Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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UNSTAUSSTELLUNGEN

KÖLN

Zum dritten Male hat der Köl-
nische Kumtverein eine Ausstellung
von Werken aus Kölner Privatbesitz
veranstaltet. Durch die gewählte Zusammenstellung
bester und kennzeichnender Werke deutscher Meister
wird ein überraschend tiefer Eindruck des Wertes und
der Güte deutscher Malerei übermittelt. Als Ausgangs-
punkt und Auftakt dieser Ausstellung könnte man einen
feinen Mädchenkopf Wilhelm Leibls betrachten. Dieser
Kopf ist formgewordene, sinnende Innerlichkeit in einer
sich bewusst abschliessenden Weite. Das Organische
des Kopfes ist sicher erfasst. Das Licht gleitet weich,
sich vielfaltig schattend, über die Augen. Die Farbe ist
nicht hell, eher dumpf und fest. Sie ist nicht Wirklich-
keitsfarbe. Aber sie ist voll tonigen Reichtums, der
der inneren Stimmung entspricht. So sind die Farbe, wie
die Linienzüge, die die körperhafte Form schaffen
helfen, bewusstes Darstellungsmittel einer tiefgefühlten
Ausdrucksgestaltung. Das ist die Gesinnung, aus der
Karl Haider den unvergleichlich starken Stimmungs-
gehalt zweier Landschaften gewann, die zu dem Besten
deutscher Landschaftsmalerei gehören. In zeichnerischen,
strichelnden Formen gestaltet er jede Einzelheit der
Natur mit umfassender Liebe. Und wenn er jedes Blatt
und jedes Gräschen geformt hat, besitzt er immer noch
genug Kraft, diese Überfülle der Formen zu einer edlen,
grossen Harmonie des Gesamteindrucks zu zwingen.
Nichts Kleinliches haftet ihm an, da die grossen,
führenden Linien, die hellen und dunklen Flächen mit
sicherem künstlerischen Gefühl ein gliederndes Gerüst
schaffen, in dem jede Einzelform innerlich notwendig
und bedingt erscheint. WelcheKraftund welche schöpfer-
ische Gabe der Komposition in ihm lebt, das beweisen
seine,, HeiligeFamilie"und einFrauenbildnis,, Entsagung".
Absichtlich ist jedes Gleichmass des kompositioneilen
Aufbaues vermieden. Und wenn manche Linien herb
und schwergefügt erscheinen, so ist dennoch mit Hilfe
der abgeklärten Milde der farbigen Stimmung der Ein-
druck einer edlen und stillen Ruhe eindringlich und
sinnfällig geschaffen. Kann man annehmen, dass Sperl
etwas anderes gewollt hat als diese tiefe Innigkeit der
Stimmung in seiner Darstellung des Leibischen Hauses
in Aibling, dessen träumeriches Weiss aus dem Grün
der Bäume und der Wiese hervorscheint? Oder Trübner,
dessen „Herrenchiemsee" ein ähnliches künstlerisches
Motiv in unendlich gesteigerter Reichhaltigkeit der
tonigen Farbabstufungen verwendet; dessen Felsen-
landschaft mit der Freunde an den Tonwerten der Farbe
die Liebe zur Formklarheit der Einzeldinge verbindet!
Der Wert der Einzelfarbe, des hervorleuchtenden,

strahlenden Farbfleckes gewann durch den Impressionis-
mus an Geltung. So sind die jüngeren Trübnerschen
Landschaften „Das Haus am See" und das „Parkinnere"
in hellen, lebhaften Farben gehalten und zugleich mit
der alten Sicherheit gezeichnet durch die Schärfe des
farbigen Striches und der gewollten Farbengegensätze.
Auf dem Wege zu dieser Farbenfreudigkeit bildet
die Landschaft Hagemeisters den sichersten Ausgangs-
punkt; und eine der besten Grunewaldlandschaften
Leistikows die allgemein verständliche Überleitung zu
impressionistischer Gelöstheit.

Hier sieht man deutlich, dass Malen um des Raumes
und des Lichtes willen das Ziel des Malers war. Max
Liebermann zeigt den Weg und das Ziel. Der lebendige
farbige Schein schneller Bewegungseindrücke, das
Fluten des Lichts, die verschwimmenden, hinhuschenden
Schatten auf den Flächen der Körper bilden jetzt den
Stoff der Darstellung. Die „Dünenlandschaft mit Jäger
undHunden"undeineSkizze der „Judengasse in Amster-
dam" zeigen wie Liebermann in jeder Erscheinung eine
Summe von Erscheinungen sieht. Seine künstlerische
Phantasie hat die optischen Wirkungen der Natur,
sachlich und gehorsam, so geformt, dass sie zu künstler-
ischen Ausdruckswirkungen wurden. Körper und Raum
sind nichts anderes mehr als Träger des Lichtes und der
farbigen Oberflächenreize, aus der die Phantasie form-
bildend und schöpferisch die Bildeinheit schafft. In
Liebermanns Korso auf dem Monte Pincio ist in der
silbrig flimmernden Luft, in den bewegten atmosphäri-
schen Schwingungen, die auf den eleganten Körpern ner-
vöser Pferde, auf den glänzenden Wagen, auf dem Ge-
misch der Farben der schwarzen Kutscher, der hellen
Kleider hin- und herhuschen, die impressionistische An-
schauung zu einem der glänzendsten Werke derneuesten
deutschen Malerei herangereift. Denn das Flimmernd-
bewegte ist hier in bedeutsamer Sammlung zu einer
starken, synthetischen Gebundenheit und Grösse ge-
steigert. In den Reitern am Strand und dem Bildnis des
Dr. Fuchs sind die Neigungen zu dieser stärkeren Ge-
schlossenheit des Gesamteindrucks schon deutlich er-
kennbar.

Möglich, dass hier eine Einwirkung der neuesten
malerischen Versuche der Gegenwart vorliegt, die da-
hingehen, durch die betonte Zusammenfassung grosser,
einheitlicher Flächen eine bewusste und beruhigtere
Sammlung des Gesamteindruckes zu erzielen. Die
schöne Landschaft von A. Weisgerber, ein farbig reiches
Waldinnere mit einem Trupp Fahrender Leute, könnte
für diesen Zusammenhang in Anspruch genommen
werden. Das dämmerige Dunkel des Tannenwaldes
mit den verstreuten, lichten Sonnenflecken und den
vielfarbigen Schatten ist, trotz seiner ausgesprochen

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