Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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des von einer griechischen Sonne beleuchteten antiken
Marmorgebälks. Man blickt schliesslich gar nicht mehr
auf die Künstlernamen und ist beinah unangenehm ent-
täuscht, wenn Einzelpersönlichkeiten wie der virtuose
Berliner Ed. Hildebrandt oder der geistreich feine Wiener
Rudolf von Alt mit Arbeiten hervortreten, in denen
der Blick vom Was mehr auf das Wie hingelenkt weiden
soll. Eben darum sind auch einige Arbeiten von Menzel
deplaziert. Sie fordern zum künstlerischen Genuss auf,
der etwas ganz anderes ist, als dieses belebte Prome-
nieren — gewissermassen mit dem Bädecker in der

Hand — durch die deutschen Kulturstätten des neun-
zehnten Jahrhunderts. Das Beste, was man von dieser
sorgfältigen Ausstellung sagen kann, ist dieses: man lernt
die spröde Epigonenkultur des vorigen Jahrhunderts,
man lernt vor allem die kühle, gouvernementale Hohen-
zollernkultur wieder einmal von ihrer liebenswürdigen
Seite kennen und empfindet mit einer Art von poetischer
Verwunderung den Kontrast zwischen dem Deutsch-
land, das jetzt im Getöse eines Weltkrieges an erster
Stelle steht, und dem stillen klassizistischen Preussen
Friedrich Wilhelms des Vierten. K. Seh.



NEUE BÜCHER

KRIEGSZEICHNUNGEN

siuiff

Je»

Die Opfer, 10 Steinzeichnungen von Hermann
Ebers. München, Goltz-Verlag.

i 9 i 4. Zwölf Lithographien vonReneBach. München,
Goltz-Verlag.

Kriegsbilderbogen Münchner Künstler. Litho-
graphien, koloriert. München, Goltz-Verlag, 1914.

Klabund-Seewald, Kleines Bilderbuch vom Krieg.
München, Goltz-Verlag, 1914.

Hinter den Heeren, 11 Original-Lithographien
von Erich Thum. München, Goltz-Verlag, 1914.

Kriegserlebnisse, 10 Original-Lithographien von
Hermann Goebel. Verlag Gebr. Bück, Mannheim.

Im Zeichen des Krieges, 8 Steinzeichnungen
von Edm. Schaefer. Komm.-Verlag von Gustav A.
Rietzschel, Leipzig.

Aus Ostpreussens Not von Bruno Bielefeldt.
Herausgegeben vom Dürerbund, Verlag Georg D. W.
Callwey, München.

Aus Galizien und Polen, 14 Steinzeichnungen
vom östlichen Kriegsschauplatz von Max Bucherer.
Verlag Ernst Reinhardt, München.

Robert Haug, Kriegsbilder von einst, heraus-
gegeben vom Kunstwart. Verlag Georg D. W. Callwey,
München.

Beim Durchlesen dieser Liste wird es auffallen, dass
sich die Kriegszeichner fast all der Lithographie be-
dienen. Und zwar der Lithographien grossen Formats.
Es zeigt sich wieder, dass die Steinzeichnung so recht
die graphische Technik der Aktualität ist. So war es
schon zu Daumiers politisch bewegten Zeiten und so
ist es heute wieder, wo der grosse Krieg so viele Zeichen-
stifte in Bewegung setzt. Eine künstlerische Wieder-
geburt der Lithographie ist allerdings noch nicht die

Folge gewesen. Die Technik ist ihrer Bequemlichkeit,
Wohlfeilheit und malerischen Wirkungskraft wegen er-
griffen worden, das Talent aber hat sie nicht fördern
können. Alle die oben angeführten Mappenwerke sind
aus der Erregung der Zeit heraus entstanden und in der
Hoffnung, der neue grosse Stoff würde auch die künst-
lerische Handschrift gross geraten lassen. Das ist
natürlich nicht eingetroffen; es konnte nicht sein, weil
ein neuer Stoff Talent nicht hervorrufen kann, weil, im
Gegenteil, das Pathos der Zeit zu einer gar zu summa-
rischen Pathetik auch der Kunstform verführt und weil
die Künstler dem gewaltigen Stoff viel zu nahe stehen,
als dass sie ihm gegenüber frei werden könnten. Es ist
weiterhin bezeichnend, dass sich die eigentlich bedeuten-
den deutschen Zeichner der Gegenwart an diesen Ver-
öffentlichungen nicht beteiligt haben. Aber selbst wenn
es der Fall wäre, würde das Resultat noch problema-
tisch sein müssen. Eine Anzahl von Kriegslithographien
in der „Kriegszeit" von namhaften Künstlern, hat all-
wöchentlich den Beweis geliefert. Diese Veröffent-
lichungen gehören der Mehrzahl nach den ersten Kriegs-
monaten an, jener Zeit, als die Wellen noch hoch gingen
und jedermann irgendwie aus der gewohnten Bahn ge-
rissen war. Einer späteren Zeit wird es weiterhin wahr-
scheinlich auffallen, dass in allen diesen Blättern nirgends
eine sachliche Abschilderung von Krieg und Kampf ver-
sucht worden ist, sondern dass alle Zeichner die Auf-
gaben mehr oder weniger symbolisch-allegorisch ge-
nommen haben. Sie alle haben die Idee, das Gefühl
des Krieges malen wollen. Dabei sind sie dann wie von
selbst, und im Gegensatz zu den Schlachtenmalern nach
1870, ins Dekorative geglitten. Und dieses wieder
leitet unmerklich hinüber zum Kunstgewerblichen und
Ornamentalen. Diese Erscheinung hängt auch mit dem
Entstehungsort zusammen: der Mehrzahl nach sind die

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