Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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MATTHIAS GRÜNEWALD

VON

MAX J. FRIEDLÄNDER

Der Ruhm Dürers geht von vielen Schöpfungen
aus, und die Vorstellung von seiner Grösse
setzt sich aus einer Mehrheit von Eindrücken zu-
sammen. Sein Gestaltungsreichtum, die Zeugungs-
kraft seiner Phantasie bewährt sich in der Zahl
der Erfindungen. Es giebt kein einzelnes Werk,
das dem Zweifelnden mit einem Schlage seine
ganze Kunst enthüllen könnte. Und eben dieses
gilt von Holbein und von Menzel und vielleicht
von den deutschen Meistern allgemein.

Von Grünewald, der gewiss ein deutscher
Meister ist, gilt es nicht. Er ist berühmt, seitdem
der Isenheimer Altar bekannt ist, berühmt so weit,
wie dieser Altar bekannt ist. Wer nicht in Colmar
gewesen ist, vermag auf keinerlei Art eine Vor-
stellung zu gewinnen. Und was dem Isenheimer
Altare von Kunstforschern zugeordnet worden ist,
kann nur dem viel bieten, der den Altar kennt.
Würde das Meisterwerk untergehen (das zur Zeit
den Schlachtfeldern verhängnisvoll nahe steht), so

wäre der Rest seines „Werkes" nur noch imstande,
die Grösse des Verlustes ahnen zu lassen.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass der
Isenheimer Altar seine Wirkung zu üben begann.
Manches Vorurteil musste überwunden, eine Ab-
härtung und Befreiung des Auges gewonnen
werden, ehe dass der Anblick erträglich wurde.
Vieles musste erst weichen: Regeln und Gewohn-
heiten, die römische Akademie in ihrer weiten
Nachwirkung durch Zeit und Raum, die französische
Formel des achtzehnten Jahrhunderts, Lessings Lehre,
jede Einbildung von allgemein gültiger Schönheit.

Die Historie, die duldsam macht und Kunst-
gesetze aufhebt, half gewiss, die Brücke zu Grüne-
wald bauen. Mehr vielleicht that die Produktion um
die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. AlsCourbet,
Manet und Daumier akademische Vorurteile zer-
störten und sich das Recht individuellen Schaffens
erkämpften, wurden die Zuschauer dieses Schauspiels
gestählt, ward ihre Empfänglichkeit gesteigert. Die

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