg und Wicsloch und dcn Amtsgerichtsbezirk Ncckargeniünd.

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Freitag, I Juni


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* Politische Umschau.

Heidelberg, 31. Mai.

* Die allgemeine Lage wird von Tag
zu Tag trauriger, nicht nur in Preußen alkin,
der Druck, der auf allen Verhaltnissen lastct,
könnte kaum mehr größer werden, wenn der Krieg
wirklich zum Ausbruch käme. Die trostlose
Ungewißheit wird immer unerträglicher, und
die Zahl derjenigen ist nicht aering, die sich
nach dem ersten Kanonenschusse sehnen, damit,
wenn nun doch einmal daS blutige Spiel nicht
vermieden werdcn kann, die Entscheidung so
rasch als möglich erfolge. Es ist beschämend
für unsern Welttheil, daß der Wille eines ein-
zigen Mannes im Stande sein kann, alle Ver-
hältnisse umzukehren, dcn Wohlstand ganzer
Länder zu untergraben, Tausende von Familien
in's Unglück zu stürzen, die Früchte jahrelangen
Fleißes der Bürger mit cinem Schlage zu ver-
nichteu. Jn Preußen stehen Tausende von
Landwehrmännern unter Waffen, politisch gebil-
dcte und gereifte Männer, die der Bismarck-
schen Politik fluchen und einen Krieg verdam-
men, der freventlich von cinem ehrgeizigen
Staatsmanne unternommen werden soll. Ünd
was das Fatalste von Allem ist, was man in
Berlin wohl weiß — Frankreich wird, wenn
der Conflict losbricht, nicht länger in seiner
Enthaltsamkeit verbleiben. Also Elend und
Noth im Jnnern mit der Anssicht, abermals
ein Stück von Deutschland zu verlieren, — das
sind die Segnungcn des Rcgiments Bismarcks.

Jn Petitionen an die Landesregierung stellen
nach und nach sämmtliche schlcswig-holsteinische
Landesvereine im Vertrauen auf Oesterreichs
Gerechtigkeitsliebe die Bitte, beim Bunde geeig-
nete Maßregeln zu unverzüglicher Errichtung
des holsteinischen Bundescontingenles zu treffen.

Die Berliner „Provincialcorrespondenz" vom
30. schreibt: Preußen wird sich an den Pariser
Conferenzen bereitwilligst betheiligen, hält aber
an der Dorauösetzung fest, daß der Gang der
Verhandlungcn bald erkennen laffe, ob ernste
Friedensaussichten möglich sind, und ferner,
daß' nicht eine unberechtigte Entscheidung des
Auslandes für Fragen beansprucht werde, welche
nur der Entscheidung der deutschen Mächte un-
terliegen. Der Beginn der Conferenzen sindet
wahrscheinlich in der nächstkommenden Woche
statt. Zunächst vcrhandeln die Gesandten;
später, wenn die Berathungcn Aussicht auf Er-
folg darbieten, gehen vkellcicht die Minister nach

^v. Heidelberg, 30. Mai. Vor einigen Wochen
war von ben Mitgliedern deö Arbeiterbildungsver-

scheinung selbst, jenc plötzlich an irgend einem
Himmelspunkte fichtbar wcrdenden Sterne, welche
in rascher Bewegung einen Lichtstreif nach fich ziehen,
und eben so plötzlich verschwinden, wie fie erschienen
find. Das unerwartete, durch Nichts vorher ange-
kündigte Aufblitzen der Sternschnuppen macht die
Bcobachtung derselben so schwierig, daß man nur
sclten Gelegenheit hat, zufällig dergleichen zu sehen,
wiewohl schon in gewöhnlichen Nächtcn stündlich
etwa 4 Sternschnuppen innerhalb des Gesichtskrei-
ses eines einzelnen Beobachters »orbeifliegen, eine
Zahl, welche in besonderen Nächten, namentlich
um den 12. August und Mitte November nock be°
deutend ftärker ist. Die Höhe, in welcher dte Be-
wegustg der Sternschnuppen vor fich geht, wcchselt
zwischen 1 Meile und 60 Meilen; ihre Geschwin-
digkrit soll gegrn 5Vr Meilen tn der Secunde be-

Paris. Die bisherigen MittheilunLen über be-
sondere Vorschläge zur Ausgleichung, nament-
lich über neue Ländervertheilungen, sind nur
Zeitungsberichte ohne jede ernstere Berechtigung.
(Vergl. Berlin, 30. Mai.)

