Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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THOMAS HERBST

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i 8 4 8 — i 9 i 5

VON

"RIEDRICH A H L E R S-H E S T E R M A N N

Thomas Herbst ist fast unbemerkt in Hamburg
gestorben. Und auch wenn der europäische
Krieg nicht die ganze Bühne des öffentlichen Inter-
esses erfüllt hätte, so wäre wohl nicht viel mehr und
in keinen breiteren Schichten darüber geschrieben
oder geredet worden. Denn er hat alles gethan, um
in der Kunstwelt ungenannt zu bleiben, er nahm
keine öffentlichen Ehrenbezeugungen an, er stellte
seit zwanzig Jahren nicht mehr aus und verbot allen,
die um ihn wussten, über ihn zu schreiben, so z. B.
Heilbut, mit dem er lange Jahre befreundet war.
Und als Erich Hancke ihn wegen mancher Einzel-
heit zu der grossen Liebermann-Biographie fragte,
nahm er ihm das Versprechen ab, bei der unum-
gänglichen Erwähnung lediglich „Herbst" ohne
schmückende Beiwörter wie „der talentvolle" oder
„der hochbegabte" zu schreiben. So wusste man
eigentlich nur, dass er zum Liebermann-Kreise ge-
hört habe, mit dem fast gleichaltrigen Meister seit

der Jugend befreundet gewesen sei, und man hielt
ihn wohl für einen aus jener grossen Schar, in
denen der Anblick eines grösseren Genossen vor-
übergehend etwas aufflammen lässt, was sich der
näheren Betrachtung aber nur als Widerschein,
nicht als ein aus eigner Kraft genährtes Feuer er-
weist. Ein Überblicken seines Lebenswerkes nun
scheint uns diese Annahme nicht zu bestätigen, viel-
mehr zeigt es uns einen zwar wandlungsfähigen,
seine Zeit spiegelnden, aber im Kern sich treu blei-
benden, von eigenen Vorstellungen, eigenen Emp-
findungen getriebenen Künstler.

Die seltsame Scheu, mit der er jede Teilnahme
am öffentlichen Kunstleben ablehnte, war keines-
wegs die Folge der Verbitterung eines Einsamen
und Verkannten. Er bejahte gern und mit etwas
unterstrichener Leichtfertigkeit das Bestehende, auch
kannte er die Eindrucksmöglichkeiten seines Auf-
tretens und gebrauchte sie virtuos im kleinen Kreise.

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