Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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KARL WALSERS WANDMALEREI

VON

EMIL WALDMANN

Es ist in Deutschland
oft beklagt worden, dass
es keine wahrhaft künst-
lerische Wandmalerei
mehr gäbe. Nicht als ob
keine Wandgemälde ge-
schaffen würden. Wenn
in München die Gebäude
eines Ausstellungsparkes zu dekorieren sind, steht
immer eine nicht kleine Anzahl von Malern zur Ver-
fügung, die mit grossem Geschick und bemerkens-
wertem Können die Aufgabe so lösen, dass man
zugeben muss, dergleichen festfreudige Dekoration
sei wohl nur in München möglich. Aber für die
Kunstgeschichte,die es mit schöpferischen Grössen zu
thun hat, spielt dies kaum eine Rolle, es bleibt eben
doch auf dem Niveau der Dekoration; denn es
entstehen dabei keine von innen heraus nötige neue
Formenwelten, die, auch jenseits des Dekorativen,
noch Daseinsrecht hätten.

Anderseits ist der grosse Monumentalmaler
unserer Tage, der Schweizer Ferdinand Hodler, ein

Problematiker. Das Elementare, Schöpferische, das
seine Kunst in die Welt gebracht hat, befähigt ihn
zum Monumentalmaler, und Werke seiner ersten
Reifezeit, etwa der „Rückzug der Schweizer nach
der Schlacht bei Marignano" haben den grossen
Stil, der dem Wandbilde bisher fehlte. Vielleicht
war dieser Stil noch nicht ganz und gar eigenes
Gewächs, noch nicht ganz der echte Hodlerstil.
Holbein ist noch ein wenig darin und Rethel. Aber
da die Form, in der dies geschaffen wurde, sich doch
unkonventionell bis ins Letzte äusserte, bedeuteten
diese Erinnerungen keine Schwächung. Je weiter
Hodler dann kam, je mehr er seinen Stil entwickelte,
um so stärker ward das Problematische, der Zwie-
spalt in ihm. Das architektonische System fing an
die blutvolle Frische des Malerischen ein wenig zu
ersticken. Wenn man Einzelbilder von ihm sah, diese
Reihe herrlicher, grosser Schöpfungen, schien sein
Stil nach monumentalen Freskoaufträgen gebiete-
risch zu verlangen. Gab man ihm solche Aufträge,
so blieb ein ungelöster Rest; die Werke in Jena
und in Hannover lassen doch die selbstverständliche

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