Die Zahl der Frauen, welchc von der Stadt
Berlin Unterftützung erhalten, weil die Männer
zum Heere einberufen worden sind, hat gegen-
wärtig schon die Höhe von 3000 erreicht.

Eine Nachricht aus Köln im „Fr. I." be-
sagt, daß 80 einem dortigen Hause zum Ein-
ziehen übersandte Wechsel an nur einem Tage
sämmtlich protestirt wurden. Von guten Ge-
schäften könne also nur bei den Gerichtsvoll-
ziehern die Rede sein; hatte doch einer der-
selben an einem Tage 400 Wechselprotcste auf-
zuweisen!

Die „Wiener Ztg." vom 30. publicirt in
ihrem amtlichen Theile ein Gesetz vom 25. Mai,
welches für Lombardo-Venetien ein Zwangsan-
lchen von 12 Millionen Gulden ausschreibt,
dessen Einzahlungeu in sechs gleichen, für die
Provinzen Venedig, Vicenza uud Belluno mit
Ende Juli, für die übrigen Provinzen mit Ende
Zuni 1866 beginnenden Monatsratcn in Silber
oder Gold zu erfolgen haben.

D e u t f ch l a n d.

* Heidelberg, 30. Mai. Das Organ
der Bismarck'schen Politik, die „Bad. Landes-
zeitung", welche in ncuerer Zeit auch hie und
da auf dem Wegc der Lüge und Verdächligung
erblickt wird, indem sie in ihrer Nr. 120 das Publi-
kum glauben machen möchte, die Commission
der zweiten Kammer werde den von großherz.
Regierung geforderten Credit von 1,070,800 fl.
zur Bestellung von Militärpferden verweigern,
während bekanntlich das Gegentheil erfolgte,
nimmt sich herans, in einer Correspondenz aus
Heidelberg vom 27. unser Blatt zu denunciren
und uns mit dem „Pfälzer Boten", von dem
die edle Bismarckerin das Lügen und Ver-
drehen sich wahrscheinlich angeeignet, in gleiche
Linie zu stellen. Der hiesige Correspondent hat
die Unverschämtheit, in jenem Artikel zu be-
haupten, „die Heidelberger Zeitung sei ganz
ins österreichische Lager übergegangen und
wünsche, wenn sie auch mit der Sprache noch
nicht ganz offen herausrücke, nichts sehnlicher,
als daß Baden im Vereine mit den^übrigen
süddeutschen Staaten mit Oesterreich gegen Preu-
ßen zu Felde ziehe." Wir unsererseits können

tragen. Mit den Sternschnuppen find ficherlich auch
die sogenannten Feuerkugeln identisch, welche mit
einem donnerartigen Geräusche zu zerstieben pflegen
und ihre Bruchstücke als Meteorsteine zur Erde
fallen laffen. Der Rebner besprach nun dte ver-
schiedenen Anfichten, welche über die Entstehung
dieser Meteorsteine Geltung fanden. Weder die
Anficht KepplerS, der die Meteorsteine für Erzeug-
niffe unserer Atmosphäre hielt, noch die Anficht,
nach welcher dteselben Auswürflinge von Mond-
vulkanen sein sollten, können mehr verfheidigt wer-
den. Man ist vtelmehr jetzt allgemein der Ueber-
zcugung, daß Sternschnuppen, Feuerkugeln, Me-
teorsteinc wirkliche Weltkörper seten, welche in einem
ziemlich dichten Ringe um bie Sonnenkrcise, und
in die Nähe der Erde gelangt, entweder von der
raschen Bewegung glühend gesehen werden, oder
gar der Erde noch näher kommend, ihrer Anziehung
folgen und niederfallen Schließlich machte der
Redner noch darauf aufmerksam, wie nach cinigen
Astronomen der schwarze Schatten, der mitunter
auf der Sonne wahrgenommen wurde, ohne son-
stige Erklärung zuzulassen, ferner das Zodiakal-
licht, endlich die sog. EiSheiltgen (die drei kalten

