Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Kreisverküiidigmlgsblatt fiir den Kreis Heidelberg unö amtliches Verkündignngsblatt sür die Aints-- und Amts-
Gcrichtsbezirke Heidelbcrg und Wicsloch nnd dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Nk. 148.


Mittwoch, 27 Zunt


* Politische Umschau.

Heidelberg, 26. Juni.

Man meldet aus Eisenach von gestern:
Der Großherzog von Mecklenburg-Strclitz hat
seinen Gesandten aus Frankfurt abberufen. in-
dem er den früheren Bundestag alS aufgelöft
betrachtet.

Die „Spen. Zlg." schre^bt: Die Fürsten.
welche sich unbedingt Prcußens jetziger Politik
anschließen, sind die Großherzoge von Mecklen-
burg und von Oldenburg, der Hcrzog von
Sachsen-Coburg-Gotha, der Herzog von Altcn-
burg, der Herzog von Anhalt, der Fürst von
Waldeck, der Fürst von Lippe, die Fürsten von
Schwarzburg - Sondershausen und Nudolstadt,
der Fürst von Reuß j. L. — Auf der andern
Seite sind der Großherzog von Weimar, die
Herzoge von Meiningen, der Fürst von Schaum-
burg-Lippe-Bückeburg und Neuß ältere Linie
mil einer bestimmt ausgeprägten Politik in ihrer
Stellung zu Preußen nicht hcrvorgetreten, aber
es steht doch zu erwarten, daß die Ereignisse
auch bei diesen Negierungen bald zur Ucber-
zeugung von ber Nothwendigkeit cines cngercn
Anschlusscs an Preußen führen werdcn(?) —
Dic Hansestädte betrachtet daS Blatt als selbst-
verständlich für den Sondcrbund gewonnen.

Außer Frankreich erklärt auch Rußland die
fortwahrende Anerkennung des Bundes.

Nachrichten aus Gotha vom 23. d. versichern,
daß der König von Hannovcr sich mit einer
kleinen Escorte übcr Döllstedt in der Richtung
von Erfurt zu rettcn sucht. (?).

Dicjenigen Negierungen, welche mit Oestsr-
reich gemeinsam gegen Preußen kämpfen, wer-
den, so vie! man vernimmt, eine entsprechende
Haltung gegen dcn Verbündeten Preußens,
Jtalien, einnehmen und es dürfte die Ab-
berufung der Gesandten Bayerns und Badens
von Florenz unmittelbar bevorstchen.

Der scitherige erste Nedacteur des „Frankf.
Zourn.", Hr. Wilh. Jungermann, ist von der
Redaction zurückgetreten, da er sich mit der
während seiner Abwesenheit am kurhcssischen
Landtag von dcm Blatte cingenommenen poli-
tischen Haltung'nicht einverstanden erklärt hat.

Auf einer am 25. zu Kölu abgehalteuen
Volksversammlung. die von 3500Bürgern be-
sucht war, sprach sich die allgemeine Stimmung
dahin aus, daß dcm jctzigen preußischen Mini-
sterium für den ausgebrochenen Krieg keine

Geldmittel zu bcwilligen seicn. Recht müsse
Necht bleiben und der Militärstaat durch den
Rechtsstaat verdrängt werden. Zugleich fand
die Haltung der „Kölnischen Zcitung" in der
gegenwärtigen Lage von der Mehrzahl der Ned-
ner die entschiedenste Verurtheilung.

Der „Conftitutionnel" versichert, der Ver-
treter Hannover's in London habe eine ener-
gische Note eingereicht, in der Schutz gegen das
gewaltthätigeVerfahren Preußens verlangt wird.
Auch bei andern neutralen Staaten sollen ähn-
liche Schritte geschehen sein.

