Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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HANS GRISEBACH, DAS GEBÄUDE FÜR CHEMIE UND OPTIK AUF DER BERLINER GEWERBE-AUSSTELLUNG 1896

HANS GRISEBACH

VON

WALTER CURT BEHRENDT

Die Baukunst des neunzehnten Jahrhunderts ist
Bildungsprodukt. Ein in massloser Über-
schätzung des Historischen erzogenes Geschlecht, das
durch die dauernde Beschäftigung mit den überliefer-
ten Meisterwerken selbst unproduktiv geworden ist,
schafft sich, mit Hilfe seines kritisch gebildeten und
geschulten Geschmacks, durch Auswahl und Nach-
ahmung eine Kunst, die durch äussere Richtigkeit
der Form ersetzt, was ihr an schöpferischer Kraft
und an innerer Ursprünglichkeit fehlt. Es ist das
Verhängnis dieser auf eklektizistischem Wege ge-
wonnenen Bildungskunst, dass sie in ihrem streb-
samen und fleissigen Bemühen um die äussere for-

male Vollendung selbst in den besten Fällen über
die blosse Nachahmung nicht hinausgelangt ist.
Denn die Überlegenheit des geschichtlichen Vor-
bilds ist so mächtig, seine Autorität so unantast-
bar, dass sie die Ausschaltung jedes eigenen künst-
lerischen Wollens erzwingt, und den Mut zu persön-
licher Erfindung lähmt. Aber selbst die vollendetste
Nachahmung wird immer nur die Aufmerksamkeit
darauf lenken, wie weit der Künstler hinter seinem
grossen Vorbilde zurückgeblieben ist. Und das
eben macht die Bildungsarchitektur des neunzehnten
Jahrhunderts so uninteressant, dass fast all ihre
Werke den Reiz des Individuellen vermissen lassen,

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