Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 6.1931

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Das Haus Tugendhat in Brünn

WALTER RIEZLER

Die Führer der neuen Baukunst haben es mit
verschuldet, wenn deren Gegner immer wieder
mit dem Argumente kommen: es fehle der neuen
Baukunst alles das, was sie eigentlich erst zur
„Kunst" mache, was jedenfalls als das innere
Wesen aller früheren Baukunst zu gelten habe,
also die Überwindung des Zweckhaft-Konstruk-
tiven durch eine geistig - seelische Haltung, die
Erhöhung des sachlich Gebundenen in das freie
Reich des Absoluten. Nicht ein Gegner, sondern
ein Führer der jungen Bewegung hat das Wort
von der „Wohnmaschine" geprägt und damit alle
diejenigen vor den Kopf gestoßen, die von der
Wohnung nicht nur die möglichst reibungslose
Befriedigung praktischer Bedürfnisse verlangen,
für die vielmehr Wohnen soviel wie Leben, und
zwar Leben außerhalb der Arbeit bedeutet. Sie
alle wollen nichts davon wissen, daß nun, wie oft
gefordert wurde, an die Stelle des Baukünstlers
der „Bauingenieur" treten solle.

Nun ist es gar keine Frage, daß in der Tat noch
niemals, seit es eine Baukunst gibt, das Bauen so
sehr von rationellen Erwägungen und Berechnun-
gen bestimmt war wie heute. Was bei der Be-
trachtung und Erforschung der Baukunst früherer
Zeiten niemals gelingen kann: die Formen restlos
als ein Produkt aus Stoff, Zweck und Arbeits-
weise zu deuten — das scheint heute ohne jede
Schwierigkeit möglich zu sein. Und zwar ordnen
sich die beiden Faktoren des Stoffes und der
Arbeitsweise offenbar dem dritten völlig unter:
die Baustoffe werden gewählt und verarbeitet
nach keinem anderen Gesichtspunkt wie dem des
Zweckes. Und dieser Zweck ist, wiederum zum
erstenmal so klar und bewußt, vorerst einmal die
Erreichung eines möglichst großen Nutzeffekts
bei möglichst geringen Kosten. Dieser Nutzeffekt
aber ist nur bei gewissen Bauaufgaben, die heute
schon nicht mehr die entscheidenden sind, ein
rein wirtschaftlicher, bei allen anderen aber, und
zwar den wichtigeren, ein sozialer: mit dem ge-
ringsten Aufwand für möglichst viele Menschen
die günstigsten Wohnbedingungen zu schaffen,
das ist offenbar diejenige Aufgabe, die heute
nicht nur dem Architekten am häufigsten gestellt
wird, der die sorgfältigste und mühevollste
Überlegung gewidmet wird, sondern die auch
am stärksten auf die „Stilbildung" — wenn man
dieses gefährliche Wort heute schon wieder ver-

wenden darf! — gewirkt hat. Gidion hat ein-
mal mit vollem Recht darauf hingewiesen, daß
noch niemals eine Baukunst so sehr durch die
sozialen Forderungen und Bedürfnisse der Masse
bestimmt war wie die heutige. Alles das, was
jedem auffällt, der ein gutes modernes Wohn-
viertel durchwandert: die Gleichmäßigkeit, die
Schmucklosigkeit im großen und kleinen, der Ver-
zicht nicht nur auf jede „überflüssige" Form, son-
dern auch auf alle„Städtebaukunst"imaltenSinne
zugunsten einer möglichst einwandfreien hygie-
nischen Haltung — ist hierfür ebenso bezeich-
nend wie die Sorgfalt, die auch im Innern der
Häuser auf alle diejenigen Dinge verwendet
wird, die heute vom Standpunkt der Volks-
gesundheit aus für notwendig gehalten werden,
ob das nun die möglichst günstige Besonnung
der Räume oder die sorgfältigste, schließlich
jeden Schritt berechnende Durchbildung der
Küchen und Badezimmer ist. Alles, bis herab
zum Türgriff, dessen Form durch die Rücksicht auf
die greifende Hand und auf den Fabrikations-
vorgang eindeutig bestimmt zu sein scheint, muß
genau so „funktionieren" wie man es von einer
Maschine verlangt. Es hat in der Tat den An-
schein, als erschöpfe sich die Tätigkeit des Archi-
tekten heute in diesen Aufgaben und als bleibe
nur noch das eine übrig, diese Probleme allmäh-
lich auch für etwas differenziertere Bedürfnisse
durchzudenken, für deren zeitgemäße Befriedi-
gung heute noch die wirtschaftlichen Voraus-
setzungen fehlen. Jedenfalls sieht es so aus, als
sei die Formgebung heute durch diese ganz
realen, im wahrsten Sinne des Wortes rationalen
Forderungen bis ins letzte festgelegt, als gebe
es das, was man „Gestaltung" nennt, nur unter
der Herrschaft oder doch unter dem Einfluß dieser
Forderungen, also innerhalb eines im Vergleich
zu allen früheren Epochen stark eingeengten Be-
reiches, das nichts zu tun hat mit jenem Reiche
des „Absoluten", in das wie alle große Kunst
auch die Baukunst hineinreicht, in dem sie ihrem
innersten Wesen nach zu Hause ist.

Nun hat aber der Vater jenes Wortes von der
„Wohnmaschine", Le Corbusier, einige Jahre
später dieses Wort selber widerrufen (vgl. „Die
Form" 1929, S. 180): „Wo beginnt die Archi-
tektur? Sie beginnt dort, wo die Maschine auf-
hört." Er verteidigt sich gegen den Vorwurf des

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