Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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XXXV. JAHRGANG.

DARMSTADT.

JANUAR 1924.

DIE MACHT DER GESTALTUNG

jede neue form ist verdrängung des chaos.

Wenn der Geist den Stoff mit mächtiger Liebe
umklammert und mit ihm das Neue erzeugt,
in dem fortan Geist und Stoff organisch gebunden
zusammen leben, dann sprechen wir von Gestal-
tung. Ihr Grundtrieb ist Liebe, ihre Tätigkeit
ist Zeugung, ihr Ziel ist Gestalt; und dies alles
ist voll Ernst, voll Kraft und Willen, es ist Leistung,
Arbeit und Vollbringen«. Die alte griechische Sage
von der Königstochter Semele, in die das Geistig-
Göttliche als Blitz hinabzuckt und die es zur
Mutter des Dionysos macht, ist der eigentliche
Mythos alles echten Gestaltens. In ihm zeigt sich
an, daß das echte künstlerische Gebilde den Gott
selber mitteilt, aber in unschädlicher und leben-
fördernder Gestalt. . . Das ist die ewige Würde
des echten Gebildes, daß es das Gewaltige und
selbst Furchtbare der Welt in sich enthält, aber
in einer Form, die dem Menschen erträglich, för-
derlich und lebenmehrend ist . . Tiefsinnig erzählt
die Weisheit der Inder, daß Brahma die Welt
im Anfang der Zeiten erschuf und dann ihr sich
mitteilte durch Name und Gestalt. Auch hier
also die Anschauung, daß alles wahrhaft Gestaltete
die Urkraft in sich enthält und diese Urkraft dem
Menschen faßlich und dienlich macht als tägliche

Nahrung seines Daseins . . Daher kommt es, daß
das echte Gebilde mit solchem Ernst und Nach-
druck auftritt. Wir sehen in ihm das Irdische
sich auftürmen wie die Woge unter der Einwirkung
des Zyklons. Vorher eine gestaltlose, ungeglie-
derte Masse, erhebt es sich unter der Einwirkung
des zeugenden Geistes zum höchsten geschöpf-
lichen Prunk, strahlend in seiner neuen Würde,
als eine Verfestigung dessen, was der Erde in
Liebe zugeneigt ist . . Jede neue Form ist eine
Verdrängung, eine Bändigung, eine Verformung
des alten Chaos. Jede neue Gestalt rückt wie
der Fahnen-Speer, den ein Eroberer in die Erde
stößt, die Marken des Menschlichen weiter hinaus.
Wo Form ist, wo sinnvoll gestaltende Kräfte am
Werk sind, da ist Gewähr und Möglichkeit des
Daseins, da wohnt das Geistige mitten unter uns
und hilft uns leben . . Auch im Bereich der künst-
lerischen Gestalt vollzieht sich schließlich nichts
anderes als jenes ewige zweisinnige Handeln des
Geist-Wesens, das alles Irdische zu geistiger Kraft
sublimiertund das Geisterzeugte in irdischem Stoff
verdichtet und festhält, damit von ihm Kraft und
Leben, Sinn und Bedeutung sich in alle die Him-
melsgegenden des Daseins ergießt. Heinrich ritter.

1924. i. 1.
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