Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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NEUE BÜCHER

ALTE UND NEUE KUNSTGESCHICHTS-
SCHREIBUNG

Den höchsten Typus der alten „Kunstgeschichte"
hat Karl Woermann in seiner bekannten, jetzt in zweiter
Auflage erscheinenden „Geschichte der Kunst aller
Zeiten und Völker" erreicht, über deren gediegene Vor-
trefflichkeit keine weiteren Worte mehr gemacht zu
werden brauchen.* Es steht so ungefähr alles darin, was
man von der Kunsthistorie als Überblick wissen möchte,
der gelehrte Verfasser hält sich mit seinen an Polyhistorie
grenzenden Kenntnissen durchaus auf der Höhe der
jeweiligen Forschung auf allen Gebieten und giebt aus
diesen Gebieten in meist kurzen Worten jedesmal die
Summe der Ergebnisse. Ob man sich über die südfran-
zösischen Höhlenfunde oder die Kunst des Barock, über
antike Skulptur oder peruanische Idole zu unterrichten
wünscht — jedesmal erfährt man das Wissenswerte in
allgemeinen Zügen und bekommt die Mittel an die Hand
sich weiter zu bilden. (Besonders der jetzt vorliegende
zweite Band der neuen Auflage, der die Kunst der
farbigenVölker und des Islam behandelt, giebt ein muster-
gültiges Beispiel davon, wie man ein derart schwieriges
und fast nie zusammenhängend bearbeitetes Gebiet
wissenschaftlich aufarbeiten kann.) Jeder, der aus irgend-
einem Grunde Kunstgeschichte zu treiben sich ent-
schlossen hat,wirddenWoermannnicht entbehren können.

* Leipzig und Wien. Bibliographisches Institut. Zweite
Auflage (in sechs Bänden), seit 1914.

Dass der Verfasser sich auch in der zweiten Auflage
keinen Mitarbeiter genommen, sondern das ungeheure
Material allein bewältigt hat, kommt der Homogenität
des Ganzen insofern zugute, als der Leser sich auf dem
Gebiete der Wertungen natürlich immer auf derselben
mittleren Linie der Anschauung bewegt.

Dass in einem solchen Werk die Frage der Wertungen
immer eine nur untergeordnete Rolle spielen kann und
gleichsam nur in latenter Form vorhanden ist, erklärt
sich ja aus dem vorwiegend historisch orientierten Thema
von selber. Es ist eine Entwicklungsgeschichte des That-
sächlichen, der Objekte, nicht etwa eine Entwicklungs-
geschichte der schöpferischen Ideen. Wir alle sind uns
einig darüber, dass innerhalb der Welt der griechischen
Skulptur der „Laokoon" eine schwacheLeistung des damals
schon sehr müde gewordenen griechischen Kunstgeistes
bedeutet, und dass die Statue des „Idolino" in Florenz
eines der grössten Meisterwerke hellenischer Plastik ist, an
künstlerischer Bedeutung mit nur ganz wenigen Dingen
vergleichbar. Aber weil der „Laokoon" seinerzeit, seit
der Renaissance, und besonders im achtzehnten Jahr-
hundert, eine ungeheure Rolle gespielt hat und der
„Idolino" gar keine, widmet Woermann konsequenter-
weise dem „Laokoon", diesem etwas fatalen Schlusswort
der griechischen Skulptur, eine ganze Seite, während vom
„Idolino" in der ersten Auflage nur zu lesen steht: „Wie
nachhaltig der Einfluss des Polyklet war, zeigen aber
auch noch Werke wie der reizende eherne Idolino", der
dann in der zweiten Auflage nur zum Objekt des

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