Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 14.1916

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NEUE BÜCHER

Karl Scheffler, Menzel, der Mensch — das
Werk. Berlin, Bruno Cassirer. 1915.

Zum Gedächtnis Menzels hat uns Scheffler dieses
Buch als eine stille Säkularfeier beschert. Es ist kein
opus magnum; der Kataloge konnte es entraten, weil
ihrer vorläufig genug über Menzel erschienen sind; wer
aber meinen sollte, es sei nun auch genug über Menzel
räsoniert, der wird von Scheffler artig eines Besseren
belehrt. Sein Buch ist gut zu lesen und mit seinen
glücklich gewählten und vortrefflich reproduzierten
Abbildungen auch gut zu besehen.

Jede Zeit hat Ursache, ihr Urteil über die grossen
Meister der Vergangenheit neu zu formulieren — da es
sich eben mit jedem Geschlechte wandelt. Und das
Urteil unseres Geschlechts derer, die Menzel als Greis
zu ihren Zeitgenossen zählten, hat Scheffler besser
formuliert als seine Vorgänger. Er hat damit vorläufig
die Akten geschlossen — bis zur Verhandlung, vor der
nächsten Instanz, die von der jüngeren Generation in
einigen Jahrzehnten anberaumt werden mag.

Unter dem Eindruck der grossen Menzelausstellung,
die nach dem Tode des Meisters in der Nationalgalerie
stattfand, hatten als die Berufensten Tschudi und Meier-
Graefe seine übliche Geltung (— alles ist wohlgethan —)
einer Revision unterzogen. Jeder war dabei auf seine
Art, das heisst Tschudi gemessen und Meier-Graefe
lebhaft und stark pointierend, zu dem nämlichen Ergeb-
nis gelangt, dass Menzel vielmehr als Zeichner denn als

Maler und viel mehr in seinen jungen Jahren als auf der
Höhe seines Ruhmes zu schätzen sei. Namentlich
Meier-Graefe wirkte in seinem Buche, das vielleicht als
sein bestes gelten darf, revolutionierend. Nur in einem
Punkte ging er zu weit — als er Menzels künstlerischen
Charakter in Frage stellte. Hier widerspricht ihm
Scheffler mit gutem Grunde. Ihm stand ein Schlusswort
zur Debatte wohl an, weil er scharfsinnig, wohlwollend
und gerecht urteilt. Seine resümirende Betrachtung,
über Menzel als Menschen, in der er die Folgerichtigkeit
in Menzels Entwickelung und die über jeden Zweifel
erhabene Redlichkeit seines Charakters darthut, ist un-
widerleglich. Es ist ja nicht wahr, dass der Künstler
und der Mensch irgendwann und irgendwie getrennt
zu betrachten seien, da ja doch die Aufgabe des Küntlers
in nichts anderem besteht als in der Darstellung des
Menschen — nicht des Objektes, das draussen irgendwo
umherläuft, sondern des schauenden und schaffenden
Subjekts. Eben deswegen hätte Scheffler den ersten Teil
seines Buches ebensowohl „der Künstler" überschreiben
können. Der Künstler oder der Mensch Menzel war
nun, wie Scheffler überzeugend ausführt, keineswegs
zwiespältig oder untreu gegen sich selbst, wohl aber
war er in hohem Maasse kompliziert — eine Natur, die
bei aller Bereitwilligkeit zu dienen und einer auferlegten
oder selbstgewählten Pflicht zu genügen auch einen
Herrenwillen besass; eine Natur ferner, die bei viel-
facher Härte gegen andere und sich selbst eine liebe-

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