Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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CHRONIK

SIR WILLIAM VAN HORNEf

Wieder hat der Tod in die kleine Phalanx der ganz
großen amerikanischen Sammler eine Lücke gerissen:
Sir Williarn van Hörne ist in seiner Heimatstadt Mon-
treal in Kanada gestorben. Er war einer der Sammler,
die ihre Leidenschaft alter und neuer Kunst in gleichem
Masse zuwendeten, seinem Herzen standen Rembrandt
und Greco ebenso nahe wie Corot und Daumier. Ein
paar schöne Rembrandts aus der letzten Periode, er-
worben aus den Kann-Auktionen, sowie einige bedeu-
tende Grecos waren die Hauptstücke unter seinen alten
Meistern, das Brustbild des Grossinquisitors, wahrschein-
lich die Naturstudie zu dem berühmten „roten Inqui-
sitor" in der Sammlung Havemeyer in Neuyork hatte
er zu dem gleichen Preise an sich gebracht, den Have-
meyer für das grosse Bild bezahlt hatte. Fast noch
schöner wirkte ein kleines Brustbild eines Heiligen in
Gelb und ein Männerbildnis in Schwarzblau, Kniestück,
prachtvoll gemalt und lebendig wie ein guter Renoir.
Von Meistern des neunzehnten Jahrhunderts liebte er,
ausser Monticelli, dessen feine realistische Landschaften
er neben den phantastischen nicht vergass, besonders
Daumier und Corot. Von ihm besass er zwei herrliche
Figurenbilder, die berühmte „Petite curieuse" und eine
Mutter, die ihr Kind stillt. Eines seiner letzten grossen
Ankäufe vor dem Kriege war eine Bacchantin von Dau-
mier, von dem er ausserdem ein sehr bedeutendes Bild
„Vor dem Laden" (zirka 70XJ0 cm) besass. Delacroix1
„Christus bei Sturm auf dem Meere" erschien nicht als
allerersten Ranges, ebenso das meiste, was er von Renoir
hatte, nur ein Mädchenkopf aus der Zeit der Frankfurter
„Laube" war sehr gut. Überraschungen boten ein halb-
meterhohes Bild von Couture, „Der Zeichner nach dem
Schweinskopf", das merkwürdigerweise ganz starke Ein-
flüsse des gehassten Daumiers zeigt, und ein idealisiertes
Bildnis der George Sand mit der Gitarre von Troyon.

Berühmt war van Hornes Sammlung von orienta-
lischer, meist chinesischer Keramik. Ein grosser illu-
strierter Katalog war in Vorbereitung, Professor Morsse
bearbeitete den wissenschaftlichen Teil und der Be-
sitzer selbst fertigte die Abbildungen, indem er jedes
wichtige Stück in einem technisch äusserst geschickten
Aquarell aufnahm, als Vorlage für die Tafeln. Er war
mit dem Pinsel ein geübter und geschmackvoller Dilet-
tant, arbeitete aber aus Zeitmangel nur nachts bei starkem
elektrischem Licht. Auch seine Landschaftsbilder, die er
aus derErinnerung malte,sind auf dieseWeise entstanden.

Sir William war ein sehr reicher und mächtiger
Mann, einer der einflussreichsten in Kanada, er hatte
die Canadian-Pacific-Bahn erbaut und war der Gründer
der grossen Eisenbahn-, Zucker- und Tabaktruste von
Kuba. Aber er war bei alledem sehr einfach und mensch-

lich geblieben, ein andrer Typus als der „fürstliche"
Widener, der nun auch tot ist, einfach und schlicht-
amerikanisch wie der gleichfalls verstorbene Mr. Pope, der
seine Sammlung dem Museum in Hartford vermachte.
Was aus der Sammlung van Hörne wird, ist einstweilen
nicht bekannt. Zu seinen Lebzeiten sprach man davon,
dass die Stadt Montreal sie erben würde. E. W.

DAS ANTIKE KULTBILD IM BERLINER
ALTEN MUSEUM

Über die Herkunft der schönen Antike des Alten
Museums in Berlin, die wir abgebildet haben und wor-
über Emil Waldmann eingehend berichtet hat (Mai-
heft), machte Direktor Th. Wiegand neulich in der
Generalversammlung der „Vereinigung der Freunde
antiker Kunst" interessante Mitteilungen. Wir fassen
das Wesentliche nach einem Bericht der „Vossischen
Zeitung" kurz zusammen:

Gefunden wurde das Werk an der Stätte einer griechischen
Kolonie der Südküste Unteritaliens. Von dem ersten Besitzer
wurde die Statue über Marseille nach Paris gebracht und in
einem Antiquariat der Rue St. Honor6 aufgestellt. Es gelang
schon damals einem Vertrauensmann der Berliner Museen,
sich zum stillen Mitbesitzer zu machen. Zunächst war ein
grosser Ansturm der vier hervorragendsten Antikenhändler
Amerikas auszuhalten.

Als diese ihrem Ziel nahe zu sein glaubten, legte sich der
aus einundzwanzig Herren bestehende Gesamt vorstand der
„Freunde des Louvre" ins Mittel. Inzwischen hatte die Statue
in den kunstsinnigen Kreisen von Paris das grösste Aufsehen
erregt, und es gehörte zum guten Ton im Sommer 1914, die
Göttin gesehen zu haben. In den Berichten über die Besucher
werden nicht nur die hervorragendsten Sammler und Kunst-
gelehrten, darunter der Generaldirektor des Londoner South-
Kensington - Museums, erwähnt, sondern auch Politiker,
Minister und Finanzleute. Es wird ferner berichtet, dass auf
Leon Bourgeois' Betreiben eine nationale Subskription eröffnet
werden sollte, bei der man auf E. Rotschilds Unterstützung
rechnete. Gleichzeitig liess die Direktion des Louvre die
Sequestrierung der Göttin anordnen, indem sie sich auf einen
veralteten Paragraphen der Kunstgesetzgebung Frankreichs be-
rief, wonach ganz besonders hervorragende Kunstwerke auch
dann vom Staate beschlagnahmt werden dürften, wenn sie
nicht von französischem Boden stammten. So war die Aussicht,
die Göttin für Berlin zu erwerben, ausserordentlich gering ge-
worden; dazu brach der Krieg aus. Indessen liess sich der
Pariser Vertrauensmann der Berliner Museen nicht abschrecken.
Es kam zu einem höchst interessanten, durch Zwei Instanzen
hindurch geführten, sehr kostspieligen Prozess gegen den Louvre
und aus der zweiten Phase des Streites ging der Louvre ge-
schlagen hervor. Die Beschlagnahme wurde aufgehoben.

Nun war keine Minute zu verlieren, da Zu befürchten war,
dass der Louvre das Urteil anfechten werde. Noch am gleichen
Tage wanderte die Göttin in eine längst vorbereitete kunstvolle
Verpackung und kam sofort in einen eigenen Bahnwagen, der
abends dem Schnellzug nach Genf angehängt wurde. Dass
dies alles trotz der grossen Kriegsverwirrung der französischen
Bahnen glatt vor sich ging, ist nahezu als ein Wunder zu be-
zeichnen. Aber auch in Genf wurde der Schatz nicht lange
aufbewahrt, sondern an einen Ort verbracht, dessen Einwohner
von neutralen Empfindungen gegen Deutschland erfüllt sind.
Am 10. Dezember 1915 endlich gelangte die Göttin nach
Berlin und damit ans Ende ihrer für alle Beteiligten nicht
wenig aufregenden Fahrt.

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