Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

Als zweites Bild gibt sich die Wand mit der Eingangs-
X\_ tür, einer Stehlampe und dem Bett, der vorhin be-
schriebenen Wand gegenüber. Dieses Bett ist eine Gondel,
schwarz und rot, wenn du es seitwärts betrachtest, ein
geheimnisvolles Gefährt zu den Abenteuern des Traumes.
Ganz anders mutet es an, wenn es nicht im Profil, son-
dern von gegenüber betrachtet wird. Da fällt vor allem
das reiche, netzförmige Fächerwerk des Kopf-Endes auf,
in schwarz poliertem Birnenholz. Quellende Motive sind
in dem Schnitzwerk, die ohne an wirklich Daseiendes
zu erinnern, an Fülle und an Fruchtbarkeit gemahnen.
Eine schlanke Stehlampe, fein gegliedert, emporstre-
bend und überschattet von einer dreifach ineinanderge-
fügten, herabhängenden Glockenblume aus zitronengelber
Seide, von der schwarz-weiße Perlen herabtropfen, steht
nahe zur Eingangstür Wacht. Diese Tür, in Weiß und
Gold schimmernd, ist in ihrem Rahmen fast eins mit dem
Bühnen-Rahmen. Die Türfläche weist ein dreiteiliges
Goldrelief auf, das an das Netz- oder Spitzen werk des
Betthauptes anklingt . . Dies war die zweite Wand . .



Hart daneben, zu Beginn der dritten Wand, sehen
wir eine etwas höhere Tür, mit einfacherem Rahmen, auf
der Fläche wieder ein reliefartiges, dem vorigen ver-
wandtes Bildwerk. Uber dieser Tür schwebt ein weib-
liches Wesen, — ein Gegenbild der Figur über der Bühnen-
öffnung — und gießt mit der Linken ein Füllhorn aus,
dem Blumenblätter, Zweige und Sterne entquellen. Ihre
Augen wollen sich gerade öffnen, sie werden bald zu
vollem Leben erstrahlen. Es ist die »Morgendämmerung«.
Dieses Relief wurde, wie das frühere, von Ludwig Kozma
zusammen mit dem Bildhauer Oskar Varga modelliert.

An dieser dritten Wand steht, behäbig und dennoch
zart gerundet und gezackt, das rote Samtsofa. Wie ein
jüngerer Bruder kauert vor ihm, ganz ähnlich geformt,
aber mit blauem Samt überzogen, ein Sessel. Ein anderer
Sessel ist dem Bette verwandt, nur daß ihn die fächer-
artige Holzlehne im Bogen umkreist. Uber dem Sofa:
ein kleiner, goldumrahmter Trapezoid-Spiegel. Rechts
und links davon kunstvoll gearbeitete Wandleuchter
mit kleinen Seidenschirmen . . So ist die dritte Wand. .



Die vierte Wand mit dem hohen, in acht Felder ge-
teilten Fenster ist nicht weniger bedeutungsvoll als die
übrigen. Das Tageslicht wird von einem dünnen schleier-
artigen Vorhang gedämpft, in den Blumen, Tiere und
Menschenfiguren eingestickt sind. Unter dem Fenster
mit seinem ornamentalen Filet erblickt man das bronzene
Heizkörpergitter. Rechts steht ein Servier-Tischchen,
links ein Lehnsessel. Ein dreifach gezackter Fries läuft
mit eigener Körperlichkeit, hervorstehend, unter der
Zimmerdecke um die Wände. Und wie eine riesige
Lotusblume hängt in der Mitte des Gemaches ein Lüster.
Aber das grelle elektrische Licht ward überall verborgen
und nirgend sticht dir die Lichtnadel geradeaus ins
Antlitz. Ein wunderbar milder Schein geht von diesen
verdeckten Lichtern aus . . Mit grausilbernem Samt ist
der Zimmerboden bedeckt, der die Schritte dämpft. . .

Der rote Vorhang wird auseinander gezogen: auf dem
erhöhten Podium aus lichtbraunen und grauen Vierecken,
das sich gegen das Schlafzimmer mit einer geschweiften
Abrundung abgrenzt, steht, unvermittelt aufragend, der
hohe Spiegel. Daneben das schlanke schwarze Toiletten-
kästchen, auf der anderen Seite der blausamtene Sessel.