dieser Behauptung nur den bestimmtesten Wi-
dcrspruch entgegensetzen, und erklären dieselbe
als eine tendenziöse Lüge und Verdächtigung.
Dcr Correspondent der B. L.-Z., wclcher nn-
sern sehnlichen Wunsch so schnell herausgTfunden
hat, ist um seine feine Nase zu beneiden, welche
verdiente, s. Z. in Spiritus gesctzt zu werden, * *)
um in dem zoologischen Cabinete als eine der
ersten Raritäten zu prangen. Zu wünschen wäre
aber gewesen, der feinnasige Correspondent hätte
auch einige Belege für seine Behauptung gelie-
fert, was ihm aber Schwierigkeiten bereiten
dürfte. Wenn freilich derKampf für das Recht
und die nationale Ehre unscrcs Vaterlandes als
ein Uebertritt in das österreichische Lager zu
betrachten ist, wenn der Protest gegen jede
Vcrgewaltigungspolitik und das Verlangen
einer gemeinsamen volksthümlichen Politik der
Mittelstaaten, wenn die Forderung, daß auch
unsere Regierung eintreten soll für die wohl-
begründeten Rechte des dcutschen Volkes
und nicht mit verschränkten Armen ruhig zu-
sehen darf, daß sich die beiden mächtigsten Bun-
desglieder im fluchwürdigsten Bruderkricg zer-
fleischen, wenn wir unsere Stimme erhoben
gegen eine Blut- und Eisenpolitik zur Errei-
chung ehrgeiziger dynastischer und persönlicher
Jntercssen, wodurch jetzt schon tausend und
abertausend Familien an den Rand des Ab-
grundes gebracht, der Credit bis ins Jnnerste
erschüttert, die Schöpfungen von Jahrzehnten
zerstört sind, wenn wir für den baldigen Zu-
samnientritt eines deutschen Parlamentes, statt
des schmachvollen Unterfangens, deutsche Ange-
legenheiten eiuem Congresse auswärtiger Mächte
anheimzugeben, uns ausgesprochen, damit auch
daS Urtheil der Nation zur Geltung kommen
kann, wenn diese Anschauungen bei dem Bis-
marck'schen Organ nicht „volksthümlich", sondern
„österreichisch" genannt werden, dann können
wir uns die verächtliche Denunciation schon ge-
fallen lassen, werden aber demungeachtet nicht
aufhören, auch ferner einzutreten in den Kampf
für ein freies, großes und mächtiges Deutschland,
auf föderativer Grundlage geeinigt mit Preußen in
einem deutschen Parlament. — Um den Weih-
rauch, deu die edle Bismarckerin unserer Col-
legin bei ihrem absichtlichen lügenhaften Artikel
gespendet, beneiden wir dieselbe nicht!

*) Anmerk. des Setzers: Vielleicht erblickl die edle
BiSmarckerin in dieser Bemerkung auch eine Partei-


§ Baden, 30. Mat. Die Eoncert-Saison be-

Kleide neben der goldenen Harfe, wußte dte zahl-
reichen Zuhörer durch vollendete Techntk, Zartheit
des ToneS und wieder durch die Kraft der voll--
tönenden Accorde zu lebhaftem Beifall hinzureißen.
Ein Theil des gemischten Chorvereins sang würdig
Mendelssohn'sche Lieder und ^ve verum von Mo-
zart, letzteres übrigens mit etwas zu schleppendem
Tempo. Herr Brandes aus KarlSruhe gab unS
etnigc Proben seiner eigenen Muse, deren warm
empfundene und gewandt geformte Motive großen
Anklang fanden. Doch hätte uns der fetn gebil-
dete Sänger die Mrister des Liedes, Schubert und
Schumann, nicht vorenthalten sollen.

Auflösung des LogogryphS in Nr. 122:
„Abel - Elba.'
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