Das „Memor. dipl." vernimmt aus Wicn,
die österreichische Regierung habe sich mit den
bundestreuen Staaten bereits über die von ihrer
Seite zu machenden Vorschläge für eine Bun-
desreform geeinigt; man würdc das Reform-
project von 1863, allcrdings mit verschicdenen
sehr liberalen Abänderungcn, zur Grundlage.
nehmen; dic Selbstständigkeit der einzelnen Bun-
desstaaten sollc unangetastet bleiben und die
TriaS-Jdee im Bunde eine Verwirklichung er-
halten; auch Preußen würde also nach diesem
Plane die ihm gebührende Stelle in dem reformir-
ten Bunde einnehmen; die gesetzgebende Gewalt
solle einer Nationalvertretung auf sehr breiter
Grundlage übertragen werdcn; über den Wahl-
modus selbst sei man gegcnwärtig uoch in Unter-
handlung; diese Nationalvertretung hätte nicht
allein vom politischen, sondern auch vom com-
merciellen und volkSwirthschaftlichen Standpunkte
auS die Entwickelung der deutschen Einheit zur
Grundlage, und es wäre daun durch dic Bil-
dun^ eines neuen Zollvereines die beste Gelegen-
heit zum Eintritte Oesterreichs in denselben
geboten; einstweilen werde Oesterreich die com-
merciellen Unterhandlungen mit Frankreich und
England wieder aufnehmen.

Der „Jnvalide" stellt offiziell die Nachricht
der „Times" bezüglich russischer Truppenauf-
stcllungen in Abrede; er sagt, der Ttand der
Armee sei unverandert; es habe keine Einbe-
rufung Beurlaubter stattgefuuden und Nicht-
Jntervention werde auch ferner Lie Politik Ruß-
lands bleiben.

Vom Kriegsfchauplatz.

Die Militärzeitung vom 23. Juni vcrkün-
digt die Eröfsnung dcr kriegerischen Operationen
von Scilen dcr österreichischen Nordarmee mit
folgenden Worten: „Wir stehen am Vorabend
großer Ereignisse. Geftern hat sich daö Haupt-

quartier dcs Feldzeugmeister-Oberkommandan-
ten der Nordarmee in Bcwegung gesetzt. Wir
können uatürlich nicht sagen, wohin es sich be-
gab; von jctzt an darf aber ein Zusammenstoß
mit dem Feindc stündlich erwartet werden."
Ucber die Abreisc des Feldzeugmeisters von
Olmütz wird der Feldpost geschricben: Der
Oberkommandant kam am 21. gegen 3 Uhr
auf dem Bahnhofe an, wo sich bereits der
ganze Stab und etwa 200 Personen vom Civil
eingefunden hatten. Das schönc Geschlecht war
zahlreich crschienen. Die Mehrzahl der Damen
waren geputzt wie zu einen Balle, mit Blumen-
sträußchen und Bouquets versehen. Ein Mäd-
chen von 12 Jahren überreichte dem Feldzeug-
meister, nachdem er der ihm zujubelnden Menge
gedankt und sie zu beschwichtigen gesucht hatte,
cinen Blumenstrauß mit einem Gedicht. Gerührt
nahm Benedek den Blumenstrauß und küßte
sodann herzlich die Kleine, die vor lautcr Freudr
die Verse zu sprechen vergaß. Als er sie
hierauf sclbst gelesen, sprach er zu den Damen,
die sich in seiner Nähe befanden, gewendet:
„Ja, mcine Kinder, ihr solltet Alle zu Gott
beten, daß er wieder Alles zum Guten wende."
„Das wollen wir auch" ertönte es hierauf wie
aus Einer Kehle. Eincr Dame, die weinend
von ihrem Bruder, einem Hauptmanne im
Generalstabe, Abschied nahm, sprach er Trost
zu: „Schau'n Sie, wie alt ich geworden bin
als Soldat, und ich hab' auch schon waS mit-
g'macht, 's wäre traurig, wenn cine jede Kugel
treffen würde." Von Olmütz aus hat sich
Benedeck mit dem Hauptquartier auf der Eisen-
bahn nach Böhmen begeben, und erreichte noch
an demselben Tage (21. Juni) böhmisch Trübau.
Ueber die weiteren Bewcgungen der Nordarmee
licgen zur Stunde keine weiteren Nachrichten
vor, außcr einer Notiz dcr Allg. Ztg. von der
böhmischen Neiße vom 20. Juni, nach welcher
in den Ebenen am Südhange des Jsergebirges
eine imposante Heeresmacht in der Entwicklung
begriffen ist. Graf Clam-Gallas, der sie be-
fehligt, hat sein Hauptquartier in Bunzlau
(auf der Straße von Reichenbcrg nach Prag)
aufgeschlagen.