Im Hintergrunde ein Fenster, von dem aus sich rechts
und links die getäfelte Wand mit je fünf eingebauten,
geräumigen Garderobe-Schränken kulissenartig an-
schließt. Reich geziert überwölbt die Decke den Raum.
Auf reich geschnitztem Sockel, der in der Form einer
Lyra aufstrebt, ruht der spitzovale Spiegel. Die goldene
Pracht dieses Spiegelwesens, — dessen mystische Ge-
walt seit Jahrtausenden verherrlicht und dennoch nicht
ergründet wurde, — erinnert fast an fürstliche Gemächer
des Mittelalters. Spitzen und netzartige Verzierungen
ranken sich an dem Rahmen empor, man glaubt Wappen
zu erkennen, dann sind es aber Blumenblätter und Frucht-
schoten und in dieser Üppigkeit und Straffheit der Mo-
tive verbirgt sich rechts und links je ein Figürchen. . . .

Köstlich ist auch das Toiletten-Kästchen, das wie auf
vollendet gerundeten, edlen Tierbeinen vornehm und
schwarz bereit steht, einWunderwerk elastischer Schlank-
heit. Ganz eigenartig sind die rhythmischen Wellen und
Wölbungen des Körpers, unter Tausenden zu erkennen
die feinen Metallzierate. Und vollends, wenn zwei Flügel
des geöffneten Kästchens nach rechts und links sich aus-
breiten, dann ist es wieder ein ganz anderes Bild .. Auch
diese Ankleide-Nische überstrahlt das künstliche Licht,
gedämpft wie aus Soffiten, unwirklich und alles verklärend.

So webt jeder Gegenstand in diesem wundersamen
Raumgebilde sein Eigenleben, eingesponnen in seine
Sonderheit, und ist dennoch verwandt mit den anderen
Dingen im Raum und geht mit allem in diesen zwei
Räumen, die einen bilden, in eine ruhevolle Einheit auf.



Vergleicht man dieses Gemach mit den bisherigen
Arbeiten Ludwig Kozmas, so zeigt sich ein rüstiges
Fortschreiten des Künstlers. Sowohl in der Farben- wie
in Raum-Wirkung, wie in den einzelnen Möbeln wird eine
wagemutige, eigenartige Persönlichkeit kund, die hier
in der Vielgegliedertheit dennoch ein Einheitliches schuf,

— nicht weniger einheitlich als ein Rokoko-Salon; deko-
rativ in allen seinen Ausstrahlungen und dennoch nicht
theoretisch verzopft. Hier ist »Stil«. Worin besteht das
Geheimnis dieses Stils? Er geht vom Geschichtlichen
aus, nimmt das Beste vom Alten als selbstverständlich
zur Kenntnis und baut darauf Heutiges auf; eine Synthese
westlicher und östlicher Wesensart: westliche ökono-
mische Sachlichkeit, die von östlicher Üppigkeit bestrahlt
wird. Ein Wissen um alles, was im Westen dagewesen,
ein Werben und Ringen um den Reichtum des Ostens.

Welches Glück für den Künstler Kozma, daß er sich
in dem edlen Material einmal ausleben und sich in solchem
Maß emporsteigern durfte! Und welches Verdienst der
feinfühligen Auftraggeberin, die dem Architekten diese
Möglichkeit gewährte und diesen Traum des Künstlers
zur Wirklichkeit werden ließ. . . jenö mohäcsi-budapest.



DER TRAUM. Ich träumte: ich sei ein Schmetterling,
ein hin- und herflatternder, in allen Zwecken und
Zielen ein Schmetterling. Ich wußte nur, daß ich meinen
Launen wie ein Schmetterling folgte und war meines
Menschen-Wesens unbewußt. Da erwachte ich und lag
da: wieder »Ich selbst« . . Nun weiß ich nicht: war ich
da ein Mensch, der träumte, er sei ein Schmetterling,

— oder bin ich jetzt ein Schmetterling, der träumt, er
sei ein Mensch? . . Zwischen Mensch und Schmetterling
ist eine Schranke. Diese Schranke überschreiten ist:

»Wandlung« genannt. tschuang-tse. (rbdisn und Gleichnisse.)
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