Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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MAX LJEBERMANN, STUDIENBLA'IT ZUR „FLACHSSCHEUER IN LAREN". 16

ÜI.EISTIFT

LIEBERMANNS ZEICHNUNG

VON

ERICH HANCKE

Dem (vom Jahre 1890 aus) Zurückblickenden
scheint die künstlerische Entwicklung Lieber-
manns sich zwar unstet zu bewegen, oft das Ziel
ändernd,aberbiszur„Flachsscheuer"erweistsichseine
Natur doch nachdrücklich als die eines Koloristen.
Rein malerisch waren seine Absichten, soweit sie
sich freiringen konnten. Er liebte die Klarheit der
Mittel. Er dachte seine Bilder für Ölfarbe, ge-
wissermassen als Stilleben. Sie waren den Augen
eine Freude. Und seine Zeichnung war von An-
fang an, das heisst sobald nicht mehr Bleistift und
Feder des Knaben alleiniges Werkzeug bildeten, die
Dienerin seiner Malerei. Er zeichnete streng und

Anm. d. Red.: Im Februar und März war bei Paul Cassirer,
Berlin, eine sehr umfangreiche und gewichtige Ausstellung von
Zeichnungen Liebermanns zu sehen, die auch dadurch be-
deutungsvoll geworden ist, dass damit das schwierige Geschäft
der Datieruug zum erstenmal ernsthaft begonnen hat. Statt
einer besonderen Ausstellungsbesprechung drucken wir das
Kapitel Hanckes aus seinem Liebermann-Buch ab, weil es das
Beste und Genaueste ist, was bisher über den Zeichner Lieber-
mann gesagt worden ist.

unmalerisch. Zum Studium, nicht als Selbstzweck.
Nun aber unterliegt er einem neuen, antipathischen
Einfluss, und allmählich, wie die Tendenz seiner
Malerei vom Reinmalerischen sich abwendet, wird
die Zeichnung zum Ausdrucksmittel seiner Ab-
sichten, so dass in dem Augenblicke, wo jene Ten-
denz ihren Höhepunkt erreicht, man in seinen
Zeichnungen und nicht in seinen Bildern die reinste
Äusserung seines Talents suchen muss.

Und die Werke, die er schafft, sind so mannig-
faltig, schliessen einen so weiten Kreis von Wir-
kungen ein, sind so endgültig, als ob aller Reich-
tum der Natur dem Künstler zu hellen und dunklen
Flecken geworden wäre, als ob seine Vision sich in
eine luministische verwandelt hätte. Und doch ist
er ein Kolorist. Er war es bis dahin und wird es
wieder, sobald jener Einfluss seine Macht ver-
loren hat.

Liebermanns Respekt vor der Zeichnung ist ein
angeborener. Seine Überzeugung war von je: Malen

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