Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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EMIL PREETORIUS, VIGNETTE

CHRONIK

GEORG HIRTH f
Am 28. März starb, fast fünfundsiebenzigjährig,
nach langem Leiden Dr. Georg Hirth. In ihm verliert das
künstlerische München einen seiner begeistertsten För-
derer. So vielseitig die Interessen Hirths auch waren, der
Kunst blieb doch stets sein Hauptaugenmerk zugewendet.
Man darf wohl sagen, dass Hirth ein volles Menschen-
alter hindurch, etwa von 1880—191 o in dem Münchner
Kunstleben eine wirklich führende Stellung eingenom-
men hat. Als Herausgeber einer grossen Reihe kultur-
und kunstgeschichtlicher Abbildungswerke (Kultur-
geschichtliches Bilderbuch,Formenschatz, Der Stil in den
bildenden Künsten usw.) hat er sich sowohl um die
Kunstwissenschaft wie um dieFörderung des allgemeinen
künstlerischen Interesses und Verständnisses in weiten
Kreisen des deutschen Volkes höchst verdient gemacht.
Er gab die Anregung zu manch wichtigem Werk über
neuere Kunst, zum Beispiel zu Muthers „Geschichte der
Malerei im neunzehnten Jahrhundert", seine Schriften
zur Kunst, wie die „Aufgaben der Kunstphysiologie",
„Wege zur Kunst", „Ideen über den Zeichenunterricht"
enthalten sehr viel Kluges, manch guten Gedanken von
grossem praktischen Wert und viel von dem, was von
den meisten zuerst verspottet und heftig bekämpft
wurde, ist später selbstverständliches Gemeingut ge-
worden. Ich erinnere nur an Hirths vor fünfundzwanzig
Jahren gestellte Forderung, das Zeichnen nach der
Natur im Schulunterricht einzuführen. Das grösste
Verdienst des Verstorbenen bleibt aber seine ent-
scheidende Anregung zur Gründung der Münchner
Sezession (1892) und damit verbunden sein thatkräftiges
Eintreten für die jüngere Münchner Kunst, der er in
der 1896 von ihm ins Leben gerufenen „Jugend" ein
neues Wirkungsfeld und zugleich ein, man darf es wohl
so nennen, mit der Zeit immer einflussreicheres Propa-
ganda-Organ schuf. Es war nicht Hirths Schuld, wenn
eine ganze Reihe Münchner Künstler durch ihre Mit-
arbeit an der „Jugend" mehr und mehr ihre Malerei
von ihrer illustrativen Thätigkeit in verhängnisvoller
Weise beeinflussen Hessen, ihren Bildern nicht nur eine
oft allzu stark illustrative Note verliehen, sondern sie

mit einer häufig allzu grossen Oberflächlichkeit herunter
malten. Dagegen kann man Hirth nicht von einem
übertriebenen Lokalpatriotismus freisprechen, den er
namentlich in seinen „Münchner Neuesten Nachrichten"
in der Weise bekundete, dass er zu wenig Kritik an den
Münchner Künstlern üben und anderen Kunstbestre-
bungen gegenüber, die nicht minder wohlgemeint waren
als die seinen, nicht jene Liberalität walten Hess, die
ihn sonst in so hohem Maass auszeichnete. A. L. M.

HANS POELZIG

Der Architekt Hans Poelzig, bisher Direktor der
Königlichen Akademie für Kunst im Kunstgewerbe in
Breslau, ist von den Dresdener Stadtverordneten als
Nachfolger Hans Erlweins zum Stadtbaurat von Dresden
gewählt worden und hat diese Wahl angenommen.
Beide Teile werden durch diese Wahl gleicherweise
geehrt und verpflichtet. Poelzig hat sich in den letzten
Jahren immer mehr als eine der stärksten und hoffnungs-
vollsten Architektenpersönlichkeiten Deutschlands er-
wiesen, und zu seinen wie zum Wohl der deutschen
Baukunst war nichts mehr zu wünschen, als dass dieser
Künstler vor grosse und verantwortungsvolle Bauauf-
gaben gestellt werden möchte, an denen seine schöne
Begabung zu voller Entwicklung gelangen könnte.
Wenn sich die Dresdener nun Poelzig zum Stadtbaurat
erwählten, so haben sie damit gezeigt, dass sie die bau-
liche Zukunft ihrer Stadt einem Manne anvertrauen
wollen, der zugleich auch ihren gesamten Kunstleben
durch seine kraftvolle Persönlichkeit ein gewichtiger
Mittelpunkt zu werden verspricht (und in der Einlösung
dieses Versprechens wird Poelzig eine seiner wichtigsten
Amtspflichten zu erkennen haben); andrerseits aber
haben sie damit auch die noble Verpflichtung übernommen,
den Künstler nicht nur dauernd mit solchen Aufgaben
zu beschäftigen, wie sie seinem Talent entsprechen,
sondern ihm auch alle Freiheiten zu gewähren, die ihm
der volle Einsatz und die letzte Entfaltung dieses Talents
ermöglichen. Im übrigen hat Poelzig mit seinem neuen
Amt zugleich auch einen Lehrauftrag an der Dresdener
Technischen Hochschule erhalten. W. C B.

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