Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKO RATION

ENTWURF: ARCHITEKT CARL MQLLER — KÖLN SCHLAFZIMMER. AUSF: P. MICHAUD — LEIPZIG

FORM UND VERZIERUNG

BEIDE SIND INNERUCH VERBUNDEN

In der Spannung zwischen der naturhaften Vitalität des
»Spiels« und der Macht des »Gesetzes« entsteht
Kunst. Zweckbestimmung und Material sind für den
Künstler, den Kunsthandwerker dasselbe, was für den
Tänzer die Schwerkraft und die Gleichgewichts-Beding-
ungen sind: er kann sie keinen Augenblick los werden
und muß sie doch jeden Augenblick in seinem Schaffen
überwinden. Und der echte Künstler gleicht dem voll-
kommenen Tänzer, der in jeder Bewegung das Gesetz
anerkennt und es doch in jeder Bewegung überwindet.

Verzierung ist ein »Spiel mit der Form«, — weil
alles künstlerische Schaffen auf einem Spiel mit der
Form beruht. Aber sie ist es nicht im Sinne einer lusti-
gen Dreingabe. Sie ist ein Weiterschwingen des Form-
spieles an den äußeren Rändern, gleichsam die Schaum-
krone auf dem Wellenkamm. Sie ist wohl etwas Peri-
pheres, Zentrifugales, etwas, das nach Außen strebt, aber
doch nicht eine bloße Zutat. Sie ist, begrifflich ge-
nommen, eine Sache für sich, — wie wir ja auch ein
eigenes Wort für sie haben, — und läßt sich doch von
der Form nicht trennen, ist innerlichst mit ihr verbunden,
wächst aus ihr heraus. Man kann sie nicht weglassen; oder
wo man es kann, da handelt es sich um eine schlechte
Verzierung. Und umgekehrt: wo die Verzierung nicht
im Rhythmus des Phantasie-Spieles, aus dem jede Form

entsteht, schon angelegt, vorbereitet ist, da wirkt sie als
etwas Fremdes, Unorganisches . . Es gibt also keine
scharfe Grenze zwischen »Form« und »Verzierung«.
Gerade bei Dingen von künstlerischer Qualität kann man
nicht sagen, wo die »Form« aufhört, und wo die »Ver-
zierung« beginnt. In Wahrheit ist diese, wo sie echt ist,
und sogar da, wo sie in überschwenglichem Reichtum
sich entfaltet, wie in den Formen des Barock und Ro-
koko, stets ein integrierender Teil der Form, bildet mit

der Form eine untrennbare ästhetische Einheit.....

Form ohne Verzierung, — man sollte nicht so sagen,
aber es gibt nun einmal keinen anderen Ausdruck, —
»Form ohne Verzierung« darf also nicht von der ver-
zierten Form aus verstanden werden; sie muß von sich
aus, aus ihrem eigenen Wesen heraus gefaßt werden, als
etwas Ursprüngliches, als etwas Eigenwüchsiges. Sie
entsteht dadurch, daß eine Zeit das eigentümliche Lebens-
gefühl, das der Verzierung entspricht, verneint oder gar-
nicht hat, daß im Rhythmus ihres Schaffens die Ver-
zierung überhaupt nicht angelegt ist. Nur in diesem
Sinne, — wenn sie der notwendige Ausdruck einer
eigentümlichen Stellung des Menschen zum Leben ist,
kann die »Form ohne Verzierung« etwas Wesentliches
sein. Und in diesem Sinne ist sie heute etwas Wesent-
liches. DR. WOLFGANG PFLEIDERER. (aus »die form ohnb Ornament« .)
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