Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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INNEN-DEKORATION

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»geschmückt«, Zierformen und »Förmchen« angebracht; sen hingegen stets in Schranken gehalten werden, damit
— wie unwohnlich ist das alles gegenüber dem sach- sie nicht »mehr zu sein scheinen« wollen, als ihr Schöpfer
liehen Komfort unseres verlassenen, kleinen Räumchens! tatsächlich ist! Das oberflächlich aufgesetzte Schmuck-
Das Auto, will ich damit sagen, das den Bedürfnissen werk, das nicht aus schöpferischer Phantasie und der
unserer Zeit entspricht, die Bedingungen, die das Leben handwerklichen Freude bei der Material-Bearbeitung ent-
stellt, sachlich erfüllt, den Geist unserer Zeit zum Aus- steht, oder über das hinausgeht, was ein Industrie-Er-
drück bringt und in ehrlichem, präzis arbeitendem, kon- Zeugnis bieten kann und darf, ist immer unbefriedigend,
struktivem Geist gebaut ist, hat neben allen diesen Vor- Schaffen wir uns also eine ehrlich gestaltete und an-
zügen, — vondenen jenes Haus kaum einen vorzuweisen ständige Umgebung, die frei ist von allem falschen
hatte, — auch die vollkommene Form, die man von der Schein und ihre Stärke ebenso in der sachlich gebauten
Architektur fordert und fordern muß, — die Form Form wie in ihrem Gehalt, im gediegenen Material wie in
nämlich, die außer ihrer konstruktiven Haltung dessen bester Verarbeitung bietet . . Haben wir erst
noch den Wert des »inneren Gehaltes« besitzt.. . diese schlichte und ehrliche Umgebung, die nach William
Dieses Beispiel habe ich gewählt, um Eines, worauf Morris in der Tat »kein Verzicht sondern der Beweis
es mir besonders ankommt, festzustellen: jenes Haus mit einer Verfeinerung« ist, so ist der Weg auch wieder
allen seinem Drum und Dran war vor seinem Entstehen für andere, größere Aufgaben erschlossen . . a.g.schn.
eine »künstlerische Angelegenheit«; — das Auto aber ist ^
es erst nach seinem Entstehen geworden . . So gibt es vr\N nen Mll??F
viele Dinge, in der Architektur und im Möbel-Bau, die VU1N UtK MUbSt
viel gehaltvoller und von besserer Haltung wären, wenn "\ 7ielgibtes wahrlich zu tun und vielleicht bist Du nur
das bauende Element vorherrschen würde, und das V eine schwache Kraft. Aber setze Dich immer ganz
»schmückende« Element, — nicht nur das Ornament ein für das, was Du tust, so wirst Du den Erfolg sehen,
an sich, sondern auch Farben-, Flächen- und Linien-Spiel, Steter Tropfen höhlt den Stein, und mit kleinen Streichen
dem man gemeinhin einen größeren Anspruch auf Kunst- fällt man starke Eichen . . »Darf man sich denn keine
wert einräumt, — den Zusammenhang des Ganzen nicht Muße gönnen?« fragst Du. Verwende Deine Zeit gut,
gefährden würde. Die Zierform muß sich dem konstruk- wenn Du Muße gewinnen willst. Und da Du keiner
tiven Ganzen unter-oder einordnen . . Auch hier er- Minute sicher bist, vergeude nicht eine Stunde. Muße
schließt das Eingehen allein auf den sachlichen Zweck und ist etwas anderes als Müßiggang! Muße heißt: Zeit ge-
die klare Konstruktion immer wieder neue Form-Möglich- winnen, um etwas Nützliches zu tun! Diese Muße findet
keiten. Die auf das Verzieren gerichteten »Einfälle« müs- der Tätige immer, — der Träge nie .. Benjamin Franklin.

professor adolf g.schneck-stuttgart. anrichte in k1rschbaum-hou
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