Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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Obelisken herum ist Ruhe, Rettungsinsel, und dann
schlingen sich die menschenbesetzten Verkehrslinien
um ihn herum und ziehen sich von ihm weg. Das schöne
Karussell der „Villa Borghese" wird hier noch gesteigert
und intensiviert. Man denke: eine vertikale Mittelachse
auf dem Platz, davon ausgeworfen Bänder von Men-
schen und Gespannen, und nun das Ganze scheinbar in
Drehung, aber mit verschiedenen Drehmomenten, um
jene Achse herum. Dazu noch das elastische Band der
langgestreckten Wagen querüber und der Zug daran
von beiden Seiten. In den einzelnen Menschenstreifen
das wogende Auf und Ab. Die Bewegung des Menschen
wird uns mit einmal in ihren beiden Komponenten
klar: dem Aufwärtsheben des Körpers bei jedem Schritt
und dem Vorwärts; daraus die Woge und Welle.

Auch die Farbe und ihre Anlage bringt das Bild in
Bewegung und Wallung. Von dem Gemüsekarren vorn
aus werden Farbraketen nach allen Seiten und Tiefen
in das schwärzliche Gewimmel der Masse geschossen,
Rot, Grün, Bräunliches und Bläuliches. Unser Auge
schwingt sich von Ort zu Ort über das Bild hinweg und
es geht in Schwüngen vor sich, wie Brückenbogen sich
schwingen. Alles hält uns in Atem, das ganze Bild dreht
sich um uns, es wallt auf, und es ist alle Ekstase des
Lebens darin. Die Komposition ist wohl ausgewogen,

doch wird sie hingerissen vom Gewühl im Ganzen. Ein
derartiges Stück muss nach Volt gemessen werden, nach
Maassen der Spannung.

Es könnte noch von vielem die Rede sein. Von der
Art, wie die darstellenden Momente auch in anderer
Weise noch geordnet sind, dass ihre Fülle erdrückend
auf uns anrückt, wir das Ganze aber doch mit einem
Blick erfassen und dann richtig und mit Freuden und
ohne Angst auflösen können. Von der Regie der
Massen nach dem Sinn des Orts (am Ausgang der Stadt
und an ihrem Eingang) und nach der Absicht des Barock,
sie zu schlingen. Von der formalen Einheitlichkeit,
die sich in der charakteristischen spiegelt. Es ist das
juste milieu des Bürgerstandes und der eleganten
Menschen. So ein Wagen ist rassig wie von Guys.
Vom geographischen und historischen Aroma: man kann
sagen, so und nicht anders glimmt abends in Rom der
Stein, so wird man gerade dort und in jenerLuft plötzlich
von dem besondern Grün über einer Architektur ange-
sprochen. Und dann: man spürt den Boden und sieht
wie auf eine historische Bühne. Ägypten steht da und
das alte Rom taucht auf und das päpstliche, das auf den
Obelisken sein Zeichen setzte und zum Schluss sagt noch
einmal der Barock eindringlich, wie es die Welt dieses
Platzes angesehen haben will, indem es ihn so anlegte.

CHRONIK

Odilon Redon f
Aus Paris kommt dieNachricht, dass der MalerOdilon
Redon gestorben ist. Mit ihm ist aus der modernen Kunst
eine merkwürdige Erscheinung verschwunden. Nicht
eigentlich eine schöpferische Persönlichkeit. Lange
Zeit galt er dafür und man sprach von ihm als von
einem grossen Romantiker. Das war er aber keines-
wegs. Seine Romantik kommt vielmehr von dem ver-
späteten Nazarener Moreau her und ist fast süsslich.
Seine Malweise hat etwas Amateurhaftes. Doch ist sie
gesättigt mit französischer Kultur und französischem
Geschmack. Sie duftet zugleich nach dem Parfüm der
Salons und nach Weihrauch. Redons Phantasie schwelgte
im Szenarischen, sie liebte es, mächtige Himmels- und
Wolkenlandschaften darzustellen, in denen Pegasus und
Apoll auf dem Sonnenwagen als Staffage erscheinen. Er
war ein mehr malerisch als zeichnerisch arbeitender
Ideenmaler. Seine Blumenstilleben haben etwas Spiri-
tistisches und berühren sich in einigen Punkten mit den
Bestrebungen der Jüngsten. Am ausdrucksvollsten hat
Redon sich in seinen phantastischen Lithographien ge-
äussert, wie dennüberhaupteinstarkillustrativesElement
in seiner Kunst steckt. Über diese Lithographien hat Jan
Veth in diesen Heften einmal ausführlich geschrieben.
(Jahrgang II. Seite 104.)

Benno Bern eis -f
Zu den Opfern des Krieges zählt nun auch der
Maler Benno Berneis, der seit einigen Jahren der
Freien Sezession angehörte. Er ist gefallen, während
er noch mitten in seiner künstlerischen Entwicklung
war, so dass man wohl von seinem Talent, kaum aber
von bestimmten Werken sprechen kann. Sein Talent
war romantischer Art. Er liebte eine gewisse Art von
phantastischer Aufgeregtheit, er kultivierte die leiden-
schaftliche Malerei und erinnerte in seinen Motiven
zuweilen an Delacroix. Darum gehörte er auch nicht
so sehr der Generation der nach der Natur arbeiten-
den Impressionisten an, als vielmehr den im Atelier
dichtenden Expressionisten. Aus jeder seiner Arbeiten
sprach eine ungemeine geistige Lebendigkeit.

„Schimmelpfennig contra Marschall."
„Ein künstlerischer Streit um die Urheberschaft am
eisernen Hindenburg."

Wenn man in den Tageszeitungen diese Überschrift
las, glaubte man, keiner von beiden wolle es gewesen
sein. Aber im Gegenteil, beide wollen es gewesen sein.

Notiz.
Die Ausführungen über „Die Entdeckung des
Poussin" auf Seite 5:69 des Augustheftes sind von
Julius Meier-Gräfe geschrieben. Die Namensnennung
ist durch ein Versehen unterblieben.

iZO
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