Wien, 20. Juui. Der in militärischen
Angelegenheiten gut unterrichtete „Kamerad" be-
spricht die Besetzung DreSdens durch die Prcu-
ßen in einem längercn Artikel, dem wir fol-
gcnde Stellen entnehmen: „Die Preußen haben
durch die Besctzung Dres.denö keinen Vortheil

Das Festungsviereck.

In der France entwirft ein Militär ein Bild
der Schwierigkciten, die etne feindliche Armee bei
etnem Angriff zu überwinden hätle. Zunachst hat
sie den Mincio zu pasfiren, der, auS dcm Garda-
see kommend, nach einem Lauf von 8 Meilen bei
Govcrnolo in den Po geht, und an allen Stellen
tief genug ist, um dem Uebergang einer Armee
«rnste Hinderniffe zu berciten. Am Mincio liegcn
4 Mcilcn vou einander entfernt Pcscbiera und
Mantua, ersteres an dem Austritt dcsselben aus
dem Gardasee. DaS Städtchen zählt höchstens 3000
Einwohner, das bcfestigte Lager nimmt aber 15,000
Mann auf. Vom Gardasee auS ist Peschiera un-
angreifbar; eine starke Bastion beherrscht den See,
deren Feuer jcde Flottille zcrnichten würde. Eine
enge Landstraße verbtndet die Stadt mit dem Lager,
welches die Ebene beherrfcht; ein detachirtcS Fort
und 4 Bastionen, so wie tiefe Gräben, die jeder-
zeit mit Wasser gefüllt werden können und ein
doppelter Wall bilden die Vertheidigungslinien;
alle dicsc Werke find mit gezogenen Kanonen vom
schwersten Kaliber besetzt. So ist PeSchiera, der

schwächstc Punkt dcs QuadrilatorS, beschaffen. —
Mantua liegt auf einer Inscl, 500 Meter vom
llfcr entfcrnt; hat 30,000 Einwohner und nimmt
eine Garnisan von 40,000 Mann auf. 5 Land-
straßen von drei übcr einander liegenden Batterien
vcrtheidigt, verbinden es mit dcm Ufer. Diese
Wcrke finb in ncuerer Zeit fo verbcssert worden,
daß sie der modernen Artillerle widrrstrhen können.
Zu ihrer Belagerung gehört ein unermcßlichcs Ma-
terial. Die Belagercr bleiben unaufhörticbcn An-
^riffen dcs Feindes ausgcsctzt, rine Niederlage bringt
ihnen Unterqang, ein Sicg würde tbncn, da dem
Fcinv der Rückzug nacb Vcrona und Lcguago bleibt,
wenig nützen. Würbe ein FcstungSwerk genommcn,

sckwirrigere Etschlinie zu passiren; der reißende
tiefe Strom mit steilen Ufern bietet an keiner
Stelle einen Uebergangspunkt. Nördlich liegt Ve-
rona, der Schlüffel zu Tyrol und Friaul, beschützt
durch eine ununtcrbrocbene Umwallung und etne
Rethe von Forts, die ihr Feuer kreuzen. Leguago

ist ein kleiner Ort mit 9000 Einwohnern, beffen
selbst. Zwei detachirte Forts, zwei Brückcnköpfe,

theidigungslinie, die mittelst eineS vou Redouten
und Feldschanzcn gesckützten Weges mit Verona tn
! Verbindung steht. Von Leguago auS kann jederzeit
i Hülfe nach Mantua, Padua und Vicenza gesandt,
! so wie Streichpartien nach allen strategischen Punk-
ten ausgesandt werben. So verhält es fich mit dem
Quadrilator. 4 große Belagerungen und eine lange
Reihe von Scblachten find die Aufgabrn einer tn
Venetien einbrechenben Armee.

In England wurde neulich auf einer Auction
von einjädrigen Füllen für ein solches von aller-
dings untadeligem Stammbaum 2500 Pfd. St.
bezahlt, ein PreiS, wie er selbst in England noch
nte vorgekommen, zugleich ein Bcweis, daß noch
nicht alles Gold vergraben worden ist. Der glück-
liche Käufer ist der Graf v. Hamilton.
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