Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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KÜNSTLER*, UND KUNSTHISTORIKER

VON

GEORG GRONAU

Vor einigen Monaten hat in der Wiener Tages-
presse und teilweis auch in Fachorganen eine
heftige Polemik sich abgespielt, die, von einem Ein-
zelfall ausgehend, endlich die prinzipielle Frage, ob
der Künstler oder der Kunsthistoriker zur Leitung
der Kunstsammlungen geeigneter sei, behandelte.
Der Einzelfall ist, so interessant er an sich sein mag,
von vorübergehender Bedeutung; die prinzipielle
Frage aber, in früheren Jahren oft erörtert, geht
weite Kreise an und rechtfertigt wohl die noch-
malige Besprechung des „Wiener Akademie-Galerie
Streites".

Ich berichte kurz über den Vorgang. Die ita-
lienische Abteilung der Wiener Akademie-Sammlung
wird im Herbst i 9 1 5 nach erfolgter Umhängung
wieder eröffnet. Bode besichtigt sie wenige Tage
später, sieht zu seinem Erstaunen ein ihm völlig
unbekanntes Spätwerk Tizians, das „Tarquinius und
Lucretia" darstellt, erkundigt sich bei dem Diener
nach der Herkunft des Bildes und erfährt, dass es
schon vor einigen Jahren billig erworben, aber nicht
aufgestellt worden sei. Er berichtet über seinen
„Fund" — mit vollem Recht darf man hier dieses
Wort gebrauchen, denn kein Mensch ausserhalb der
Wiener Akademie hatte etwas von diesem Werk
des Tizian zu erfahren bekommen. Dass Bodes

kurzes Referat — Kunstchronik vom 8. Oktober
19 1 5 — einen kleinen Hieb auf die verantwortliche
Stelle enthielt, wird man gewiss verstehen.

Darauf erwidert ein mit Monogramm zeichnen-
der Künstler in der „Neuen Freien Presse" vom
1 7. Oktober (teilweiser Abdruck in „Kunstchronik"
vom 2 2.Oktober). Der Ton wird hier schon lebhaf-
ter, aber hauptsächlich kommt der Meister des Bildes
schlecht weg, der sich schülerhafte Unzulänglichkeit,
groteske Mangelhaftigkeit in der Formengebung
der Hauptpartien vorwerfen lassen muss, gerade
als handle es sich hier nicht um einen seit 3 50 Jahren
verstorbenen Grossmeister, sondern um einen werten
Kollegen, der nur zufällig im andern Lager mit
ausstellt. Wir werden aber die Kritik des Anony-
mus nicht allzu tragisch nehmen, wenn wir im selben
Artikel einmal zu hören bekommen, dass es sich
um ein „bloss untermaltes, gänzlich unfertiges
Werk handelt, das in einigen kleinen nebensäch-
lichen Partien die Hand des Meisters erkennen lässt",
hinterher aber die von der Autorität gestützte Mei-
nung angenommen wird, „dass es sich hier um eine
in alten Teilen echte Originalarbeit Tizians handle"!

Geraume Zeit danach nimmt der Leiter der
Wiener Kaiserlichen Galerie, Gustav Glück, in der
„Neuen Freien Presse" das Wort,um,von derPolemik

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